Schwester Manfreda hat nach dem Mauerfall das erste katholische Kinderhaus Sachsens gegründet. Ein vorweihnachtlicher Besuch bei der Franziskanerin im Kloster Reute.
In den Bergen Umbriens, so besagt die Legende, lebte ein Wolf von schrecklicher Größe. In seiner grimmigen Wildheit verschlang er auch Menschen. Als Franz von Assisi, den viele für närrisch hielten, ins Bergdorf kam und von dem Wolf erfuhr, beschloss er, ihm ohne Schwert und Schild entgegenzutreten.
Alsbald rannte die Bestie auf den heiligen Mann zu. Doch die göttliche Kraft, die von ihm ausging, ließ das Untier innehalten. Sein schaurig aufgesperrter Rachen schloss sich, gesenkten Kopfes schlich es heran und legte sich gleich einem Lamm zu des Heiligen Füßen. Franziskus aber umarmte den Wolf und verurteilte ihn nicht. „Ich weiß wohl“, so redete er, „du tust alles Schlimme nur vom Hunger getrieben, aber du wirst keinen Hunger mehr leiden müssen.“ Und er nahm das Tier mit ins Dorf, wo der Wolf sich von Tür zu Tür Nahrung geben ließ, ohne jemandem ein Leid zu tun. Auch ihm taten die Leute nichts und fütterten ihn freundlich.
Aus Gertrud wird Manfreda
Gut 800 Jahre später und 800 Kilometer entfernt feiern die Nachfolgerinnen des heiligen Franziskus ihren Morgengottesdienst. Draußen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Der Kirchenraum ein schwarz-grau-weißes Meer aus Ordenstrachten. Herwigis, Osmunda, Hygina, Consolata, Armina und all die anderen – jede hat hier ihren Stammplatz. In einer hinteren Bank sitzt wie immer Schwester Manfreda. Vor mehr als 60 Jahren trat sie mit sieben jungen Frauen den Franziskanerinnen bei. Acht nummerierte Zettel wurden damals ausgegeben, sie zog die Nummer acht: „Erst am Altar erfuhr ich dann, dass ich von nun an nicht mehr Gertrud Sophia heiße, sondern Manfreda. Das war eine Überraschung.“
Nach der Eucharistie federt die 84-Jährige mit flinken Schritten über die schier endlosen Gänge des Klosters, vorbei an Kruzifixen und Heiligenbildern, am Duft von frischem Holzofenbrot und Hefezöpfen der hauseigenen Bäckerei. Sie holt jetzt Zeitungen zum Austragen, kümmert sich um Post, bereitet noch einen Geburtstag vor, vielleicht besucht sie ein paar Mitschwestern. Um dreiviertel elf gibt es schon Mittagessen.
Über die Jahrhunderte erwuchs im oberschwäbischen Reute aus einer abgeschiedenen Klause ein weitverzweigter Klosterkomplex, der sich stolz auf einer Anhöhe streckt. Mit der Webertochter Elisabeth Achler fing alles an. Sie lebte hier um 1400 mit vier Gefährtinnen in selbst gewählter Armut. Wo die Gute Beth, wie das Volk sie nannte, sich einst in ihrer Mystik verzehrte, ist heute der Gut-Betha-Brunnen, er führt immer noch Wasser. Und alljährlich am ersten Juli-Samstag wird das Grab der Seligen zur Pilgerstätte.
Fast hundert Jahre stand ihr Kloster verlassen, bis 1870 wieder Franziskanerinnen einzogen, die erste Neugründung einer Ordensgemeinschaft im Königreich Württemberg. Zu Blütezeiten war Reute Heimat für 2000 Schwestern, die meisten von ihnen verstreut in alle Winde, um Gottes Wort in die Tat zu setzen. Noch heute ist das Kloster geistliches Zentrum der Diözese. Hier lebt Schwester Manfreda im Ruhestand.
Als drittältestes von sieben Geschwistern kam sie in einem Alb-Dorf zur Welt. Wenn von Münsingen her deutsche Panzer anrollten, winkte Gertrud ihnen zu. Bei Bombenangriffen saß sie mit dem ganzen Dorf betend im Keller. „Komisch, dass ich das noch weiß, ich war ja erst drei.“
Auch die Heimkehr des Vaters aus dem Krieg hütet sie in ihrem Gedächtnis. Der 2. Juli. Am Abend hatten sie in der Kapelle noch Mariä Heimsuchung gefeiert. In der Nacht klopfte es an der Tür. „Da sprang ich aus dem Bett: Dr Baba isch komma!“ Eigentlich habe sie ihn gar nicht gekannt – „trotzdem wurde ich gleich ein Papakindle“, sagt Schwester Manfreda. „Wollen Sie das denn alles schreiben? Das ist doch nicht wichtig.“
Der Glaube war von jeher ihr Kompass. Morgens betete die Mutter mit den Mädchen, während sie ihnen die Haare kämmte. Gertrud hatte langes Haar, tiefschwarz wie der Vater. In der Dorfschule gehörte das Gebet zum Unterricht. Wenn es Mittag läutete, hielt man inne und betete. Den Abend beschloss die Familie mit einem Gebet – „auch mal draußen vor dem Haus, wie es sich gerade ergab“, erzählt Schwester Manfreda.
Meistens spielte sie mit den Dorfkindern im Wald, bei Schlechtwetter Mühle oder Fang-den-Hut in den Stuben. Sie war auch viel in der Schmiede des Vaters. Was da für Leute kamen, um ihre Pferde beschlagen zu lassen. Oder Kriegskameraden zum Mosttrinken. „Wir Kinder hörten zu, was sie erzählten und hatten dabei unsere Fantasie.“
Von klein auf wollte sie Erzieherin werden. „I mecht zu de Kinder“, sagte sie immer. Mit 14, nach der Schule, schickte die Mutter sie zunächst in einen Haushalt nach Saulgau. Eine Freundin nahm sie einmal mit zu Exerzitien nach Reute. „Und ich hab sofort gespürt: Hier bin ich daheim“, sagt Schwester Manfreda. „Von da an hatte ich keine Ruhe mehr, ich wollte ins Kloster.“ Als Ordenskandidatin durfte sie an der Ulmer Fachschule für Sozialpädagogik Erzieherin lernen. Als 20-Jährige legte sie ihr ewiges Gelübde ab.
Sie hat so viele Erinnerungen an kleine Menschen, wie sie sagt. Manchmal sprechen frühere Kindergartenkinder sie an. Erzählen, was aus ihnen geworden ist. In Biberach, wo sie 15 Jahre arbeitete. Oder in Bad Waldsee, wo sie schon ganz auf die Montessori-Pädagogik eingestellt war. „Es ist schön, wenn sie gern an mich zurückdenken.“
Schwester Manfreda und ihre Kinder von Hoyerswerda
Dann der Mauerfall, der auch für sie eine Wendung bedeutet. Ihr Orden will drüben zu einer Neuorientierung beitragen. Wer hat den Mut? Sie meldet sich. Mit Schwester Magdalena (Klinikseelsorge), Schwester Rebecca (Sozialstation) und Schwester Hildegard (Gemeindedienst) macht sie sich auf nach Sachsen. Vier Franziskanerinnen für Hoyerswerda – das kurz zuvor durch Brandanschläge auf ein Flüchtlingswohnheim in die Schlagzeilen geriet.
Schwester Manfreda soll für die Kinder da sein und ihren Glauben weitergeben. Hoyerswerda hat 70 000 Einwohner, der Katholikenanteil liegt nur bei knapp fünf Prozent. Aber sie hat eine Idee . . . Sie tritt vor den Rat der Stadt. Erzählt, wer sie ist und was sie will. Wartet draußen, während man sich drinnen berät. Wird wieder in den Saal gerufen: „Schwester Manfreda, machen Sie das.“
Kein Haus, kein Architekt, kein Geld, kein Bauplan. Immerhin, der Pfarrer versteht was vom Bauen. Mit 30 Kindern fängt sie in provisorischen Räumen an, startet zugleich eine Selbsthilfeaktion zum Umbau der Kinderkrippe nebenan. Leute von der Kirchengemeinde machen mit, Eltern verlegen Böden, Rentner mit Bohrmaschinen, Kinder kratzen Tapeten ab. Ein großer Zulauf. 1992 ist es vollbracht: Das erste katholische Montessori-Kinderhaus Sachsens öffnet – mit 90 Kindern von sechs Monaten bis zehn Jahren und katholischen Erzieherinnen aus der Lausitz.
Sie fragt die Eltern nie, woran sie glauben. Sagt ihnen aber, dass in ihrem Haus von Gott erzählt und gesungen, gebetet und in die Kirche gegangen wird. „Sie haben sich darauf eingelassen.“ Und wenn die Kinder ihr allzu forsch kommen, nimmt sie ihnen den Wind aus den Segeln: „Na Schwester, hast du deinem Gott heute schon guten Morgen gesagt?“ – „Ja natürlich.“ Oder sie knien spöttisch vor ihr auf den Boden: „Wunderbar, du weißt wohl schon, dass man beten kann.“
Da ist viel religiöses Verlangen, das spürt sie. „Hier in Oberschwaben wissen die Leute, wer Gott ist, interessieren sich aber oft nicht mehr für ihn. Drüben wussten sie nichts von Gott, wollten ihn aber kennenlernen.“ Einmal die Woche lädt Manfreda alle Eltern mit ein, von Jesus und seinen Worten zu erfahren: „Wenn ihr nicht lernt, wieder zu werden wie die Kinder, werdet ihr Gott nie verstehen. Ihr könnt ins Himmelreich nicht anders kommen als mit kindlichem Vertrauen.“
Was wird aus Hoyerswerda? Die Braunkohleindustrie ist am Ende, Arbeitslosigkeit greift sich die Menschen wie ein Riesenkrake. Neonazis gehen um. Auf Demos spricht sie Jugendliche an („ob rechts oder links“) und lädt sie zum Tee ein. „Viele sind gekommen, wir hörten ihnen zu.“ Manche müssen auch erscheinen, weil sie zu Sozialstunden verdonnert sind. Schwester Manfreda wartet, bis sie von sich aus zu fragen beginnen.
Wendegeschichten von Entwurzelung und Verlorenheit
Viele Menschen öffnen sich vor ihr. Sie hört Geschichten von Gewalt, Entwurzelung, Verlorenheit. Wendegeschichten. Mütter, die ihr Kind einer Freundin schenkten und in den Westen abhauten. Erzieherinnen, denen man deutlich zu verstehen gab, dass alles falsch war und ihre Lebensleistung gleich Null. „Die allermeisten haben mir vertraut“, sagt Schwester Manfreda. Auch vom Ministerium sei sie voll unterstützt, von der PDS voll akzeptiert worden. Dabei habe sie nichts Besonderes gemacht. Nur, was sich gehört. „Wollen Sie das denn alles schreiben?“ Mit 70 Jahren geht sie zurück in die Heimat. Eine Ordensschwester als Nachfolgerin finden sie nicht. Aber das Kinderhaus gibt es immer noch, „es läuft in unserem Sinne weiter“.
Das mit dem Bundesverdienstkreuz hängt sie nicht an die große Glocke. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat es ihr damals überreicht. Am Bande. Sie bewahrt es in einer Schublade auf, getragen hat sie es noch nicht. Die Kette mit dem Tau-Kreuz ist ihr äußeres Zeichen und Auszeichnung genug. Der heilige Franziskus segnete damit Menschen, unterzeichnete Briefe oder malte es auf Häuser und Bäume. Tau ist Demut.
Um halb fünf Rosenkranzgebet, dann Vespergebet, Vespermahlzeit, dann frei. Am Abend schaut sie meistens Nachrichten mit Schwester Magdalena (die sie jetzt schon lange durch das Leben begleitet). Was in der Welt so geschieht.
Eine Welt, aus der die Schwesternschaft langsam rauswächst. In Reute leben noch 100 Franziskanerinnen. Die alten sterben weg, junge kommen keine mehr nach. Kann die Gemeinschaft überdauern? „Wenn man daran denkt, dass es einst mit fünf Frauen angefangen hat, werden wir das wohl auch noch schaffen“, sagt sie. Und wer weiß, in welche Richtung sich die Welt noch dreht? „Ich glaube, die Leute tragen große Sehnsucht in sich nach Stille und Heil und Gott.“
Der aktuelle Zeitgeist setzt andere Akzente. „Wie viele Eltern beten noch mit ihren Kindern?“ Manfreda schließt sie stets in ihre Fürbitte ein: „Lieber Gott, segne die Kinder und lass aus ihnen werden, was du willst.“
„So viele sind am Ende ihrer Kräfte und wissen nicht mehr, was tun“
Viele glauben, dass sie Gott nicht mehr brauchen und alles aus eigener Kraft schaffen: „Aber so viele sind am Ende ihrer Kräfte und wissen nicht mehr, was tun.“ Alles möchte man haben: Katalog-Schönheit, Macht, Reichtum. „Das gibt es im Kloster nicht.“ Sie kriegt keine Rente, kein Taschengeld. „Mit Geld haben wir nichts zu tun. Wenn ich was brauche, muss ich nur bitten und bekomme es.“ Aber sie braucht ja nichts.
Eine eigene Familie hätte sie sich immer gut vorstellen können. Nur, sie fühlte sich halt berufen. „Natürlich läuft in einem Leben nie alles glatt, auch bei uns gibt es ein Auf und Ab, auch wir sind Menschen – und zwar ganze Menschen.“ Am Ende aber war immer die Gewissheit: Gott will sie in seiner Nähe. Dafür steht ihr goldener Ring am Finger.
Um 1220, so die Überlieferung, feierte Franz von Assisi Heiligabend in einer Felsgrotte des Rieti-Tals, legte sie mit Stroh aus und holte Tiere dazu. Die Botschaft des ersten Krippenspiels: Das Weihnachtswunder ist nicht vorbei, es dauert fort. Und es umfasst selbst das einfachste Geschöpf.
Auch die Franziskanerinnen von Reute werden heute Abend wieder in einer zum Stall umgewandelten landwirtschaftlichen Maschinenhalle am Fuß des Klosters feiern. Die Bauern aus der Umgebung bringen Rinder, Schafe, Esel, Stroh und dann ist Gottesdienst mit den Tieren. „Wunderschön, wenn man die Heilige Nacht so erlebt.“