Sarah Herbert und das Surfbrett, mit dem sie den Atlantik überqueren will. Foto: EPA

Eine Französin will den Atlantik überqueren: auf dem Surfbrett und mit einem Herzschrittmacher.

Paris - Sarah Hébert denkt sich nicht viel dabei, als sie zum Belastungs-EKG aufs Rad steigt. Ein Routinetest für die durchtrainierte Athletin, die mit 21 schon dreifache Französische Meisterin im Windsurfen ist. Doch je fester Sarah in die Pedale tritt, desto wahnsinniger schlägt plötzlich die Kurve aus. Zuerst messen sie 250, dann 300 Herzschläge, Werte kurz vorm Infarkt. Die alarmierende Diagnose: lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen.

Wenige Tage später, wir schreiben das Jahr 2006, pflanzen die Ärzte in Brest der jungen Frau einen Defibrillator ein. Ein gerade einmal 25 Millimeter kleines Gerät, das dem Herzen im Ernstfall elektrische Schockstöße verpasst und seitdem zu einem gesunden Rhythmus verhilft. Doch als Hébert aus der Narkose erwacht, hat sich ihr Leben schlagartig verändert. „Du fühlst dich, als hättest du einen Stein in der Brust.“ Doch am Schlimmsten trifft sie die Entscheidung des nationalen Surferverbands. Denn übervorsichtige Funktionäre entziehen der ehrgeizigen Sportlerin erst einmal die Lizenz – ­entgegen dem Rat ihrer Kardiologin.

Ziel ist das französische Guadeloupe

Sechs Jahre später, inzwischen 28 Jahre alt, will die ehrgeizige Windsurferin es der ganzen Welt zeigen. Will schaffen, was bisher noch keiner Frau gelungen ist: den Atlantik auf einem ganz normalen Surfbrett mit Segel zu überqueren. Sie – die Frau mit dem kranken Herzen und dem starken Willen. 4000 Kilometer zwischen Afrika und Amerika in nur 25 Tagen – eine mörderische Strecke durch die unendlichen Weiten des Ozeans. Eines geheimnisvollen Meeres, das zaudernde Seefahrer vor Kolumbus ehrfürchtig „mare tenebroso“, „Meer der Finsternis“, nannten. Und tunlichst mieden. Denn sie waren überzeugt, dass sich sein Wasser in eine todbringende eingedickte Masse verwandeln würde.

Vor zwei Wochen, am 22. Februar, hat sich das „meteorologisch günstige Fenster“ für Sarahs irren Wellenritt endlich geöffnet. In Dakar, an der Westspitze Afrikas, setzt die Französin das Segel und ihren schlanken Fuß aufs schmale Brett. Ihr Ziel: Saint-François auf der Karibikinsel Guadeloupe.

Auf dem Ozean ist Mademoiselle Hébert in ihrem Element. „Ich liebe ihn“, sagt sie. Hier, umgeben von Wasser, Wellen und Wind, von Sonne und Salz, geht ihr trotz der Strapazen das Herz auf. Schließlich hat sie schon die ganze Kindheit und Jugend auf den Weltmeeren verbracht – meistens zwischen Tahiti und La Réunion auf der Yacht ihrer segelverrückten Eltern.

„Menschen mit Herzschrittmachern sind keine Behinderte“

Die Wellen niedrig und der Wind stark, schießt sie an manchen Tagen mit über 25 Knoten ihrem Traumziel entgegen. Die Kapverdischen Inseln liegen längst hinter hier, bald hat sie die Hälfte zurückgelegt. Aktuelle Videoclips illustrieren das kräftezehrende Drama, das in Anlehnung an den Hemingway-Klassiker auch „Die junge Frau und das Meer“ heißen könnte. Täglich steht sie bis zu acht Stunden auf dem Brett. Trotz reichlich Schutzcreme auf der Haut haben die UV-Strahlen schon tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Angst vorm Ozean? „Nein, überhaupt nicht.“ Angst habe sie allenfalls vor zwei Dingen: Sturm und Windstille.

Bevor die Sonne im Meer versinkt, steigt die Extremsportlerin aufs Begleitboot, einen Katamaran. Der wichtigste Mann an Bord ist der Physiotherapeut. In diesem Sommer hätte sie auch bei den Olympischen Spielen in London an den Start gehen können. Doch der Rekordversuch auf dem Atlantik betont sie, sei ihr wichtiger. Auch weil sie der Welt zeigen will, dass Menschen mit Herzschrittmachern keine Behinderten sind. Der Slogan ihres Rekordversuchs lautet: „Mit dem Herzen ist ­alles möglich.“

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