Der neue Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) kam einst als Flüchtlingskind aus Syrien und verspricht jetzt einen Neuanfang.
Ein Aufstieg wie aus dem Bilderbuch: In den 1980er Jahren kam Mike Josef als vierjähriges Kind mit einer christlichen Flüchtlingsfamilie aus Syrien nach Deutschland, in gut sechs Wochen wird er Oberbürgermeister der fünftgrößten deutschen Stadt Frankfurt am Main. Der heute 40 Jahre alte Sozialdemokrat setzte sich bei der Stichwahl am Sonntag nach einem höchst spannenden Rennen mit 51,7 zu 48,3 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Uwe Becker durch. Damit wird Josef am 11. Mai die Nachfolge des umstrittenen Peter Feldmann antreten, der wegen seiner Verwicklung in die Affäre um die Arbeiterwohlfahrt (Awo) am 6. November vergangenen Jahres abgewählt und sechs Wochen später wegen Vorteilsnahme vom Frankfurter Landgericht zu einer Geldstrafe verurteilt worden war.
Auch wenn beide aus der SPD kommen – der Kontrast zwischen dem alten und neuen Stadtoberhaupt könnte kaum größer sein. Feldmann, der gegen sein Urteil noch rechtlich vorgeht und die Partei verlassen hat, wurden ein Hang zur Prunksucht, einsamen Entscheidungen und Eitelkeit nachgesagt, Josef tritt umgänglich, fast bescheiden auf, gilt als Teamplayer und Mann der eher leisen Töne. Als er am Sonntagabend mit seiner Frau Chrisovalandou unter dem Jubel seiner Anhänger und „Mike, Mike“-Rufen in den Römer kam, sagte der frischgewählte Oberbürgermeister, er nehme seinen Sieg mit großer Demut auf: „Ich empfinde eigentlich nur Dankbarkeit, Dankbarkeit gegenüber unserer Stadt, unserem Frankfurt.“
In Ulm galt Josef als talentierter Nachwuchsfußballer
Nach der Ankunft mit seiner Familie in Deutschland lebte Josef zunächst in einfachen Verhältnissen in Ulm, wo er es zu einer gewissen Fähigkeit als Nachwuchsfußballer brachte. Nach der Haupt- und Realschule gelangte er auf Umwegen an die Frankfurter Universität, wo er Politik, Geschichte und Jura studierte und als AStA-Mitglied erstmals mit Politik in Berührung kam. Er engagierte sich für die Abschaffung der Studiengebühren in Hessen, wurde Gewerkschaftssekretär und als erst 30-Jähriger Vorsitzender der Frankfurter SPD. Schließlich wurde er zum hauptamtlichen Stadtrat gewählt und übernahm im Magistrat das Planungs- und das Sportdezernat.
Zu Feldmann ging er auf Distanz, forderte ihn nach der Zulassung der Anklageerhebung vergeblich zum Rücktritt auf und betrieb als SPD-Parteichef zusammen mit Grünen, CDU und anderen Parteien das Abwahlverfahren gegen den OB. Nach dem ersten Wahlgang, bei dem Josef mit nur 24 Prozent deutlich hinter dem ehemaligen Bürgermeister und Stadtkämmerer Becker von der CDU mit dessen 34,5 Prozent lag, drohte ihn die Awo-Affäre noch einmal einzuholen, weil nun mit dem städtischen Hauptamtsleiter und ehemaligen Feldmann-Referenten ein ebenfalls der SPD angehörender Beamter angeklagt wurde. Doch das Thema spielte im Wahlkampf für die zweite Runde nur noch eine untergeordnete Rolle.
Den Sieg sicherten vor allem Anhänger der Grünen
Am Tag nach seiner Wahl kündigte Josef am Montag einen Neuanfang an. So werde er das ganz auf Feldmann ausgerichtete Hauptamt neu organisieren und so versuchen, weiteren Fällen vorzubeugen. Nach der Wahlanalyse der Stadt verdankt Josef seinen – wenn auch knappen – Sieg vor allem den Grünen-Wählern, deren Kandidatin im ersten Wahlgang ausgeschieden war. Obwohl die Parteiführung sich erst spät zu einer eher indirekten Wahlempfehlung aufraffte, verbuchte der SPD-Kandidat demnach 87 Prozent der Grünen-Wähler aus dem ersten Wahlgang für sich. Josef versprach am Montag, den Koalitionsvertrag von Grünen, SPD, FDP und Volt umzusetzen. Er wolle aber der „Oberbürgermeister alle Frankfurter“ sein und für grundlegende Entscheidungen über die Zukunft der Stadt auch die CDU-Opposition zu gewinnen versuchen.