Der 1. FC Heidenheim ist in der Fußball-Bundesliga seit acht Spielen unbesiegt. Vor dem Duell mit Spitzenreiter Bayer Leverkusen verrät Trainer Frank Schmidt, was ihn nach dem Aufstieg am meisten überrascht hat und was er von einem Bauleiter gelernt hat. Und er spricht über Europapokalträume sowie den VfB.
Ungeschlagen in der Liga, ungeschlagen im DFB-Pokal, ungeschlagen im Europacup – Bayer Leverkusen ist derzeit das Maß aller Dinge. Kann der 1. FC Heidenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr/Voith-Arena) diese Ausnahmemannschaft stoppen. FCH-Trainer Frank Schmidt schätzt die Lage ein.
Herr Schmidt, Sie erinnern sich doch bestimmt noch an die Überschrift unseres letzten Interviews?
(Lacht) Ich habe in den vergangenen sieben Monaten so viele Medientermine gehabt wie zuvor in zehn Jahren nicht zusammen. Das ist Wahnsinn, da hat sich durch unseren Aufstieg in die Bundesliga schon etwas gravierend geändert. Aber war es eine Überschrift, mit einem Inhalt, den ich mir am Ende der Saison wünsche?
Sie lautete „Geht nicht, gibt’s nicht!“.
Das passt auch. Das war unser Motto beim FCH in der vergangenen Saison – und passt im Übrigen in allen Lebenslagen. Habe ich erzählt, auf was das Motto zurückgeht?
Nicht, dass ich wüsste.
Meine Frau und ich haben 2019 noch einmal altersgerecht gebaut (lacht). Da ich ja zwei linke Hände und dazu noch zehn Daumen habe, wie ein guter Freund mal sagte, legte ich unser Schicksal komplett in die Hände unseres überragenden Bauleiters, der übrigens Gladbach-Fan ist, was aber nichts zur Sache tut. Ihn fragte ich, ob wir noch einmal etwas rückgängig machen könnten, und er sagte dann: Geht nicht, gibt’s nicht! Das ist so ein Beispiel, dass dir Dinge im Leben passieren, die du auch als Trainer anwenden kannst.
Es geht also auch, dass Sie am Saisonende in den Europapokal einziehen?
Ich kann verstehen, dass wir mit dem Thema konfrontiert werden, zumal die Euphorie gerade riesengroß ist. Aber Europa ist wirklich kein Thema bei uns, weder intern im Verein noch in der Kabine. Ich will kein Miesepeter sein. Ich bin immer Optimist, aber eben auch Realist. Ich habe vor der Saison klipp und klar gesagt, dass wir mit allem, was wir haben, den Klassenverbleib schaffen wollen. Und den haben wir eben noch nicht geschafft. Deshalb gilt für uns nach wie vor: Klappe halten und weitermachen!
Ihre Mannschaft ist seit acht Spielen ungeschlagen, steht auf Platz neun und wirkt sehr stabil. Warum so vorsichtig?
Weil es so viele prominente Beispiele gibt, die sich schon in Sicherheit gewogen haben und es dann doch noch anders kam. Ich möchte, dass wir beharrlich an unserem Ziel festhalten. Es gibt keinen Grund, in eine andere Richtung zu blicken.
„Keine 36 Etappen mit Relegation“
Aber gegen einen komfortablen Klassenverbleib hätten Sie auch nichts einzuwenden?
Nein, aber wir spielen das erste Jahr in der Bundesliga, und wir wollen einfach nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Ich bin froh, dass bei uns alle geerdet sind. Wir befinden uns auf der Tour de Bundesliga. Dabei haben wir uns in eine sehr gute Position gebracht. Jetzt möchte ich keine 36 Etappen mehr haben mit Relegation, sondern es nach der 34. geschafft haben. Aber zunächst steht für uns am Samstag die 22. Etappe an.
In der Sie der Ausnahmemannschaft Bayer Leverkusen die erste Saisonniederlage beibringen können.
Man darf schon sagen, dass wir krasser Außenseiter sind. Aber wer mich kennt, weiß: Wir treten immer an, um etwas zu holen. Das gilt besonders für die Heimspiele, in denen wir immer eine Chance haben. Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen. Das macht doch den Fußball aus, deshalb ist bei uns auf der Ostalb auch die Emotionalität und Identifikation so riesengroß.
Kein „Wir bruddeln uns von Sieg zu Sieg“ mehr, wie es in der Vereinshymne heißt?
Nur noch vereinzelt. Jetzt ist es eher so, dass man in der ganzen Euphorie einfach nicht mehr allen Wünschen gerecht werden kann, weil ich mich als Trainer schließlich nicht teilen kann.
Was hat Sie am meisten überrascht in der bisherigen Saison?
Es gab vor der Saison Menschen und Experten, die stellten die Frage: Wie und wo soll Heidenheim zehn Punkte holen? Von daher könnte man sagen, dass wir da stehen, wo wir jetzt stehen, ist die größte Überraschung. Doch wir stehen zu Recht da, weil wir uns durch gute Leistungen jeden einzelnen Punkt verdient haben. Wir haben uns schneller angepasst als gedacht. Und was ich nicht für möglich gehalten hätte, ist, dass uns so viele Fans auswärts begleiten. In Bremen waren 800 dabei, früher vielleicht 80 bis 100. Im Schnitt waren bisher 2300 FCH-Fans bei unseren Auswärtsspielen dabei. Das macht mich stolz.
„Blutige Nase gegen Augsburg“
Vor der Saison befürchteten Sie, dass sich Ihr Team öfters mal eine blutige Nase holen wird.
Also die Nase ist relativ gerade. In Leverkusen haben wir 1:4 verloren, aber erstens haben wir dort in der 60. Minute das 1:1 erzielt und zweitens hat Leverkusen auch den FC Bayern mit 3:0 geschlagen. Ein richtig blutige Nase haben wir uns gegen den FC Augsburg geholt – nach 2:0-Führung noch 2:5 verloren. Aber wir haben daraus schnell gelernt.
2024 gab es in fünf Spielen nur vier Gegentore.
Mannschaftstaktisch und was unsere defensive Stabilität betrifft, haben wir uns am meisten weiterentwickelt. Unser Torwart Kevin Müller spielt herausragend, er ist einer der Toptorhüter. Er ist ein extrem sicherer Rückhalt, das strahlt auf seine Vorderleute aus. Wir haben Arbeiter wie unser Mentalitätsmonster Lennard Maloney und Individualisten, wie Jan-Niklas Beste, Tim Kleindienst und Eren Dinkci, die harmonieren. An Tiefe und Tempo haben wir zugelegt.
Die Jungs dürften nur schwer zu halten sein?
Ich war vor der Saison froh, dass wir unsere Leistungsträger erstmals halten konnten. Das hat sich ausgezahlt. Was wäre das für ein Signal gewesen, wenn wir sie nach dem Aufstieg verkauft hätten? Natürlich wird es schwer in Zukunft, vor allem, wenn wir weiter so erfolgreich bleiben. Das ist so in Heidenheim – und der Trainer weiß Bescheid (lacht). Das belastet mich aber nicht. Ich hab nur eines im Kopf, was wir tun müssen, um am Samstag eine Sensation zu schaffen.
Spielen Sie gegen den kommenden Meister?
Davon muss man ausgehen. Bayer ist für mich ein Paradebeispiel dafür, dass sich Qualität erst dann zu 100 Prozent auszahlt, wenn eine Mannschaft auch eine Mannschaft ist und bereit ist, jedes Mal an die Grenzen zu gehen. Ich sehe nicht, dass sich das bis Saisonende ändern sollte.
VfB? „Hut, ab!“
Wo landet der VfB?
Vom Abstiegsrelegationsplatz aus so durchzustarten, so fröhlich, frei und frech aufzuspielen, da muss ich sagen: Hut ab! Wenn sie sich das bewahren, dann werden sie um den Platz spielen, auf dem sie gerade stehen. Der VfB ist mit seiner Wucht und Strahlkraft die Nummer eins im Land. Ich wünsche ihm immer das bestmögliche Ergebnis – mit zwei Ausnahmen.
Zur Person
Karriere
Frank Schmidt wurde am 3. Januar 1974 in Heidenheim geboren. Als Profi spielte er zwischen 1994 und 2007 unter anderem für den TSV Vestenbergsgreuth, Alemannia Aachen und den SV Waldhof Mannheim, später für den Heidenheimer SB. Nach seiner Karriere wechselte Schmidt 2007 in Heidenheim kurze Zeit als Co- und dann als Cheftrainer auf die Trainerbank. Er führte den Club von der Oberliga bis in die Bundesliga 2023. Der Aufstieg in die zweite Liga war 2014 gelungen. Sein aktueller Vertrag läuft bis zum Juni 2027.
Persönliches
Frank Schmidt ist verheiratet mit Nadine. Das Paar hat die Töchter Julia (25) und Lara (21). In seiner Freizeit fährt der Erfolgstrainer Mountainbike und spielt Tennis. Schmidt war schon Vereinsmeister beim SV Bachhagel. (jüf)