Frank Rudkoffsky erzählt in „Mittnachtstraße“ von der Scham und dem Schweigen der Männer. Ein Rundgang zu den Schauplätzen des Romans im Stuttgarter Norden, wo Haltungen aufeinanderprallen.
Auch wenn eine Flagge davon ablenkt: Die Kleingartenanlage im Stuttgarter Norden könnte kaum mehr nach klischeedeutscher Vereinsmeierei aussehen. Ein grüner Wall aus Maschendraht und Hecken, so blickdicht, dass nur ein paar Laubendächer hervorlugen. Mal dahinter schauen? Dürfen nur Mitglieder, winkt Frank Rudkoffsky ab. Verschanzt habe sich der Verein schon vor vier Jahren, als der Stuttgarter Autor zum ersten Mal herkam. Als Reporter für ein Stadtmagazin fragte er damals Traditionsvereine, ob ihnen der Nachwuchs ausgehe. Junge Familien wollten die meisten hier doch gar nicht haben, habe ihm der damalige Vereinsvorsitzende gesagt. Lieber das eigene Reich bewahren. Das blieb Rudkoffsky im Kopf, genauso wie die Schilder mit Männersprüchen, die Überwachungskamera auf dem Gelände, der Gestank nach Zigarettenqualm im Vereinsheim. Die Idee für ein Buch hatte er damals schon: Ein Mann versteckt sich vor seiner Familie. Und wo versteckt es sich besser als hinter dieser Mauer aus Hecken und Misstrauen?
Malte, der Klimafreund, will alles anders machen
Und so hockt Malte, Hauptfigur in Rudkoffskys drittem Roman „Mittnachtstraße“, zwischen Staub und Biermief unter dem Tisch der Gartenlaube seines Vaters im Stuttgarter Norden. Ausgerechnet – steht dieser Ort doch für all das, was Malte verachtet. Statt bei Frau und Sohn hat sein Vater hier seine Zeit verbracht. Mit Obstler und Zigaretten, mit Machenschaften unter Vereinsspezln und gegen die, die nicht dazugehören wie widerspenstige Frauen und jener Parzellenbesitzer mit dem vermeintlich „undeutschen“ Namen.
Präsent war der Vater für Malte dann, wenn er zu Hause seine Wut herausbrüllte. Alles will Malte anders, besser machen. Er nimmt den Klimawandel und das Gendern ernst; im Lockdown kümmert er sich daheim um Sohn und Tochter, während seine Frau weiterarbeitet. Doch als der Vater nach Jahren ohne Kontakt mit einem Geheimnis auftaucht, läuft Maltes Leben aus dem Ruder.
Wobei, gut lief es auch zuvor nicht. Maltes Job als Redakteur frisst Abende, Wochenenden und Nerven. Eingesperrt mit den Kindern, explodiert er vor Wut oder schottet sich ab. Am meisten vor seiner Frau, die sagt, er sei depressiv. Immer schwerer lastet auf Malte das Gefühl, nicht der gute Mensch zu sein, für den er sich hielt. Und je länger er sich verschanzt, umso bitterer schält sich die Erkenntnis heraus: Seinem Vater ist er ähnlicher, als er zugeben will.
„Die meisten Suizidtoten sind Männer“
„Mittnachtstraße“ ist eine Geschichte über Prägungen. Alle Männer in Rudkoffskys Roman verstecken sich. Alle leiden darunter, sagt Rudkoffsky: „Toxische Männlichkeit spielt eine Rolle. Die meisten Alkoholtoten, die meisten Suizidtoten sind Männer. Vielleicht, weil sie nie gelernt haben, sich zu öffnen.“ Rudkoffsky zeichnet eine Linie mauernder Männer, die von der verschwiegenen Nachkriegsgeneration des Großvaters bis zu Maltes Teenager-Sohn reicht.
Und er erzählt, wie schmerzhaft es ist, diese Linie zu durchbrechen – gerade für Malte, der seine Fehler erkennt: „Das Erkennen reicht ja nicht. Man muss auch anders handeln“, sagt Rudkoffsky. Auch dem Autor selbst fiel das während der Lockdowns schwer: „Manchmal wurde mir alles zu viel, dann habe ich überreagiert. Anders als mein Vater damals kann ich zu meinen Kindern sagen: Das war falsch. Ich versuche, es besser zu machen, ordne ein und entschuldige mich. Trotzdem ist die Scham da, dass ich es unter Druck verkackt habe, obwohl ich es doch besser weiß.“
Toxische Männlichkeit, Corona, Klimawandel, Polarisierung, Gleichberechtigung, Fremdenfeindlichkeit, Depression – in der dichten Handlung streift Rudkoffsky viele Konflikte. Bewusst prassle eine Flut auf die Lesenden ein, sagt der Autor. Mit Malte will er den Druck zeigen, allen Ansprüchen gerecht zu werden: „Es ist schon nicht einfach, Beruf und Familie zu vereinbaren. Wenn man dann noch allen gesellschaftlichen Themen gerecht werden will, ist das wahnsinnig schwer. Wir leben in einer Zeit der permanenten Überforderung.“ Rudkoffsky selbst scheint sich dagegen mühelos zu bewegen in den Kampf-Termini der Gegenwart zwischen Woke und White Saviorism.
„Mittnachtstraße“ entstand unter Schmerzen und aus dem Gästezimmer
Der Druck der eigenen Ansprüche lastete beim Schreiben aber auch auf ihm. Dabei war mit dem Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg 2021 ein Wunsch wahr geworden: Ein Jahr lang bekam er 1000 Euro im Monat, wollte nur schreiben und kündigte seinen Job als Redakteur. Die Corona-Lockdowns funkten dazwischen. Und so ist „Mittnachtstraße“ entstanden zwischen Homeschooling und „Bitte nie wieder“-Momenten. Unter Schmerzen, wie Rudkoffsky sagt – und immer wieder im Gästezimmer, in das er sich an vielen Wochenenden zurückzog.
Sosehr Scham und Verbohrtheit die Generationen einen, so sehr lässt Rudkoffsky ihre Haltungen und Werte in seinem Roman aufeinanderprallen. Das gehe in Stuttgart besonders gut, sagt er: „Dank der Kessellage liegen die Dinge nah beieinander, da entstehen Konflikte.“ Besonders im Stuttgarter Norden, wo es vom spießigen Kleingartenverein bis zu seiner beetgewordenen Antithese, dem Stadtacker, nur wenige Meter sind. „Open open“, also „offen offen“ – der Schriftzug auf einem der Plakate setzt den Tenor. In dem Urban-Gardening-Projekt sei jeder willkommen, sagt Rudkoffsky. „Eine coole Ecke“, findet er. An einem Freitagvormittag wird von einem Vater mit Kleinkind gegrüßt, wer neugierig zwischen wild wuchernden Pflanzen und Kunstinstallationen schlendert.
Im Roman beäugen sich die konservativen Alten vom Kleingartenverein und die „Gutmenschen“ vom Stadtacker dagegen misstrauisch – natürlich, sagt Rudkoffsky: „Jede Generation hält sich für klüger und vernünftiger als die eigenen Eltern und stellt die vorherige infrage – was sie ja auch muss. Die alte Generation will dagegen bewahren. Da herrscht auch Angst, dass die Lebensleistung infrage gestellt wird.“
Malte ist Teil einer Generation, die Ambivalenzen kaum aushalten kann
Überspitzt führt Rudkoffsky die Repräsentanten der Generationen ein, um die Stereotype später aufzubrechen: „Auch im Kleingartenverein sind nicht alle schlechte Menschen. Das ist eine andere Generation, und das ist auch okay.“ Zu einfach mache es sich seine Hauptfigur, wenn sie im Vater lediglich den jähzornigen Patriarchen sehe – und stehe damit für eine Generation, die Ambivalenzen schwer aushalten könne.
Und dann ist da noch die Flagge, die an diesem Novembertag die Hecken überragt. Sie zeigt, dass auch in der Realität nicht alles so stereotyp ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Kein schwarz-rot-goldenes Symbol des Patriotismus weht da. Blau und gelb ist sie – die Flagge der Ukraine.
Rudkoffsky im Literaturhaus Stuttgart
Lesung
Zu „brüchiger Männlichkeit“ diskutieren und lesen im Literaturhaus Stuttgart am 16. November die Autoren Frank Rudkoffsky aus „Mittnachtstraße“, Heinz Helle aus „Wellen“ und Joachim Zelter aus „Professor Lear“.
Romane
Eine Stärke von Frank Rudkoffskys Geschichten ist es, dort zu spielen, wo sich Alltag an den großen Themen aufreibt. Bereits in seinem zweiten Roman „Fake“ mischte er Internet-Trolle und digitale Anonymität mit dem Tabu, die Mutterrolle zu bereuen.
Pläne
Auch der nächste Roman, eine Idee dafür hat der Autor schon, wird nebenbei entstehen. Seit das Literaturstipendium des Landes endete, macht Frank Rudkoffsky Öffentlichkeitsarbeit für eine Partei im Stuttgarter Rathaus und schreibt wieder Artikel.