Xavier Roth dirigiert das SWR-Symphonieorchester Foto: SWR

Leere Plätze, verhaltener Applaus: Warum beim Antrittskonzert François-Xavier Rothsals Chef des SWR-Symphonieorchesters in der Liederhalle keine Begeisterung aufkommen wollte.

Als der neue Chef des SWR-Symphonieorchesters die Bühne des Beethovensaals betritt, ist die Lust am Neuen kaum zu spüren. Der Beifall ist verhalten, viele Plätze sind leer. Am Ende, nach einem mit fast drei Stunden überlangen Programm, gibt es ein paar Bravorufe. Begeisterung indes geht anders. Auch wenn sich François-Xavier Roth mit langem, schwarzem Gehrock, Bart und rasiertem Schädel in neuem Outfit präsentiert, und auch wenn der SWR-Intendant Kai Gniffke die Umbaupause zu einer Eloge auf den neuen Chef nutzt: Die alten Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegenüber Roth machen es schwierig, seiner Kunst unbeschwert zu begegnen.

 

Vorwürfe sexueller Belästigung

Dabei dürfte Gniffke, dessen erschreckend unreflektierte Rede laute Buhrufe provoziert, gewusst haben, dass Roths langer Schatten gerade neue Nahrung erhalten hat: Auf Instagram wirft die Schauspielerin Janina Picard Roth vor, sie vor 15 Jahren – da war sie noch minderjährig – bei Filmaufnahmen mehrfach unsittlich berührt zu haben. Warum sie das erst jetzt und gerade in diesen Tagen sagt, ist unklar. Da es zurzeit (noch) keine Beweise oder Zeugenaussagen anderer gibt, gilt die Unschuldsvermutung. Doch eine Patina bleibt. Sie haftet François-Xavier Roth an, und sie belastet auch das Orchester. Durchweg lächelnde Gesichter gibt’s nur beim Konzertmeister Christian Ostertag, beim Solocellisten Frank-Michael Gutmann und auch am ersten Pult der zweiten Geigen, bei Michael Dinnebier und Uta Terjung – alles Mitglieder des ehemaligen Freiburger SWR-Orchesters, dessen Chefdirigent Roth bis 2016 fünf Jahre gewesen ist.

Damals hat man ihn oft bejubelt. Jetzt, so scheint’s, liegt vor dem Jubel noch ein weiter Weg. Künstlerisch hat François-Xavier Roth diesen mit einem Dreischritt vom Barock (Jean-Féry Rebels „Les Éléments“) über die Romantik (Franz Schuberts „Große“ C-Dur-Sinfonie) bis hin zur Moderne (Luciano Berios Sinfonia) abgesteckt. Hinter diesen Wegmarken steckt nicht nur meisterhaft komponierte Musik, sondern die spannende Frage danach, was das Neue in der Musik war und gewesen ist, und diese Frage nimmt für den Künstler Roth ein. Rebels „Symphonie Nouvelle“ von 1737 (!) beschreibt in ihrem ersten Satz das Chaos vor der Schöpfung auf eine Weise, die Haydns „Schöpfung“ alt aussehen lässt, und Roth zelebriert nicht nur den wohl ersten Cluster der Musikgeschichte wie einen energetischen Urknall, sondern lässt das polyphon Ungeordnete danach ausmusizieren. Ein unglaubliches Stück, an dessen Darbietung nur mäkeln mag, wer es schon mal mit historisch informiert aufspielenden Ensembles erleben durfte.

Krise als Chance?

Berios Sinfonia von 1968, ein lustvolles Spiel mit wechselnden Klang-Verwandtschaften wie mit der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Schichten, Ausdrucksformen und Stile, lebt auch von der hohen Kunst der acht beteiligten Sänger des SWR-Vokalensembles. Die Klarheit, mit der François-Xavier Roth zumal in der Monumentalcollage des dritten Satzes das polyphone Gegeneinander der Zitate von Mahler über Bach bis Ravel führt und ordnet, ist großartig. Da kann Schubert am Ende einfach nicht mithalten – trotz feinster klangfarblicher Momente zumal im zerklüfteten zweiten Satz. Und nun? Wir zitieren Kai Gniffke: „Das Orchester hat Erfahrung damit, aus jeder Krise neue Energie zu gewinnen.“ Dazu passt ein Spruch aus der alten Heimat des neuen Chefs: Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.