Die menschliche Freude bebildert Nanine Linning in mitreißenden Massenszenen. Foto: Jubal Battisti

Das Scapino Ballett Rotterdam hat mit dem Multimedia-Spektakel „Anima Obscura“ in Ludwigsburg gastiert. Im letzten Drittel der Vorstellung setzt eine kleine Saalflucht ein.

Ein Körper liegt in einem sonst schwarzen Raum auf einem aus dem Inneren strahlenden Block, darüber ein durchsichtiges Tuch. Auf die Wände wie Hieroglyphen projizierte Hände tanzen und winken ihm zum Abschied. „Anima Obscura“, die Antrittschoreografie der Niederländerin Nanine Linning am renommierten Scapino Ballett Rotterdam, beginnt düster zu schweren Streichern aus Johannes Brahms’ „Deutschem Requiem“. Das Stück ist eigentlich schon älter; Linning hatte es ursprünglich 2021 für ihre Heidelberger Kompanie entwickelt. Als neue Leiterin des Scapino Balletts hat sie für 23 Tänzerinnen und Tänzer eine Neufassung erarbeitet, die am Samstagabend im Forum Ludwigsburg zu sehen war.

 

Das menschliche Verlangen nach Unsterblichkeit

Linning setze sich mit dem „menschlichen Verlangen nach Unsterblichkeit“ auseinander, verrät das Programmblatt. Um dem Publikum den intellektuell-philosophischen Hintergrund zu erhellen, gibt es für Interessierte noch eine Einführung. Dabei ist es viel besser, wenig bis nichts über das Stück zu wissen, das vor allem über seine morbide, multimediale Bildsprache im Zusammenspiel mit der Musik von Brahms und ihrer Verfremdung durch den zeitgenössischen Komponisten Yannis Kyriakides wirkt.

Etwas abgerückt vom Sarkophag projiziert eine seltsame Apparatur Bilder auf den schwarz ausgekleideten Bühnenraum. Trockeneisschwaden wabern auf dem Sockel des Blocks mit dem bewegungslosen Körper, bis plötzlich alles in Düsternis versinkt. In einem einzelnen Lichtstrahl umkreisen sich zwei Tänzer im Pas de Deux, ein Mann und eine Frau. Auch ohne Erklärung erschließt sich das Bild von der nach dem Tod frei gesetzten Seele, die Linning wie der analytische Psychiater C. G. Jung wohl in einen weiblichen und einen männlichen Teil – Anima und Animus – zerlegt.

Zumindest zu Beginn ergeben sich manche konkreten Assoziationen noch unmittelbar, im weiteren Verlauf lösen sich solche sinnfälligen Bezüge aber auf. Stattdessen bleibt Raum für Linnings eigenwillige, hoch dynamische Bewegungssprache, die eng verzahnt wird mit Projektionen und Hologrammen von Körpern, Händen und geisterhaften Kreidekritzeleien, sowie mit der leitmotivischen Musik. Neben der Freude auf das kommende Paradies thematisiert der aus Bibelversen kompilierte Text von Brahms’ Requiem die Angst des Menschen vor seinem Tod und dem Ende seiner Vorstellungskraft. „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss. Und mein Leben ein Ziel hat“, heißt es da.

Ein hypnotischer Fluss, getragen von Brahms’ Chordichtung

Die menschliche Freude bebildert Linning in mitreißenden Massenszenen, in denen sie ihr Corps de Ballett in mehreren Gruppen kanonisch organisiert tanzen lässt. Das Schrittmaterial ist begrenzt und repetitiv; durch die Wiederholungen mit weiten Arm- und Beinschwüngen, langsamen Drehungen und sich wiegenden Oberkörpern entsteht ein hypnotischer Fluss, getragen von Brahms’ strenger, teils barock anmutender Chordichtung. Den Hader illustriert Linning anhand eines Solos für einen fast nackten Tänzer, mit extrem verlangsamten Ausdehnungen der Glieder und teils heftigen Kontorsionen des Oberkörpers.

Brahms’ musikalische Harmonie konterkariert die streckenweise in einer zweiten Spur über die Musik geschichtete Komposition „Ein Schemen“ von Yannis Kyriakides, teils aus der Konserve, teils live vom ins Bühnengeschehen eingebundenen Harfenisten Remy van Kesteren eingespielt.

Van Kesterens hart dissonante Schläge auf die Saiten, elektronische Beats und Knarzer sind einigen Ludwigsburger Zuschauern jedoch zu viel – im letzten Drittel der Vorstellung setzt eine kleine Saalflucht ein. Vielleicht aber auch, weil die betreffende Szene schockierend anschaulich ist. Einige Tänzer hangeln sich an kurzen Streben horizontal an der Wand entlang, bis sie auf kleinen Podesten wie ausgestellte Figurinen stehen. Mit jedem Harfenschlag van Kesterens zucken harte Striche auf den Wänden wie Pfeile, um die sich wie im Schmerz windenden Menschen zu verwunden.

Da hätte es nicht des Hinweises auf der Programmkarte bedurft, dass sich Nanine Linning mit Themen wie Biohacking beschäftigt. Dass es in den Bildern um massive Gewalt gegen vulnerable Geschöpfe geht, überträgt sich auch so.

Nanine Linning liefert in „Anima Obscura“ fantastische Szenerien zu Trauer und Furcht, den komplizierten intellektuellen Überbau kann man getrost vergessen.