Andreas Frieser (links) und Alexander Philipp lassen sich im Berufsförderungswerk Schömberg zum Zweirad-Mechatroniker, Fachrichtung Fahrradtechnik, ausbilden. Foto: Wolfgang Krokauer

So mancher Berufstätige muss sich umorientieren und sucht eine neue Perspektive. Das Berufsförderungswerk Schömberg bietet eine neue Ausbildung an. Und das hat auch noch etwas mit dem Mega-Thema Klimaschutz zu tun.

Die Bildungseinrichtung gibt Umschülern die Möglichkeit, sich zum Zweirad-Mechatroniker, Fachrichtung Fahrradtechnik, ausbilden zu lassen. Der Kurs startet immer im Juli mit zwölf Teilnehmern. Das Angebot gibt es erst seit 2024.

 

Ausbildungsdauer und Berufschancen Zwei Jahre dauert die Ausbildung. Mit enthalten ist ein sechsmonatiges Praktikum – idealerweise in zwei Betrieben. Diese sind meistens dort, wo die Umschüler herkommen. Gleichzeitig werden dort oft bereits wichtige Kontakte zu einem potenziellen Arbeitgeber geknüpft.

Hohe Vermittlungsquote

Die Vermittlungschancen der Absolventen sind sehr gut. „90 Prozent bekommen eine neue Stelle“, berichtet Tobias Rigling von der Marketingabteilung des BFW im Gespräch mit unserer Redaktion. Die meisten von ihnen kommen im Fahrradhandel unter. Etwa ein Viertel arbeitet später in der Rehatechnik. Schließlich haben auch Rollstühle viel mit Fahrradtechnik zu tun. Ein sehr geringer Teil arbeitet schließlich in der Fahrradproduktion.

Arbeit rund ums Fahrrad wird immer anspruchsvoller Die Arbeiten rund um das Fahrrad sind in den vergangenen Jahren anspruchsvoll geworden, berichtet Petar Raĉić, Teamleiter Fertigung und Chef des Vertriebs für Firmenkunden beim BFW.

Mehr und mehr elektronische Bauteile

Ähnlich wie beim Auto wurde im Laufe der Jahre aus dem Mechaniker der Mechatroniker. Das hängt damit zusammen, dass das Fahrrad immer mehr elektrische und elektronische Bauteile bekam. In diesem Zusammenhang macht Raĉić darauf aufmerksam, dass mit dem gerade in Deutschland häufig verwendeten Begriff E-Bike ein Pedelec gemeint ist. Korrekterweise bezeichnet ein Pedelec ein Fahrrad, das nicht selbstständig fährt. Der Radfahrer muss immer noch selbst treten. Das ist beim E-Bike nicht der Fall. Letzteres ist im Grunde ein Mofa mit Elektromotor.

Stetig größere gesellschaftliche Bedeutung Pedelec und E-Bike haben in den vergangenen Jahren eine immer größere Bedeutung bekommen. So gibt es inzwischen Mietstationen für die Zweiräder. Auch im Lieferverkehr spielen sie mittlerweile eine zentrale Rolle, macht Raĉić deutlich.

Kein starrer Zweck

So mancher Beschäftigte steigt vom Auto auf das Pedelec um, damit er umweltfreundlich in die Arbeit kommt. Manche Arbeitgeber unterstützen dies. Und in der Freizeit nutzen gerade immer mehr ältere Menschen das Pedelec. Raĉić macht zudem auf den ökonomischen Aspekt aufmerksam. Ein Fahrrad ermöglicht auf günstige Weise individuelle Mobilität: „Es hat keinen starren Zweck.“

Wie sieht es auf der Angebotsseite aus? Auf der Angebotsseite wiederum gibt es einen Fachkräftemangel, berichtet Michael Ohnmacht, zentraler Ansprechpartner im BFW Schömberg und Mitarbeiter im Marketing. Siegfried Claußner, Ausbilder und Maschinenschlosser, führt dies darauf zurück, das viele Unternehmen selbst nicht ausbilden. Raĉić weist darauf hin, dass das BFW Schömberg für den Ausbildungsberuf Prüfungsstätte für die gesamte Kammerregion (Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald) ist. Die Firmen kämen von sich aus auf das BFW zu, so Raĉić.

Was lernen die Umschüler im Einzelnen? In der Ausbildung geht es sowohl um die Technik des Fahrrads als auch um die Materialauswahl, berichtet Raĉić. Mit dem Einzug von moderner Technik spielt die Softwarediagnose eine große Rolle, fügt er hinzu. Die entsprechenden Geräte lesen Pedelecs und E-Bikes aus und stellen dabei fest, wo der Fehler ist. „Das ist wie beim Auto“, so Raĉić. Software und Sensorik sind folglich ein wichtiger Teil der Ausbildung.

Ohne Schweißnähte

Beim Material hat sich bei den Fahrrädern auch einiges getan. So werden sie inzwischen auch aus Carbon gefertigt. Der Vorteil: Sie sind sehr leicht. Es gibt keine Schweißnähte mehr. „Gewicht ist ein großes Thema“, so Raĉić. Folglich spielt die Werkstoffkunde in der Ausbildung eine große Rolle. Und die angehenden Zweirad-Mechatroniker lernen, wie ein Warenwirtschaftssystem funktioniert.

Realistische Szenarien

Zudem geht es in der Ausbildung nicht nur um das rein Handwerkliche. Es werden realistische Szenarien nachgestellt, wie sie in den Betrieben alltäglich sind. So lernen die angehenden Zweirad-Mechatroniker, wie man berät, macht Raĉić deutlich.

Digitales Serviceheft

Claußner ergänzt, dass die Nutzer von Pedelec und E-Bike mittlerweile regelmäßig zum Kundenservice in die Werkstatt kommen und eine Wartungsliste abgearbeitet wird. „Das kostet selten unter 120 Euro“, weiß Claußner aus Erfahrung. Ein digitales Serviceheft gehört inzwischen dazu, berichtet er. Er bildet zusammen mit Mathias Schneider die angehenden Zweirad-Mechatroniker in der Fachrichtung Fahrradtechnik aus. Schneider machte einst seinen Meister als Kfz-Mechaniker. Claußner arbeitet seit 16 Jahren in der beruflichen Rehabilitation, Schneider seit 17 Jahren.

Theorie und Praxis

Sowohl die Zwischen- als auch die Abschlussprüfung bestehen aus einem Theorie- und einem Praxisteil. Beide Prüfungen fließen in die Endnote ein.

Woher kommen die Umschüler und wie alt sind sie? Und wer entscheidet sich für eine solche Umschulung? Das geht quer durch alle Bereiche – vom Koch über den Bäcker bis zum Erzieher, berichtet Claußner. Die Umschüler sind zwischen 25 und 50 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 40 Jahren.