Seinen Wald wird es auch in 30 oder 40 Jahren noch geben, ist der Sulzer Förster Karlheinz Mertes sicher. Für die Fichte gilt das eher nicht.
Sulz - Karlheinz Mertes richtet den Zeigefinger über eine kahle Lichtung. Hier sieht es aus, als hätte sich neulich ein Orkan durch die Landschaft gefräst. Nur ein paar junge Bäume zeigen üppiges Laub. Den verbliebenen hohen Exemplaren mit ihren kahlen Stämmen, den lichten Kronen und den verdorrten Spitzen sieht auch der Laie an, dass sie nicht gesund sind. "Ohne die Trockenheit der letzten Jahre", sagt Mertes, "wäre hier noch Wald."
Wir stehen im Sulzer Forst, im Gebiet "am Hochsträß", mitten im Revier von Förster Karlheinz Mertes, das 1300 Hektar umfasst. Gut zwei Drittel davon gehören der Gemeinde Sulz. 30 Prozent des Bestandes machen Laubbäume aus, meist Buchen. In der Mehrzahl stehen hier Fichten, Tannen, ein paar Kiefern.
Der Borkenkäfer hat es leicht
Nicht mehr lange allerdings, diese Bäume haben es schwer. "Die Fichte", urteilt Mertes, „hat null Zukunft." Die seit Jahren anhaltende Dürre und die langen, heißen Sommer setzen die Bäume unter Stress. Und da hat es der Borkenkäfer ganz leicht, sich einzunisten.
Karlheinz Mertes und sein Team müssen die von dem Schädling befallenen Bäume zügig fällen, damit er sich nicht noch weiter ausbreitet. "Wir setzen sogar Gift gegen den Käfer ein", berichtet Mertes. Selbstverständlich ein zugelassenes Präparat, der Natur abgeschaut, für Menschen laut Hersteller unschädlich. Aber der Förster sagt ganz unumwunden: "Gift ist Gift."
Auch die Weißtannen sterben ab
Er sieht das pragmatisch. Es geht darum, das Waldgebiet in den nächsten 30, 40 Jahren zu erhalten. Zimperlichkeiten bei der Wahl der Mittel darf man sich da nicht leisten. Jedenfalls nicht mehr. "Das ist ein Kampf", sagt Karlheinz Mertes. "Und der wird jedes Jahr mühevoller." Auch die Weißtannen, die man lange für widerstandsfähiger hielt als Fichten, gehen immer öfter in die Knie. Dem Krummzähnigen Tannenborkenkäfer – ja, so heißt er wirklich – sind angeschlagene Exemplare ein gefundenes Fressen.
An manchen Stellen findet die Natur selbst die passende Antwort, wie an der noch kahl wirkenden "Hochsträß". Hier breiten sich ganz von selbst Walnussbäume aus. "Ein einwandfreier Folgebestand", frohlockt Förster Mertes. "Was uns die Natur gibt, übernehmen wir." Nicht nur können Walnussbäume den Klimaveränderungen trotzen, sie rechnen sich auch. Ihr Holz kann die Gemeinde zu guten Preisen verkaufen.
Anderswo genügt es nicht, einfach nur zuzuschauen, was die Natur treibt. Über Stock und Stein fahren wir im Allradfahrzeug durch den Wald – teils auf Wegen, die der Reporter nicht einmal als solche erkannt hätte. Zum "Forlewang" geht es, dort sehen wir eine Lichtung, die der Förster zu den Sorgenkindern zählt.
Esskastanien wachsen, wo sie nicht hingehören
Hier kam bis vor kurzem von selbst fast nichts nach, berichtet Mertes. Deshalb hat er Esskastanien angepflanzt, die hier gar nicht hingehören. Satt grün strahlen die breiten Blätter. "Wächst wunderbar."
Weiter hinten recken sich junge Douglasien empor. Mertes kennt natürlich die Vorbehalte gegen diese Nadelbäume. Aber ihr Holz ist im Hausbau für Dachgestühle gefragt. Und dass sie in Europa nicht heimisch seien, ist für den langfristig denkenden Förster relativ: "Vor der letzten Eiszeit hat es die Douglasie auch bei uns gegeben."
Wildkirsche statt Brombeere
Ungefähr fünf Prozent seines Reviers, schätzt Förster Mertes, brauchen besondere Zuwendung, deutlich mehr als früher. Lässt man größere Flächen brachliegen, leuchten dort bald dunkle Brombeeren. Vorzügliches Aroma, aber es wächst eben kein Baum mehr. Lieber greift Mertes beherzt ein und pflanzt, was Erfolg verspricht – Wildkirsche, Bergahorn, Eiche etwa, wie an einer weiteren Lichtung am Hang. Er ahnt den Triumph. "In 20 bis 30 Jahren haben wir hier ein geschlossenes Waldgebiet."
Ein weiteres beeindruckendes Demonstrationsobjekt zeigt Mertes nahe der Landesstraße 424 an der "Schönhalde". Hier haben er und seine Männer eine Kreuzung aus Schwarznuss und Walnuss in einen kahlen Hang gesetzt. Die gegen Trockenheit resistenten Hybridnussbäume wachsen dicht an dicht, schießen in die Höhe und messen schon bis zu zehn Metern. Auch sie allerdings haben die Waldpfleger zunächst wässern müssen. Eine unter Förstern einst äußerst verpönte Maßnahme, die heute aber auch die hartnäckigsten Traditionalisten in der Forstwirtschaft akzeptieren.
Am Klimawandel gibt es nichts zu leugnen
Schuld am kritischen Zustand des Waldes sei ganz gewiss nicht allein der heiße Sommer 2022, stellt der Förster klar. „Das ist ein schleichender Prozess“, sagt Mertes, „den beobachten wir seit mindestens zehn Jahren.“ Dürreperioden habe es zwar früher schon gegeben. "Doch das hier ist nicht mehr normal."
Dem Sulzer Förster ist immer noch ein Kollege bekannt, der den menschengemachten Klimawandel leugnet. "Aber das", sagt Karlheinz Mertes, macht eine Sprechpause und bringt den Satz dann mit Nachdruck zu Ende, "das ist dumm."