Der Neurieder Forstausschuss hat die neue Vereinbarung zur Rehwildbejagung beschlossen. Mehrere Gründe – allen voran der Klimawandel – machen die Reduktion des Wildes dringlich. Förster Gunter Hepfer führte dies in der Sitzung detailliert aus.
Obwohl gute Nachrichten aus dem Neurieder Forstrevier nichts Neues sind, war die Sitzung des Neurieder Forstausschusses doch etwas Besonderes, denn sie fand im Wald statt. Im Stuhl- und Bankkreis vor der Ichenheimer Waldhütte beschlossen die Mitglieder des Forstausschusses die überarbeitete Vorlage der Vereinbarung zur Rehwildbejagung. Die Jagd erhält im Zuge des aktuellen Klimawandels gerade eine überragende Bedeutung für den Umbau hin zu klimaresistenten Wäldern. So wird in Anlehnung an das in Neuried gültige PEFC-Waldzertifikat, welches für die Vermarktung des Holzes heute Standard ist, „ein Rehwildbestand auf angepasstem Niveau“ gefordert. Im Klartext bedeutet das, dass sich die Hauptbaumarten, welche im jeweiligen Jadgpachtvertrag aufgeführt sind, ohne Einzelschutz verjüngen können. Aktuell ein frommer Wunsch, werden derzeit noch immer „alle Pflanzungen mit Wuchshüllen oder Zäunen geschützt“, wie es in der Vereinbarung heißt. „Unser Ziel ist ein plastikfreier Wald“, unterstrich Forstrevierleiter Gunter Hepfer.
Zur Erreichung angepasster Rehwildbestände wird für jedes Jagdrevier zwischen dem jeweiligen Jagdpächter und dem durch den Förster vertretenen Waldbesitzer ein Mindestabschuss konkret festgelegt. Dabei sollen 55 Prozent der Strecke weibliche Rehe sein, damit die Population nicht weiter ansteigt.
Überhöhte Bestände von Rehwild sorgen für zu viel Verbiss
Dringlich wird die Reduktion der Rehwildbestände aus ganz praktischen Gründen. Zum einen sei der im Wald von selbst auflaufende Jungwuchs, die sogenannte Naturverjüngung, für den Waldumbau im Klimawandel unverzichtbar. Dabei sei ein zu großer Rehwildbestand schlecht für die Baumartenvielfalt. Dabei gewinne die Baumartenvielfalt in unseren Wäldern als Strategie der Risikostreuung zunehmend an Bedeutung. Und außerdem, so der Revierleiter weiter, sei es unrealistisch, „alles zu schützen“.
Wie wichtig angepasste Rehwildbestände wirtschaftlich sind, wird beim Blick auf Punkt drei der Vereinbarung ersichtlich. Dort erfährt man, dass die Gemeinde zurzeit Teil der Bundesförderung „Klimaangepasstes Waldmanagement“ ist. Für einen Zeitraum von zehn Jahren erhält Neuried jedes Jahr rund 88 000 Euro an Förderung für die Bewirtschaftung der Wälder unter Klimagesichtspunkten. Diese Bundesförderung ist an zwölf Förderkriterien gebunden, die wiederum im Rahmen der PEFC-Waldzertifizierung in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Überhöhte Rehwildbestände, die zu einer unbefriedigenden Verbisssituation führen, können zu einem Zielabweichungsverfahren und im schlimmsten Fall zum Erlöschen des Zertifikats führen, was den Verlust der Bundesförderung zur Folge hätte.
Neuried beteiligt sich an Projekt dem „Mig-Fo-Rest“
Hepfers Argumente schienen für sich zu sprechen, der Beschluss für die Vereinbarung zur Rehwildbejagung erfolgte einstimmig und ohne jede weitere Diskussion.
Weiter ging es um das von der Europäischen Union (EU) geförderte Programm „Mig-Fo-Rest“. Hepfer warb im Forstausschuss für die Teilnehme der Gemeinde an diesem Projekt. Es hat zum Ziel, die im Zuge des Klimawandels sehr langsam stattfindende Wanderung südeuropäischer Baumarten nach Norden zu beschleunigen und zu unterstützen. Dazu sollen in ausgewählten sogenannten Pilotregionen im Rheintal Bäume, wie sie heute bereits in Südeuropa vorkommen, probehalber bei uns angepflanzt werden. Hier geht es in erster Linie um Eichenarten wie die Flaumeiche, die Zerreiche und die Ungarische Eiche, so Hepfer. Durch ihre Einbringung soll die Widerstandsfähigkeit von Waldökosystemen in einem grenzüberschreitenden Ansatz erhöht werden. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg begleitet das Projekt, um negative Auswirkungen zu vermeiden. Mit dabei sind Partner aus Belgien, Frankreich und Deutschland. Die Laufzeit beträgt viereinhalb Jahre, von Januar 2024 bis Juni 2028. Der Ausschuss stimmte dem Vorschlag des Försters, den Gemeindewald als mögliche Pilotregion zu melden, einstimmig zu.
Jörgerwald
Nach dieser etwas rustikalen Sitzung brachen die Teilnehmer zu einer kleinen Exkursion in den Ichenheimer Jörgenwald auf, wo der Förster über die Bewirtschaftung des dort befindlichen Mittelwaldes berichtete.