Nach zwei sieglosen Jahren ist der Ferrari-Pilot Charles Leclerc wieder aufgetaucht – und kennt im Rennen keine Gnade.
Der Popstar der Formel 1 sollte antworten – das war der Wunsch eines Reporters bei einer Pressekonferenz. Da zogen Charles Leclerc und Max Verstappen die Schultern hoch und wussten nicht weiter. Wer war gemeint? „Du natürlich“, sagte Verstappen zu Leclerc, der antwortete: „Nein, Du!“ „Aber du kannst doch singen“, konterte Verstappen, woraufhin Leclerc nur lässig meinte: „Natürlich kann ich singen! Auch wenn ich es hier jetzt nicht tue.“
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Charles Leclerc und Max Verstappen gelten seit ihrer Formel-1-Ankunft vor vier beziehungsweise sieben Jahren als Weltmeister von Morgen und heiße Anwärter auf die Rolle der Frontfigur, sollte Lewis Hamilton einmal aufhören. Sie sind beide ja auch unterhaltsame Burschen: Verstappen als fahrerisches Raubein mit einem Selbstbewusstsein, das einem Mehrfach-Weltmeister wie Hamilton meist nicht den zugedachten Respekt entgegenbringt. Leclerc ist dagegen ein gemäßigter, aber ebenso schlagfertiger junger Mann mit viel Humor und dem verträumten Blick eines Formel-1-Playboys alter Schule. Singen, das kann er auch. Und im Fahrerlager stellt er hin und wieder seine exzellenten Fähigkeiten als Fußballer unter Beweis.
Guter Fußballer
Hätte er nur gekickt – das dachte sich der Monegasse in den vergangenen zwei Jahren womöglich in leisen Stunden. Der Red-Bull-Fahrer Verstappen war es, der sich mit der Mercedes-Ikone Hamilton heiße Gefechte lieferte und zuletzt auch Weltmeister wurde, während Leclerc in seiner roten Kiste den zwei Titelanwärtern bestenfalls in den Auspuff gucken konnte. Nun hat das erste Rennen dieser Saison gezeigt, dass sich Leclerc (24) nach zwei siegfreien und frustrierenden Jahren mit dem Generationskollegen Verstappen (24) wieder auf Augenhöhe befindet. Anders formuliert: der hochveranlagte Pilot aus dem Reich der Grimaldis ist zurück.
Den Saisonauftakt in Bahrain jedenfalls gewann der Mann eindrucksvoll, garniert wurde das Teamergebnis mit dem zweiten Platz des Partners Carlos Sainz. „Wir werden um den Titel kämpfen, ganz sicher“, versprach Leclerc selbstbewusst nach seinem dritten Rennerfolg, die ersten Siege datieren aus dem Jahr 2019. Die Regeländerungen haben Ferrari offenbar gutgetan. „Wir wussten nicht genau, wo wir landen würden – und jetzt sind wir ganz vorne, das ist Wahnsinn“, jubelte der Leclerc, der in seinem ersten Ferrari-Jahr dem vierfachen Weltmeister Sebastian Vettel das Leben schwer machte und sein enormes Potenzial ankündigte.
Mann der Zukunft
Charles Leclerc war der Mann der Zukunft, Vettel das frustrierte Auslaufmodell, das in Maranello nie wirklich glücklich wurde und sein Heil bei Aston Martin suchte. Dumm nur für Leclerc, dass mit dem Auto zuletzt nichts zu gewinnen war.
Nun ist es anders – und der Pilot darf wieder träumen. Das Rüstzeug zum Rennfahrer erhielt er von seinem Vater Hervé Leclerc, der ihn förderte und unbedingt zum Formel-1-Piloten machen wollte. Dem Vater, der in den 80er-Jahren unter anderem Formel-3-Fahrer war, blieb solch eine Karriere versagt. Im Alter von 54 Jahren starb er 2017 schließlich an den Folgen einer Krebserkrankung – ein harter Schlag für den Sohn, der seine wichtigste Bezugsperson verlor. Mithilfe einer Notlüge bekam der Vater auf dem Sterbebett aber noch mit, dass seinem Spross der Sprung in die Königsklasse glückte. „Ich werde bei Sauber fahren“, teilte Charles Leclerc seinem Vater mit – dabei gab es im Hinblick auf einen Vertrag nur lose Gespräche. Unterzeichnet war noch lange nichts.
Flunkern macht Sinn
Flunkern macht manchmal auch Sinn – und Leclerc hat sein Versprechen ja auch gehalten. Seine Erfolge wird der Vater von oben mitbekommen und stolz sein, da ist sich der Rennfahrer sicher, der noch bis 2024 an Ferrari gebunden ist. Teil des Kontrakts war sein Wunsch, den Rennwagen zu bekommen, mit dem er seine ersten Siege holte. Da seine Wohnung in Monaco aber noch zu klein ist, steht das Auto vorübergehend im Fuhrpark des Fürsten.
Sollte Charles Leclerc Weltmeister werden, hat er bald mehr Platz. Doch nach einem Rennen ist es für Prognosen viel zu früh. Nun geht es an diesem Sonntag erst einmal beim Großen Preis von Saudi-Arabien weiter. Schon im ersten Saisonlauf kam es zu wilden Duellen zwischen Leclerc und Verstappen. Der Monegasse konterte jeden zuerst erfolgreichen Angriff des Niederländers mit einer Gegenattacke – ohne Rücksicht auf Verluste. Die Popstars der Formel 1 versprechen also eine glänzende Show. Ohne Gesang. Aber mit heulenden Motoren.