Mercedes hat noch nicht entschieden, ob der Rennstall Berufung gegen die Abweisung des Protests im Formel-1-Finale einlegt – Red-Bull-Berater Helmut Marko findet das Verhalten „widerlich“.
Stuttgart - Max Verstappen hat das Saisonfinale der Formel 1 gewonnen und ist Weltmeister. Doch nur unter Vorbehalt. Wegen der umstrittenen letzten Runden in Abu Dhabi erwägt Mercedes, Berufung einzulegen. Wir erklären, worum es geht.
Warum hat Mercedes protestiert?
In der Safety-Car-Phase in den letzten fünf Runden habe Max Verstappen trotz Überholverbots kurzzeitig vor Lewis Hamilton gelegen. Zudem warf der Rennstall Michael Masi vor, nicht regelkonform gehandelt zu haben. Der Rennleiter hatte zunächst gesagt, die überrundeten Autos dürften nicht überholen, um sich zurückzurunden. Nach Intervention von Red Bull änderte Masi seine Meinung und ließ fünf der acht Fahrer überholen. Die sei nicht regelkonform, kritisierte Mercedes. Hintergrund: Hätten alle überrundeten Fahrzeuge überholen dürfen, hätte das Rennen wohl hinter dem Saftey-Car geendet – und Hamilton wäre Weltmeister.
Warum haben die Rennkommissare die Mercedes-Proteste abgewiesen?
Der erste Protest (Überholen von Verstappen) wurde abgeschmettert, weil der Niederländer sich keinen Vorteil verschafft und er beim Neustart klar hinter Hamilton gelegen habe. Die vier Stewarts räumten im Urteil zum zweiten Protest zwar ein, Artikel 48.12 „nicht komplett“ angewendet zu haben, indem nur fünf statt der acht Wagen sich hatten zurückrunden dürfen. Jedoch erklärten sie, dass Artikel 48.13 besage: „Sobald die Meldung ‚Safety-Car fährt in dieser Runde an die Box’ erschienen ist, muss es am Ende der betreffenden Runde an die Box.“ Zudem verleihe Artikel 15.3 dem Rennleiter „übergeordnete Autorität“ beim Einsatz des Safety-Cars. Offenbar wollte Masi, dass es zumindest eine freie Runde gibt, und argumentierte, dass Einigkeit bestehe, das Rennen nicht hinterm Safety-Car zu beenden.
Was bleibt Mercedes jetzt noch übrig?
Der Rennstall hat am Sonntag angekündigt, Berufung einzulegen und den Vorfall vor das Sportgericht des Automobil-Weltverbandes (Fia) zu bringen. Dafür hat Mercedes 96 Stunden nach dem Rennen Zeit. Am Montag hat sich das Team noch nicht geäußert.
Wie reagiert Red Bull?
Red-Bull-Berater Helmut Marko, die Abteilung Attacke des Rennstalles, schießt scharf gegen Mercedes. „Es ist eines WM-Finals unwürdig, dass die Entscheidung so hinausgezögert wird. Das spricht für die Gesinnung eines unwürdigen Verlierers, wenn man solche Einsprüche und Proteste einlegt“, wetterte der Österreicher, „es ist widerlich.“ Zudem drohte der 78-Jährige mit dem Ausstieg aus der Formel 1, sollte keine Überarbeitung des Regelwerks folgen, um die Entscheidungsprozesse neu festzulegen.
Was sagen die Fahrer?
Lando Norris wunderte sich über das Prozedere rund um die Saftey-Car-Phase. „Es wurde fürs Fernsehen so gemacht“, sagte der McLaren-Pilot. Man wollte den Zuschauern noch „einen Kampf“ auf der Strecke liefern. Er sei „überrascht“ gewesen, dass er sich zurückrunden durfte, nachdem es erst hieß, die Positionen beizubehalten. „Es liegt nicht an mir zu entscheiden, ob das fair war oder nicht“, betonte der Brite.
Was wären die Alternativen gewesen?
Mehrere Experten sind der Ansicht, dass es fairer gewesen wäre, das Rennen einfach zu unterbrechen. Der ehemalige Formel-1-Pilot Karun Chandhok erklärt, man hätte dann ein Duell über vier Runden bekommen – mit Hamilton und Verstappen auf frischen Reifen. Sein zweiter Vorschlag: Man hätte die überrundeten Autos einfach zwischen Hamilton und Verstappen lassen sollen. „Ich denke, Max hätte die überrundeten Autos in der ersten Hälfte der Runde überholt und Lewis dann etwas später attackiert“, teilt der Inder mit. Der TV-Experte äußert Verständnis für den Mercedes-Protest, stellt aber klar: „Ich sehe nicht, wie das Ergebnis geändert werden sollte.“
Wie reagieren die Fans?
Die Red-Bull-Freunde jubeln und schimpfen auf Mercedes, die Anhänger von Hamilton klagen vor allem über Rennleiter Masi – und haben im Internet eine Petition gestartet, die den Rücktritt des Australiers fordert.
Ist es sinnvoll, den Funkverkehr der Rennleitung und Teams zu übertragen?
Für die TV-Zuschauer mag es spannend sein, den Gesprächen zwischen Teams und Rennleitung zu lauschen. Aber gibt es auch mahnende Stimmen. „Masi hat eine unglaublich schwierige Aufgabe. Die wird nicht leichter, wenn die Kommunikation weltweit live übertragen wird“, sagte Ex-Weltmeister Damon Hill. Ross Brawn fordert, dass Diskussionen über Strafen ein Ende haben müssen. „Das ist, als würden Fußballtrainer mit dem Schiedsrichter verhandeln“, sagte der Formel-1-Sportchef, „es kann nicht angehen, dass die Teamchefs während des Rennens Masi unter Druck setzen.“ Die Formel 1 steht vor der Frage: Was ist wichtiger – der Sport oder die Show? Und damit sind wir wieder bei der Safety-Car-Phase von Abu Dhabi.