Lewis Hamiltons Physiotherapeutin und Mental-Trainerin Angela Cullen. Foto: imago/Mark Sutton

Sie weicht Lewis Hamilton kaum von der Seite, trägt sogar ein Tattoo, das auch der siebenmalige Formel-1-Weltmeister hat. Wer ist diese Frau, die so wichtig ist im Kosmos des Briten?

Stuttgart - Lewis Hamilton hat zurückgeschlagen. Mit dem Sieg in Brasilien, den er von Startplatz zehn aus errungen hat, verkürzte der Titelverteidiger den Rückstand auf Max Verstappen auf 14 Punkte – und hat drei Rennen vor Saisonende nun wieder gute Chancen auf seinen achten WM-Titel in der Formel 1. Nicht ganz unbeteiligt an diesem Kraftakt: seine Physiotherapeutin und Mental-Trainerin Angela Cullen.

 

Sie ist Ruhepol und Antreiberin in einem. Im Titelkampf mit Max Verstappen spielt die Neuseeländerin eine entscheidende Rolle. Sie ist da wie ein charmanter Bodyguard wenn sich scheinbar wieder alles gegen ihren Schützling verschworen hat.

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Geholt hat Lewis Hamilton die Frau, die während eines Grand-Prix-Wochenendes kaum von seiner Seite weicht, zunächst nur wegen seiner Rückenschmerzen. Längst aber ist Angela Cullen auch für den Kopf zuständig. Für die Ernährung auch, für gute Laune sowieso. „Ich glaube, dass es wichtig ist, positive Menschen um sich herum zu haben“, sagt der Rekordweltmeister der Formel 1, „man kann nicht mit Leuten zusammen sein, die einen herunterziehen und nicht motivieren, besser zu werden.“ Hamilton vertraut auf den Mercedes-Rennstall, der ihn zum Abonnements-Champion gemacht hat, aber auch auf sein eigenes, kleines Team. Dort ist die 1,57 Meter große Neuseeländerin der Teamchef: „Angela ist jemand, der jeden Tag, egal um welche Uhrzeit, positiv drauf und gut gelaunt ist.“

„Ein sehr besonderer Mensch“

Nach dem verlorenen WM-Titelkampf 2016 gegen Nico Rosberg waren nicht nur die Wirbel Hamiltons angeschlagen, auch die Psyche hatte durch die Begleitumstände einen Knacks bekommen. Der heute 36-Jährige verabschiedete sich vom klassischen Modell des Personal Trainers und verpflichtete die elf Jahre ältere Angela Cullen. Viermal hintereinander wurde der Brite seither Champion, hat alle wichtigen Formel-1-Rekorde gebrochen. Der Mann, der früher nur mit Models zu sehen war, ist auch zwischen den Rennen häufig mit der Trainerin zusammen: „Sie ist etwas vom Besten, was mir je passiert ist. Ein sehr besonderer Mensch.“

Gerade jetzt in der zugespitzten Weltmeisterschaft dient die eingespielte Zweier-Beziehung dem Rennfahrer als Ruhepol: „Angela ist fokussiert und selbstlos. Sie macht meine Wochenenden friedlich.“ Ein sehr charmanter Bodyguard, aber auch ein sehr energischer. Sie fixiert auch den Nackenschutz und die Ohrstöpsel, nur Fahren muss der Mann allein. Alles im Nu zur Hand zu haben, was zum Wohlfühlen gehört, dass ist der Cullen-Faktor. Ihr Mantra: „Eine meiner größten Stärken ist es, optimistisch zu sein, und eine meiner größten Schwächen ist es, optimistisch zu sein...“

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Im Vergleich mit ihrem Klienten fällt die Bewertung von außen schwer, wer der beiden wohl fitter ist. Kein Wunder bei Cullens Vita. Langstreckenläufe, Radfahren, Triathlon, Hockey und Volleyball waren schon immer ihr Ding, nach dem Bachelor in Gesundheitswissenschaften an der Universität von Auckland zog sie nach Großbritannien. Dort betreute sie britische Olympia-Sprinter, die Staffel gewann 2004 in Athen Gold über 4x100 Meter. Danach verbrachte sie fast ein Jahr damit, mit dem Fahrrad durch Südamerika zu fahren. Eine Reise, die sie irgendwann mal über andere Kontinente ausdehnen möchte.

Innige berufliche Beziehung

Lewis Hamilton ist einer der körperbewussten Athleten, seit Jahren ernährt er sich vegan, durchaus auf Cullens Betreiben hin. „Es sind die kleinen Entscheidungen rund ums Essen, das Training und das Energie-Management, die das Beste herausholen“, doziert Angela Cullen. Diese Chance habe übrigens jeder. Wenn sie nicht mit dem Rennzirkus unterwegs ist, lebt sie sich in der Natur aus. Ihr Ehemann ist Rad-Trainer, die Familie in der französischen Bergregion Rhone-Alpes. Die berufliche Beziehung zu Hamilton ist ebenfalls innig. Das drückt sich schon darin aus, dass die beiden identische Tätowierungen am Handgelenk tragen – den Schriftzug „Loyalty“.

Nach dem vorletzten Rennen in der Höhe Mexikos, als Hamilton alles gegeben und am Ende doch keine Chance gegen Verstappen hatte, spendete die Mental-Betreuerin Trost: „Aus meiner Zeit als Läuferin weiß ich, dass es auch ein perfektes Rennen ist, wenn man die Dinge, die man kontrollieren kann, bestmöglich umsetzt. Beim Laufen war ich nie gut genug, um aufs Podium zu kommen, aber ich hatte immer meine eigenen Ziele. Das hat mir geholfen, positiv fokussiert zu bleiben .“

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Das dürfte sie eins zu eins an Hamilton weitergegeben haben. Ansonsten aber hasst sie wenig so sehr wie Wiederholungen: „Kreativ zu sein und etwas Neues zu machen, ist ein entscheidender Faktor, um Körper und Geist fit und stark zu halten. Wenn man jeden Tag das Gleiche tut, wird man auch immer die gleichen Ergebnisse erzielen.“ Den Rennfahrer behandelt sie mal mit Akupunkturnadeln, mal schleppt sie ihn zu minus 100 Grad in eine Kältekammer. Neulich durfte sie dafür selbst einmal Platz nehmen im Formel-1-Cockpit: „Absolut eines der coolsten Dinge, die ich je gemacht habe... Verrückt, ich lag da ja richtig drin, wie in einer Weltraumrakete. Man kann die Kraft spüren, selbst wenn man einfach nur drin sitzt.“ Ihr einziges Problem: sie kam nicht an die Pedale heran. „Dafür war Lewis ziemlich gut, mir die Trinkflasche zu halten.“