Renate Kuhn (links) setzt sich seit Jahren für Menschen in Indien ein. Foto: privat

Renate Kuhn, die mittlerweile im ostwestfälischen Herford lebt, erhält am heutigen Samstag das Bundesverdienstkreuz. Damit wird sie für ihr 30-jähriges soziales Engagement geehrt.

Renate Kuhn organisiert seit 1995 mit dem Freundeskreis Indien und ihren indischen Partnern humanitäre Hilfe. Dazu gehören finanzielle Unterstützung für Bauprojekte oder die Bereitstellung von Lernmaterialien für Schulen. Eine selbstlose Aufgabe – die Früchte trägt: Für ihr Engagement wird Kuhn am heutigen Samstag im Herforder Rathaus mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

 

Ein besonderer Fokus der Arbeit der 78-Jährigen liegt auf der Finanzierung von Kinderpatenschaften in vorwiegend ärmeren, dörflichen Regionen des indischen Subkontinents. In Indien prallen die Gegensätze aufeinander: Neben aufstrebenden Großstädten gibt es weiterhin viele Regionen mit erheblichen infrastrukturellen Defiziten. Beispiele sind das Bauerndorf Dharmaram und weitere Gemeinden im ostindischen Bundesstaat Andhra Pradesh, wo unter der Leitung des dortigen Pfarrers und Kuhns Vertrauensperson Pratap Reddy eine Nähschule gebaut und eine Mangoplantage angelegt wurde. In Dharmaram arbeiten wiederum nach wie vor viele Menschen für Großbauern und besitzen kaum eigenes Land, wie Kuhn berichtet.

Nach Lahr pflegt Renate Kuhn weiter enge Kontakte

Mehr als 200 Kindern ermöglichten konnten Kuhn und der Freundeskreis mit der Hilfe der dortigen Sozialarbeiterin Theresa Govindu einen Schulbesuch. Daneben finanzierte der Freundeskreis Gesundheits-Checks für die Bewohner des Dorfes, außerdem wurden mehreren Familien die Monsun-geschädigten Häuser repariert.

Als Govindu im vergangenen Jahr verstarb, bedeutete das für Kuhn nicht nur einen großen persönlichen Verlust, sondern brachte auch die humanitäre Arbeit in Dharmaram in Gefahr. Govindu war die Vertrauensperson vor Ort und stellte sicher, dass die Gelder aus Deutschland ordnungsgemäß verteilt wurden. Die Konsequenz: Alle Projekte mussten vorerst gestoppt werden. „Ein Jahr haben wir händeringend nach Ersatz gesucht“, so Kuhn. Mittlerweile wurde eine Nachfolge gefunden. Dennoch sah sich Kuhn gezwungen, ihr Engagement etwas zurückzufahren. Besonders die Finanzierung der Schulpatenschaften muss für mehrere Jahre im Voraus gesichert sein, damit die Schüler ihren Abschluss machen können und die Patenschaften nicht vorzeitig enden müssen.

Der Geldtransfer hat sich in den vergangenen Jahren erheblich vereinfacht. „Früher hat das manchmal mehr als ein halbes Jahr gedauert, bis Spendengelder verwendet werden können“, erzählt Kuhn. Und heute „geht alles ganz einfach per App.“ Ihre Arbeit wird aber mittlerweile durch die hindunationalistische Regierung erschwert, so Kuhn. So seien neuerdings keine Zahlungen über mehr als 4900 Rupien (etwa 500 Euro) zulässig. Damit würden christlichen und muslimischen Vereinen absichtlich das Leben schwer gemacht, sagt Kuhn.

Auch persönlich wurde Indien für Kuhn und ihren Mann zu einer Herzensangelegenheit. Achtmal waren sie dort, sammelten unzählige wertvolle Eindrücke und machten viele Bekanntschaften, die ihr Leben veränderten, wie Kuhn betont.

In Deutschland war Renate Kuhns Leben von vielen Ortswechseln geprägt. Lübeck, Herford, Weil am Rhein – und natürlich Lahr. Nach Lahr kam sie mit acht Jahren, weil ihr Vater dort eine Anstellung als Küster der Pfarrkirche St. Maria der katholischen Kirchengemeinde „An der Schutter“ in der Bismarckstraße annahm; mit 21 Jahren verließ sie die Stadt. Sie heiratete einen gebürtigen Schutterer und zog mit ihm in die weite Welt.

Kuhn hat noch viele Verbindungen in die Ortenau. „Eine sehr prägende Zeit“, sagt sie über ihre Lahrer Kindheit. Tatsächlich erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Redaktion exakt und detailliert an die örtlichen Gegebenheiten, sie kann die Namen aus ihrer Lahrer Kindheit problemlos abrufen. Ihr Schwager wohnt sogar noch in Seelbach, ihn besuchen sie regelmäßig. Darüber hinaus hält sie mit etlichen ihrer damaligen Schulkameradinnen des Jahrgangs 1947/48 von der Friedrichschule weiterhin engen Kontakt. Und auch mit ihren Pfadfinderkolleginnen trifft sie sich regelmäßig. Sogar zwei ihrer damaligen Pfadfinderführerinnen, beide mittlerweile über 80 Jahre alt, sieht sie noch, wenn sie in Lahr ist. „Dann sitzen wir schön zusammen und erzählen uns, wie es damals war“, erzählt sie lachend. Meistens seien sie und ihr Mann rund drei bis vier Tage in der Gegend, „dann trifft jeder die Leute, die er treffen will.“

Ehrung im Rathaus

Auf die Ehrung im Herforder Rathaus freut sich Renate Kuhn sehr. Mit dabei ist der Freundeskreis Indien und die Verwandtschaft. Danach geht es noch „gemütlich zum Kaffee trinken“. Wie kam Kuhn zu der Auszeichnung? Jeder Bürger kann vorschlagen, dass eine Person mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. Kuhn glaubt, dass in ihrem Fall ihre ältere Schwester dafür gesorgt hat, dass Kuhns Engagement gewürdigt wird.