Jochen Gewecke, Corinna Reik und Uli Kohaupt vom Vorstand des Fördervereins Pro Regio­Stadtbahn sind im 25. Jahr von dessen Bestehen überzeugt vom Mehrwert der Regionalstadtbahn – und der Reaktivierungu der Talgangbahn. Foto: Martin Kistner

Vor 25 Jahren wurde der Förderverein Pro RegioStadtbahn aus der Taufe gehoben. Sein Ziel war und ist eine funktionstüchtige Regionalstadtbahn in der Region Neckar-Alb. Seither ist viel erreicht worden – und noch mehr bleibt zu tun.

Als „Spinner und Utopisten“ seien er und seine Mitstreiter verlacht worden, erinnert sich Jochen Gewecke, seinerzeit Gründungs- und heute Vorstandsmitglied des Fördervereins Pro RegioStadtbahn, als sie damals die Forderung nach einer Stadtbahn Marke Karlsruhe erhoben hätten, sprich: einer mit einem Einzugsgebiet, das die ganze Region umfasste, im Falle Neckar-Alb also auch den „toten Winkel“ der Region, die Zollernalb. Das Gelächter, freut sich Gewecke, sei mittlerweile verstummt.

 

Die Kritik, das weiß er, ist es nicht. Erst im März dieses Jahres hat das Regierungspräsidium Tübingen Regionalverband und Landkreise davor gewarnt, sich finanziell zu verheben, und sie aufgefordert, Prioritäten zu setzen. Es versicherte zwar in eins damit, dass es das Bahnprojekt begrüße und unterstütze, aber das klang doch sehr nach Lippenbekenntnis – von anderen Projekten wie etwa dem Zentralklinikum war im Mahnbrief nur am Rande die Rede.

Was Jochen Gewecke freut: Die Repliken der Landräte und Bürgermeister, dass die Regionalstadtbahn gesetzt sei und man sich Anschläge auf die kommunale Planungshoheit verbitte, fielen fast schon aggressiv aus – und die von der CDU standen dabei an vorderster Front.

Volkswirtschaftlicheine lohnende Sache

Jochen Gewecke erinnert sich noch gut daran, dass das nicht immer so war: „Bei denen hat es eine Weile gedauert – Edmund Merkel, der Balinger OB, war der erste, der sich für die Regionalstadtbahn stark gemacht hat.“

Ein wichtiger Schritt nach vorne war die „standartisierte Bewertung“, die zum Ergebnis kam, dass die Regionalstadtbahn volkswirtschaftlich gesehen eine lohnende Sache sei. 2019 wurde der Zweckverband Regional-Stadtbahn gegründet, ein Jahr später brachte die Zusicherung von Bund und Land, die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken zu über 90 Prozent zu finanzieren, zusätzlichen Rückenwind – nicht zuletzt für die Talgangbahn in Albstadt, die lange unter dem Odium gelitten hatte, der Blinddarm der Regionalstadtbahn zu sein.

Wenn Jochen Gewecke im Jubiläumsjahr versucht, gemeinsam mit den Vorstandskollegen Uli Kohaupt aus Albstadt und Corinna Reik aus Balingen mediale Geburtstagskerzen anzuzünden, dann ist ihm wohl bewusst, dass die Diskussion um die Regionalstadtbahn in Albstadt auch zwei Jahre nach der Entscheidung des Gemeinderats primär über den vermeintlichen Wurmfortsatz Talgangbahn geführt wird – und zwar mit unverminderter Heftigkeit.

Geweckes wichtigstes Argument für den Blinddarm richtet sich an diejenigen, die Elektrifizierung und zweigleisigen Ausbau der Zollernbahn zwar grundsätzlich gut und richtig finden, die Reaktivierung der Talgangbahn aber als überflüssige Fehlinvestition ansehen: Zollern- und Talgangbahn stünden in Wechselwirkung; die Talgangbahn lebe ebenso von der Direktanbindung und umstiegsfreien Fahrt nach Tübingen wie die Zollernbahn von den Passagieren, die es aus der 47 000-Einwohner-Stadt in die weite Welt hinausziehe. Wer das eine Element entferne, der entziehe auch dem anderen die Grundlage; wer die Reaktivierung der Talgangbahn zur Disposition stelle, gefährde das gesamte Modul Zollernbahn.

„Man muss sich klarmachen: Sobald die Talgangbahn fährt, wächst der Druck auf die Entscheidungsträger, auch bei der Zollernbahn Nägel mit Köpfen zu machen. Es wäre fatal, wenn dieser Druck wegfiele“, sagt Gewecke.

„Flexibilität des Busses nicht überbewerten!“

Auch die Albstadt-interne Debatte über Vor- und Nachteile von Bahn und Bus hat Gewecke mitverfolgt und warnt davor, die Flexibilität des Busses überzubewerten: Auch der fahre nicht in die allerletzte Ecke; wenn er aber eine Extraschleife drehe, verlängere das die Fahrzeit und verringere die Attraktivität.

„Ich wohne in Öschingen – da wird die Bahn nie hinkommen; deshalb denke ich auch nicht daran, mein Auto abzuschaffen. Aber ich habe kein Problem damit, es am Bahnhof stehen zu lassen und mit dem Zug weiterzufahren.“

Uli Kohaupt verweist darauf, dass die Fahrgastzahlen aller bisher reaktivierten Bahnen die Erwartungen weit übertroffen und die Skeptiker Lügen gestraft hätten. „Die wahren Realisten sind wir.“ Und Corinna Reik beteuert: „Wir sind keine ferrophilen Spinner.“ Heute so wenig wie vor 25 Jahren.