Jetzt Vorbild für viele: Arife Wöhrle lebt heute mit ihrer Familie in Dubai. Aufgewachsen ist sie in Blumberg. Foto: Arife Wöhrle/ privat

Arife Wöhrle aus Blumberg kämpft sich hoch. Heute ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin in Dubai. Eine Geschichte von Mut und Selbstfindung.

Auf ihren sozialen Netzwerken zeigt Arife Wöhrle das Leben vieler Influencerinnen: perfekt gestylt, an der Seite prominenter Internetstars wie Sarah Harrison, türkisblaues Wasser im Hintergrund. Bilder voller Glamour, Erfolg und Leichtigkeit.

 

Heute erreicht die 43-Jährige mit ihren Profilen Millionen Menschen, führt eine eigene Agentur und hat mehrere Produkte erfolgreich auf den Markt gebracht. Doch hinter der glänzenden Fassade steckt eine Geschichte voller Rückschläge: geprägt von Armut, Ausgrenzung, Verzweiflung und einem Weg, der alles andere als einfach war.

Als Jüngste von neun Geschwistern wächst Arife Wöhrle in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Eltern kommen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wohnt sie im zehnten Stock eines Hochhauskomplexes in Blumberg. Neun Kinder in vier Zimmern.

Arife Wöhrle mit ihren Eltern und ihren vier Schwestern. Foto: Arife Wöhrle/ privat

Sie teilt sich einen Raum mit ihren vier älteren Schwestern, wie sie erzählt. „Ich hatte wenig Kontakt nach draußen und war nur kurz im Kindergarten. Erst in der Schule merkte ich, dass ich anders war als andere Kinder. Mein Deutsch war schlecht, und meine Kleidung fiel auf. Ich schämte mich und wollte nicht gesehen werden“, erinnert sie sich. Da sie kaum gesprochen habe, sei sie früh auf die Förderschule Weiherdamm in Blumberg versetzt worden.

Auf die Förderschule

Ihre Eltern sind streng religiös in einer patriarchalischen Struktur verhaftet, in der Arife „rebellisch“ genannt wird. Mit neun Jahren verlangt ihr Vater, dass sie ein Kopftuch trägt so wie auch ihre älteren Schwestern. Arife Wöhrle wehrt sich dagegen. „Sonderschule, Kopftuch. Ich passte nirgendwo rein. Meiner Familie war ich nicht religiös genug, und sonst wurde ich auch niemandem gerecht“, sagt sie.

Für ihre religiöse Erziehung schicken die Eltern die jüngste Tochter immer wieder auf Internate in die Türkei, wo sie den Koran lernt. Die deutschen Schulinhalte verpasst sie zu dieser Zeit. Wenn sie zeitweise zurück auf einer deutschen Schule gewesen sei, habe sie sich den Schulstoff selbst beibringen müssen. Dennoch habe sie immer versucht, sich zu integrieren.

Arife Wöhrle mit Sarah Harrison. Die beiden verbindet eine langjährige Freundschaft. Harrison vertraut auf das Styling durch Wöhrle. Foto: Arife Wöhrle/ privat

In der achten Klasse entscheidet sich Arife Wöhrle, die Förderschule zu verlassen und auf den Abschluss zu verzichten. Der Umgang mit ihrer Familie gestaltet sich zunehmend schwierig. Sie versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und nimmt dafür jede Arbeit an, die sie bekommen kann.

Sie legt das Kopftuch ab

Mit 21 Jahren legt sie ihr Kopftuch ab, ein Schritt, der schließlich zum Bruch mit ihrem Vater führt. Er setzt sie vor die Tür. Zehn Jahre lang wird sie ihren Vater nicht sehen, ihre Mutter trifft sie weiterhin heimlich. Über eine Zeitarbeitsfirma findet sie Arbeit bei einem Industrieunternehmen. Dort wird der Produktionsleiter auf sie aufmerksam. Er sieht ihr Potenzial und erzählt ihr, dass sein Friseur Auszubildende sucht. „Ich hatte keinen Abschluss und war überzeugt, dass mich deshalb niemand für eine Ausbildung nehmen würde. Das hatte man mir jahrelang eingeredet“, erinnert sich Arife Wöhrle. Doch es kommt anders.

Endlich ein Erfolgserlebnis

Wöhrle bekommt die Ausbildungsstelle. Schon im ersten Test schreibt sie eine 1,4. „In diesem Moment habe ich zum ersten Mal gemerkt: Ich bin gar nicht dumm.“ Dieser Erfolg habe bei ihr vieles verändert. „Da habe ich Blut geleckt“, erzählt sie. „Von da an habe ich richtig viel gelernt und versucht, weiterzukommen.“

Arife Wöhrle ist 23 Jahre alt und noch in der Ausbildung, als sie ihren ersten Friseursalon eröffnet. „Ich habe damals eine Bescheinigung der IHK gebraucht, dass ich meisterfähig bin, damit ich überhaupt selbstständig sein konnte“, so Wöhrle. Auf einen Salon folgen weitere. Sie macht ihren Meister und übernimmt die Kette eines Franchise-Unternehmens, das insolvent gegangen ist. Ihre Familie ist damals ihr Freund Matthias, der ihr Halt gibt.

Mit 29 Jahren studiert sie BWL. „Ich hätte auch noch meinen Doktor gemacht, aber Matthias hat mich gebremst“, erzählt sie lachend. Die beiden heiraten, 2013 kommt ihre Tochter zur Welt. Die damals 30-Jährige verkauft die Friseurkette und konzentriert sich auf einen Laden, in dem sie ein komplettes Styling-Programm von Frisuren bis Permanent-Make-up anbietet.

Studium und Promotion

„Ich hatte schnell verstanden, wie die Branche funktioniert und Künstler und Influencerinnen in meinen Salon eingeladen. Damals lernte ich auch Sarah Harrison kennen, und wir freundeten uns an“, so Wöhrle. 2018 bekommt sie ein weiteres Kind, einen Sohn.

Sie fühlt sich zerrissen zwischen Beruf und ihrer Rolle als Mutter und versucht, mit einem eigenen Produkt, einem Haaröl, durchzustarten. Doch für die Vermarktung gerät sie an einen Betrüger, verliert viele Tausend Euro und verschuldet sich. Um sich zu retten und die Schulden zurückzahlen zu können, verkauft sie ihren Salon, wenige Monate bevor die Corona-Pandemie beginnt.

Arife Wöhrle tourt durch Deutschland und mietet sich in anderen Salons ein. „Ich habe nur noch gearbeitet, um die Kredite abzuzahlen.“ Dann erkrankt Arife Wöhrle so schwer an Corona, dass sie mehrere Wochen im Krankenhaus verbringt. Sie beschließt, „wenn Gott mir noch einmal ein Leben schenkt, dann ändere ich alles“. Sie entscheidet, Deutschland zu verlassen und eine Agentur zu gründen.

„Vertrau mir, ich schaffe das“, sagte Arife Wöhrle damals zu ihrem Mann. „Es war ein krasser Druck, aber es hat mich auch komplett hochskaliert“, erzählt sie heute. Ihr Mann kündigt seinen Job, 2023 zieht die Familie nach Dubai. Die Tochter ist damals zehn Jahre alt, der Sohn fünf.

Arife Wöhrle mit ihrem Vater, mit dem sie sich mittlerweile wieder versöhnt hat. „Ich bin so glücklich darüber, dass wir wieder neu angefangen haben. Dieser Neuanfang hat uns beide verändert und unzertrennlich gemacht“, sagt sie. Foto: Arife Wöhrle/ privat

Heute hat Arife Wöhrle allein auf Instagram über 300.000 Follower und führt eine Agentur im Bereich Influencer Marketing mit sieben Mitarbeitern. „Wenn wir Gründe suchen, weshalb wir etwas nicht schaffen können, sind das Steine, die wir uns selbst in den Weg legen“, sagt sie heute über ihren Weg. „Ich sehe nie den Berg, sondern immer nur mein Ziel.“