Der bayerische Flugtaxi-Pionier Lilium kann auf die staatliche Unterstützung hoffen, die Volocopter bisher verwehrt wird. Der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche soll den Elektrohelikopter-Hersteller aus Baden stabilisieren – und löst sogleich einen bedeutenden Rücktritt aus.
Zu teuer und zu ineffizient in der Nutzung, für das Klima kaum ein Gewinn: Wissenschaftler stellen Flugtaxis ein schlechtes Zeugnis aus. Eine Stärkung des Industrie- und Luftverkehrsstandorts versprechen sich hingegen Teile der Politik von der neuen Technologie, weshalb über eine verstärkte Förderung gestritten wird. Elektrohelikopter-Hersteller wie Volocopter aus Bruchsal oder Lilium aus Oberpfaffenhofen sehen sich hin und hergeschüttelt.
Beim Badener Unternehmen haben die Turbulenzen personelle Folgen: Der zuletzt glücklose Vorstandschef Dirk Hoke wird den Flugtaxi-Entwickler im Februar 2025 verlassen – „aus persönlichen Gründen“, wie es heißt. Tatsächlich will Hoke bald darauf den Chefposten beim Technologiekonzern Voith übernehmen.
Wann sein Nachfolger bei Volocopter ernannt wird, werde zu gegebener Zeit bekannt geben, heißt es. Womöglich hat der Abgang auch mit der neuen Schlüsselfigur tun: Mit Dieter Zetsche wurde „einer der erfolgreichsten deutschen Wirtschaftsführer der vergangenen Jahrzehnte und ein ausgewiesener Mobilitätsexperte“, so die Mitteilung vorige Woche, in das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden gehievt. Der frühere Daimler-Chef war bereits als Klein-Investor einfaches Beiratsmitglied. Zetsche folgt auf Stefan Klocke. Gemeinsam wolle man die Kommerzialisierung von Volocopter vorantreiben und „ein neues Kapitel in der Luftfahrtgeschichte schreiben“, ließ er sich zitieren.
Volocopter-Chef kritisiert die Politik
Hoke hat zuletzt immer offener Kritik an der Untätigkeit der Politik geübt. Speziell die Regierung in Baden-Württemberg hatte eine Kreditbürgschaft versagt – und das Angebot, nach Bayern zu ziehen, um dort staatlich gestützt zu werden, scheiterte ebenso. Nun soll Lilium, der bayerische Flugtaxi-Pionier, mit Staatshilfen von 100 Millionen Euro gefördert werden, wie die Staatsregierung beschlossen hat. Demnach wird eine Haftungsübernahme über einen Kredit in Höhe von 50 Millionen Euro gewährt, wenn sich der Bund in gleicher Weise beteiligt. Volocopter lobt die Hilfe für den Mitbewerber. Sie „sei ein Signal der Unterstützung für die Zukunft der gesamten Branche“, sagt eine Sprecherin.
Auch vor einer möglichen Insolvenz hat Hoke gewarnt. Im Juni wurde eine neue Finanzierungsrunde mit den Investoren vereinbart. Damit soll die Zeit bis zur erhofften Musterzulassung des bekanntesten Produkts Volocity durch die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA), die kommerzielle Passagierflüge ermöglicht, überbrückt werden. Um wie viel Geld es dabei geht, ist unklar. Die Finanzierungsrunde sei noch nicht abgeschlossen, heißt es. „Wir gehen davon aus, dass dies im vierten Quartal geschehen wird.“ Die aktuellen Finanzen seien aber „stabil“.
FDP in Bund und Land setzen sich für staatliche Hilfen ein
In der Politik fühlt sich die FDP bestätigt: „Die Landesregierung Bayerns macht im Falle Liliums nun das, wofür Grün-Schwarz in Baden-Württemberg bei Volocopter die Kraft gefehlt hat: Sie spricht ein klares Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort und zu innovativen heimischen Unternehmen aus, indem sie die Bereitschaft zeigt, über eine Kofinanzierung des Landes Bundesmittel ins Land zu holen und so auch Hochtechnologie zu halten“, betont Erik Schweickert, Mittelstandssprecher der FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag, gegenüber unserer Zeitung. Er gehe nicht davon aus, dass die personellen Veränderungen bei Volocopter etwas mit der Finanzierung zu tun hätten. Weiter befürchte er aber, „dass das mangelnde Engagement der hiesigen Regierung langfristig dazu führen wird, dass Volocopter mitsamt der Technologie in chinesische Hände gerät“.
Auch ein Sprecher des liberalen Bundesverkehrsministers Volker Wissing begrüßt die Entscheidung des bayerischen Kabinetts. Das Ministerium sei bereit, eine staatliche Unterstützung gemeinsam mit dem Bundesfinanzministerium kurzfristig zu prüfen. Über eine staatliche Bürgschaft müsse der Haushaltsausschuss des Bundestags entscheiden. Das geplante Wandeldarlehen an Lilium habe eine Höhe von 100 Millionen Euro und solle je hälftig abgesichert werden. Es sei gesichert, dass der Bund auch am Erfolg des Unternehmens beteiligt werde.
ZEW-Forscher zeigen Nachteile der neuen Technologie auf
Einen kritischen Kontrapunkt setzt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, das elf veröffentlichte Untersuchungen für eine Metastudie analysiert hat. Urban Air Mobility (UAM) werde oft als nachhaltig, schnell und günstig angepriesen, so Anna Straubinger vom Forschungsbereich „Umwelt- und Klimaökonomik“. Die Studien zeigten jedoch, dass die tatsächlichen Vorteile sehr begrenzt seien. So stießen die Fluggeräte allenfalls im Vergleich zum Verbrennerauto weniger CO2-Emissionen aus. Gegenüber Fahrten mit Elektroautos benötigen sie sogar mehr Energie. „Daher leisten sie keinen positiven Beitrag zur Energiewende im Verkehrssektor.“
Letztlich wäre UAM „vor allem eine Option für Wohlhabende, da die Kosten deutlich höher sind als bei anderen Verkehrsmitteln“. Kurz- bis mittelfristig peilten die Hersteller und mögliche Betreiber einen Kilometerpreis von fünf Euro an. Das sei rund zweieinhalb Mal so teuer wie die Nutzung eines Taxis (mit zwei Euro pro Kilometer) und ungefähr 15 Mal teurer als ein Pkw (bei 30 Cent/km). „Lärm und visuelle Beeinträchtigungen am Himmel betreffen jedoch den großen Anteil der Bevölkerung“, so Straubinger. „Dadurch sinkt die Akzeptanz.“ Einen wirklichen Mehrwert böten die Fluggeräte allenfalls bei Notfalleinsätzen.