Olha Hashko ist mit ihrer Mutter Valentyna aus der Ukraine geflohen (unten). Nun wohnen sie in Freudenstadt bei Ingrid und Michael Thierbach, die sich gemeinsam mit Christiane Maier für die ukrainischen Flüchtlinge engagieren (oben). Foto: Beyer

Immer mehr Menschen im Kreis bieten ihre Wohnungen kostenlos an, um Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen. Doch wie lebt es sich gemeinsam? Wir haben bei einer Familie vorbeigeschaut, die drei ukrainische Frauen bei sich aufgenommen hat.

Freudenstadt - Eine Kolonne Panzer rollt in der Ferne vorbei. Es ist nicht zu erkennen, ob es russische oder ukrainische Truppen sind. Auf einem anderen Video sind Explosionen und Brände am Horizont zu sehen.

 

Es sind Bilder aus der Schlacht um Charkiw, die Olha Hashko auf ihrem Handy zeigt. Das Video hat sie selbst vom Balkon ihrer Wohnung in den Außenbezirken von Charkiw mit ihrem Handy aufgenommen.

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"Sie schossen jeden Tag"

Doch der Krieg kam noch viel näher, als es auf den Videos zu sehen ist. Dann konnte Hashko nicht mehr filmen. Sie musste um ihr Leben rennen. "Sie schossen jeden Tag", berichtet Hashko von den elf Kriegstagen, die sie im belagerten Charkiw erlebte. Die russischen Truppen hätten die Stadt umzingelt, erzählt sie. Immer wieder seien Geschosse direkt neben ihrem Haus eingeschlagen.

Während sie von den Schrecken des Kriegs erzählt, sitzt Olha Hashko gemeinsam mit ihrer Mutter Valentyna im Garten der Familie Thierbach in Freudenstadt. Die Sonne scheint, es ist warm. Eine Hummel zuckelt um den Holztisch, auf dem zur Erfrischung Gläser mit Zitronenwasser stehen. Doch es war ein weiter und beschwerlicher Weg bis in dieses Idyll.

Sie wollte in Charkiw bleiben

Dabei wollte Hashko ursprünglich das umkämpfte Charkiw gar nicht verlassen. Doch je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde die Situation der Familie. Bei jedem Angriff musste sie in den Keller des Gebäudes fliehen. "Doch immer wenn geschossen wurde, haben sich unsere Katzen in der Wohnung versteckt." Die Suche nach den Haustieren kostete daher bei jedem Angriff wertvolle Zeit.

Und dann brach sich Olhas Mutter Valentyna auch noch ihren Arm, als sie von einem vorbeifahrenden Lieferwagen Trinkwasser kaufen wollte. Sie rannte die Treppe des Wohnhauses runter, rutschte aus und stürzte unglücklich. Zwar konnten sie einen Arzt finden, der den Arm richtete, doch bei dem ständigen Hin und Her zwischen Wohnung und Keller war es unmöglich, den Arm in der richtigen Position ruhen zu lassen.

Angst vor russischen Flugzeugen

Und schließlich forderte auch die Armee sie auf, die Stadt zu verlassen, da die Versorgung der Bevölkerung zunehmend schwierig wurde. Hashko stieg daher schließlich mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihren beiden Katzen in den Zug nach Lviv.

17 Stunden dauerte die Fahrt, statt der üblichen zehn Stunden. "Im ganzen Zug waren die Lichter aus, damit uns die russischen Flugzeuge nicht sehen können", erzählt Hashko. Die Gefahr sei zu spüren gewesen. "Das Personal im Zug war sehr nervös."

Der Bahnhof in Lviv war völlig überfüllt

In Lviv angekommen, war der Bahnhof völlig überfüllt mit Flüchtlingen. "Es war absolut schrecklich", erzählt Hashko. Zwei Tage später ging es weiter nach Polen – wieder mit dem Zug. Zwei Tage dauerte die Fahrt. "Es gab kein Wasser und kein Essen im Zug", beschreibt Hashko die beschwerliche Fahrt.

In Polen seien sie dann herzlich begrüßt worden. Dennoch habe sich die Familie bald entschieden, nach Deutschland weiterzureisen. "Wir haben gemerkt, dass es zu viele von uns in Polen gibt. Es wäre schwierig gewesen, einen Job zu finden."

Zeugen Jehovas vermitteln Wohnraum

Mit einem von der Regierung organisierten Bus ging es daher weiter nach Stuttgart. Dort wurde die Familie dann von den Zeugen Jehovas in Empfang genommen. Denn Hashkos Mutter gehört der Glaubensgemeinschaft an. Schon während ihrer Flucht erhielten sie Hilfe durch die Organisation. In den verschiedenen Städten konnten sie immer wieder in den Königreichssälen der Zeugen Zuflucht finden.

Und in Deutschland vermittelten die Zeugen Jehovas die Unterkunft bei der Familie Thierbach. "Grundsätzlich ist es uns wichtig, dass unsere Glaubensbrüder privat unterkommen", erzählt Michael Thierbach. Daher hat er sich gemeinsam mit seiner Frau Ingrid bereit erklärt, die beiden ehemaligen Kinderzimmer samt Bad zur Verfügung zu stellen.

Von Hilfsbereitschaft überwältigt

Und dann ging alles ganz schnell. Die Thierbachs mussten sich mit dem Putzen der Zimmer beeilen, denn die Familie Hashko kam sogar einen Tag früher, als ursprünglich geplant. "Ich habe gerufen, Ingrid lass den Staubsauger fallen, unsere Gäste sind da", erzählt Thierbach lachend.

Hashko ist von der Hilfsbereitschaft ganz gerührt. Zum Beispiel hätten nach ihrer Ankunft Nachbarn Kleider vorbeigebracht. Und Christiane Maier, eine Freundin der Thierbachs aus der Nachbarschaft, half als Dolmetscherin. "Wir haben das nicht erwartet, wir haben uns auf sehr harte Zeiten vorbereitet", sagt Hashko. "Wir werden diese Leute für immer lieben."

Und auch Ingrid Thierbach ist von ihren Gästen begeistert: "Wir sind jetzt eine WG. Wir essen auch zusammen. Das sind absolut nette Leute."