Der "Rössle"-Begegnungsraum ist ein Anknüpfungspunkt für Integration. Dort hatte beispielsweise ein syrischer Flüchtling, der ausgebildeter IT-Fachmann ist, regelmäßig Internetkurse angeboten. Foto: Schlang

Viele Kreisgemeinden übertragen die Flüchtlingsbetreuung ans Landratsamt, nicht so Althengstett. Dort hat sich in vielen Bereichen gezeigt, dass es effizienter ist, mit eigenen Leuten vor Ort zu arbeiten.

Althengstett - Das jedenfalls bescheinigten die Althengstetter Gemeinderäte unlängst der Integrationsmanagerin Loreto Aravena, die dem Gremium den Jahresbericht mit aktuellen Zahlen zu Flüchtlingen und Unterbringung in der Gäugemeinde vorlegte. Neben Aravena ist Mahak Khan als Integrationsmanagerin eingestellt. Die Gehaltskosten für die 50- beziehungsweise 100-Prozent-Stelle werden vom Land Baden-Württemberg getragen. Khan und Aravena setzen die Arbeit der Flüchtlingsbeauftragten Barbara Ogbone fort, inzwischen im Sachgebiet Netzwerk und Begleitung in leitender Funktion im Althengstetter Familienzentrum tätig.

Elf Herkunftsländer

Momentan wohnen 85 Personen – 49 Erwachsene und 36 Minderjährige – in der Anschlussunterbringung in sieben Gebäuden in Althengstett, dreien in Neuhengstett und einem in Ottenbronn. 47 von ihnen stammen aus Syrien, die anderen verteilen sich auf zehn Herkunftsländer (Afghanistan, Gambia, Indien, Georgien, Somalia, Eritrea, Pakistan, Äthiopien, Iran und Nigeria).

Wie Aravena berichtete, absolvieren derzeit sechs junge Menschen eine Ausbildung, weitere fünf stehen davor, eine solche zu beginnen. 13 Erwachsene befinden sich in einem Arbeitsverhältnis oder einer Fördermaßnahme, elf nehmen an Sprachkursen teil. Wer ein festes Arbeitsverhältnis gefunden hat, verlässt üblicherweise mit seiner Familie die Anschlussunterbringung und ist damit auch nicht mehr in dieser Statistik geführt.

Eine intensivere Begleitung benötigen derzeit etwa acht Flüchtlinge, die mit physischen oder psychischen Schwierigkeiten kämpfen, etwa eine Behinderung haben oder alkoholsüchtig sind. Das ist laut Aravena zeitintensiv, bedarf einer längeren Einarbeitungszeit, und die Betreuung ist von Dauer. Oftmals seien Hilfsangebote jenseits der klassischen Integrationsarbeit gefordert. "Aktuell haben wir acht solche intensiven Fälle", berichtete Aravena. Für diese Personen gelte es, neue Netzwerke für deren Unterstützung zu knüpfen.

Eine der größten Herausforderungen ist seit März 2020 die Corona-Pandemie, denn die üblicherweise in deutscher Sprache verfassten Informationen zum Thema dringen nicht bis zu den Flüchtlingen durch. "Wir führen intensive Aufklärungsgespräche zum Thema Schnelltest und Impfung", gab die Integrationsmanagerin an. Außerdem gebe es inzwischen eine Infothek mit Übersetzungen in puncto Gesundheitsmaßnahmen und Verhaltensregeln während der Pandemie. "Seit 13. März bieten wir auch eine digitale Corona-Notfallbetreuung an."

Gemeinderat Rainer Kömpf (Unabhängige Wählervereinigung) erkundigte sich nach der Impfbereitschaft der Flüchtlinge. Teils gebe es Bedenken und Ängste, berichtete die Integrationsmanagerin, und es seien zeitintensive Beratungsgespräche nötig. 49 Erwachsene hätten sich bislang aber impfen lassen. Die Althengstetter Impfinitiative vom 8. Mai sei noch in den Ramadan, den Fastenmonat der Muslime, gefallen. Nach deren religiösem Verständnis könnten in dieser Zeit keine Impfungen erfolgen.

Aravena verwies auf die Zusammenarbeit mit Dolmetschern und Übersetzungstätigkeiten für das Integrationsmanagement und Schule sowie Familienzentrum. Eng kooperiert werde auch mit Kitas, Schulen und Lehrern beim Homeschooling. Wegen der sehr beengten Wohnverhältnisse der Flüchtlinge sei dies eine Belastung.

Der Kontakt zwischen Arbeitskreis (AK) Asyl, den Erzieherinnen und den Lehrkräften riss während der Pandemie nie ab und habe gut gehalten werden können. Der AK, der Internationale Frauentreff und andere Paten- oder Begegnungsmöglichkeiten wie der "Rössle"-Begegnungsraum in Neuhengstett seien Anknüpfungspunkte für die Integration. "Demnächst sind ein Erste-Hilfe-Kurs für Frauen mit der DLRG Neuheng­stett und eine Übung zum Brandschutz mit der Freiwilligen Feuerwehr mit männlichen Flüchtlingen geplant", kündigte Aravena an.

Gelungene Beispiele

Die Hochschulen in Pforzheim und Kehl planen nach Angaben der Althengstetter Integrationsmanagerin weitere Umfragen mit geflüchteten Personen aus der Gäugemeinde. Zwei Studenten der Hochschule Pforzheim hatten bereits vor knapp einem Jahr untersucht, wie man Asyl- und Schutzsuchende, die vor Krieg, Verfolgung und Not aus ihrer Heimat geflüchtet sind, in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren kann. Sie hatten aufgearbeitet, welche großen Herausforderungen damit verbunden sind und gelungene Beispiele aus Althengstett und Calw vorgestellt.

"Hürden und Lösungsvorschläge bei der Arbeitsintegration von Geflüchteten in der Baubranche" – so hatte das Thema der Bachelor-Arbeit von Svenja Maurer und Alexander Watson gelautet. Die beiden Studenten hatten mit ihren Nachforschungen beleuchtet, was –­ vor allem aus Sicht von Unternehmen – getan werden muss, damit Flüchtlinge bessere Ausbildungschancen und eine klare Perspektive haben.

Gemeinderat Lothar Kante (SPD) bedankte sich für den beeindruckenden Tätigkeitsbericht Aravenas über die Althengstetter Integrationsarbeit mit haupt- sowie ehrenamtlichem Engagement und erwähnte lobend, dass acht Mütter einen Sprachkurs erfolgreich abgeschlossen hätten. "Althengstetter sind gute Netzwerker", sagte er zur gut funktionierenden Kooperation in der Flüchtlingsarbeit und bei der Integration.