Die Zahl der Flüchtlinge, die im Kreis Rottweil untergebracht werden müssen, nimmt weiter zu. Der hohe Druck sorgt dafür, dass manche Lösungen für Unmut in der Bevölkerung sorgen. Zu den Querelen um das „Haus Tanneck“ in Neukirch und zur „Linde“ in Villingendorf gibt es jetzt Neuigkeiten.
Das „Haus Tanneck“ in Neukirch macht deutlich, für welche Verwerfungen der Unterbringungsdruck mittlerweile sorgen kann. Der Hausbesitzer hatte Mietern in dem Haus mit zahlreichen Zimmern und Wohnparteien gekündigt, um es ans Landratsamt vermieten zu können. Die Behörde nahm das Angebot gerne an. Auf unsere Berichterstattung hin versicherte das Landratsamt, man habe von der Vorgeschichte nichts gewusst und werde den Vertrag prüfen. Und jetzt?
Entscheidung zum Haus Tanneck ist gefallen
Die Entscheidung ist gefallen, berichtet Pressereferentin Andrea Schmider auf Nachfrage. „Das Objekt wurde an das Landratsamt übergeben.“ Zuletzt hatte ein verbleibender Mieter sich an unsere Redaktion gewandt und gesagt, dass er nicht ausziehen will. Gleichzeitig hatte das Landratsamt erklärt, man wolle unter diesen Umständen prüfen, ob der Vertrag mit dem Vermieter rückabgewickelt werden könnte.
Dazu kam es jedoch nicht, wie wir erfahren: Der verbliebene Mieter habe mit dem Eigentümer eine „für alle Seiten einvernehmliche Lösung“ gefunden. Der Vertrag ist damit beschlossene Sache und „bis zu 40 Personen“ können laut Sprecherin Andrea Schmider im Haus Tanneck vorläufig untergebracht werden. Und das wird schnell geschehen: „Voraussichtlich werden wir noch im September die ersten Geflüchteten dort unterbringen.“
Bezug der Linde Villingendorf steht bevor
Auch der Einzug von Geflüchteten in das ehemalige Gasthaus „Linde“ in Villingendorf soll noch im September über die Bühne gehen, ist auf Nachfrage zu erfahren. Bürgermeister Marcus Türk zeigte sich gegenüber unserer Redaktion verwundert darüber, dass es sich um türkische Staatsangehörige handelt, die dort einziehen. Er habe erfahren, dass die Zahlen der Asylerstanträge aus der Türkei zuletzt stark angestiegen seien.
Mehr Asylsuchende aus der Türkei
Ist dem wirklich auch im Kreis Rottweil so? Ja, sagt das Landratsamt: „Tatsächlich hat sich die Anzahl der Asylsuchenden aus der Türkei seit gut einem Jahr regelmäßig erhöht.“ Hintergrund sei zum einen die Zugehörigkeit der Geflüchteten zur Volksgruppe der Kurden. Noch immer gebe es militärische Konflikte im Gebiet der Kurden an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien.
Zum anderen seien es auch wirtschaftliche Hintergründe, warum die Asylsuchenden nach Deutschland kommen. „Sie erhoffen sich hier eine Beschäftigung“, erklärt die Landratsamtssprecherin.
Die Mehrheit stellen laut Schmider nach wie vor ukrainische Geflüchtete und Menschen aus Syrien dar. Verglichen mit anderen Nationalitäten, etwa Afghanistan und den Maghreb-Staaten, sei die Anzahl der Asylsuchenden aus der Türkei etwa gleich hoch.
Unterkunft für Personen aus dem gleichen Land
Und wie kam es nun zu der Entscheidung, welche Nationalität in der „Linde“ untergebracht wird? Und wie wird grundsätzlich vorgegangen? Schmider sagt dazu: „Als untere Aufnahmebehörde hat der Landkreis Rottweil die gesetzliche Pflichtaufgabe, monatlich ein bestimmtes Kontingent an Asyl- und Schutzsuchenden aufzunehmen. „Bei der Unterbringung bemühen wir uns, Personen aus dem jeweils gleichen Land oder Kulturkreis in einer Unterkunft zusammenzufassen, soweit möglich.“
Monatskontingent hat sich verdoppelt
Bleibt der Blick auf die Entwicklung der Flüchtlingszahlen im Kreis insgesamt. Die Kurve geht weiter steil nach oben. „Die Anzahl der Asyl- und Schutzsuchenden, die das Land auf die Landkreise verteilt, nimmt weiterhin stetig zu: Das Monatskontingent für den Landkreis Rottweil hat sich im September 2023 mit 60 Personen im Vergleich zum September 2022 exakt verdoppelt“, berichtet die Landratsamtssprecherin. Erfahrungsgemäß nehme die Zahl der Asyl- und Schutzsuchenden ab Herbst noch zu, was in diesem Jahr bereits ab Juli spürbar war.
Reichen die Kapazitäten im Kreis also für Herbst und Winter überhaupt aus? Dazu könne man – wenn sich die Zahlen weiterhin derart steigern – zum jetzigen Zeitpunkt „keine belastbare Antwort“ geben.
Das Amt für Aufnahme und Integration setze aber alles daran, weiteren Wohnraum für die vorläufige Unterbringung der Asyl- und Schutzsuchenden durch den Landkreis zu akquirieren. „Hallenbelegungen möchten wir vermeiden, ob dies möglich ist, wird die weitere Entwicklung der Geflüchtetenzahlen zeigen.“
Unbegleitete Minderjährige in Zelten?
Welche Ausmaße ein Mangel an Unterkünften annehmen kann, zeigt sich in Lahr: Dort werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mittlerweile in Zelten untergebracht. Ist so etwas im Kreis Rottweil vorstellbar? Im Landratsamt geht man davon aus, dass sich dies vermeiden lässt: „Bislang ist es uns immer gelungen, die unbegleiteten Minderjährigen in Jugendhilfeeinrichtungen unterzubringen – entweder bei uns im Kreis oder in Nachbarlandkreisen, mit denen wir eng zusammenarbeiten.“
Und: Da Baden-Württemberg seine Aufnahmequote mehr als erfüllt hat, verteile der Bund die unbegleiteten Minderjährigen (UMA) derzeit auf andere Bundesländer. Für den Kreis Rottweil bedeutet das, dass voraussichtlich frühestens im Dezember wieder UMAs aufgenommen werden. „Wie sich deren Zahl entwickelt, können wir überhaupt nicht abschätzen.“
Aufregung um Pfaff- und Schlauder-Areal in Schramberg
All das zeigt, dass der Unterbringungsdruck nicht nachlassen wird. Im Gegenteil. Und noch häufiger wird es damit Lösungen geben, die den Bürgern mitunter schwer zu vermitteln sind. Wie in Schramberg: Seit bekannt wurde, dass ein Investor und der Landkreis eine Gemeinschaftsunterkunft für bis zu 200 Personen im Pfaff- und Schlauder-Areal in der Berneckstraße planen, ist die Aufregung groß.
Das Landratsamt erklärte auch hier, dass absolut dringend Unterkünfte benötigt würden – dieser Druck treffe zugleich auf einen angespannten Wohnungsmarkt. Hier schließt sich der Kreis: Denn dass nun eben die Mieter in Neukirch neue Wohnungen suchen mussten, um das Haus Tanneck für die Nutzung durch das Landratsamt freizumachen, sorgte – kaum überraschend – für jede Menge Aufregung.