Von Oktober 2013 an kommen immer mehr Flüchtlinge nach Lampedusa. Foto: dpa/Giuseppe Lami

Mit einer Tragödie rückt vor zehn Jahren das Phänomen der Bootsflüchtlinge in den Focus. Seitdem ist die Insel Lampedusa unweigerlich damit verbunden.

Giuseppina Nicolini muss erst einmal Schlucken, wenn man sie nach diesem Tag fragt. Am 3. Oktober 2013 war sie die Bürgermeisterin der kleinen italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa. Nach einer kurzen Pause beginnt sie zu erzählen: „Für mich war dieser Tag ein Albtraum.“ Tag und Albtraum beginnen damals mit einem Anruf. „Man sagte mir: Das Meer ist voller Körper.“

 

Mehr als 360 Menschen ertrinken im Oktober 2013 bei einem Bootsunglück

Bei einem Bootsunglück vor der Insel waren mehr als 360 Menschen ertrunken. Sie hatten versucht, über das Mittelmeer von Nordafrika aus nach Italien zu gelangen. Die Tragödie schockiert Europa, das Phänomen der Bootsflüchtlinge erhält politische Aufmerksamkeit. Lampedusa, die kleine Insel südlich von Sizilien, wird zum Sinnbild für die Migrationskrise, die in den folgenden Jahren die europäische Politik zu einem großen Teil beherrschen wird. Die Insel liegt etwa 130 Kilometer entfernt von der tunesischen Küste und gilt daher für viele Migrantinnen und Migranten auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben als „das Tor nach Europa“.

In der ersten Jahreshälfte 2013 waren nach offiziellen Angaben 3648 Menschen über das Mittelmeer auf die kleine italienische Insel gelangt. Ein enormer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Immer wieder wird damals auch schon über Unglücke berichtet, bei denen Migranten beim Versuch der Mittelmeer-Überquerung ums Leben kommen. „Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt“, sagt Papst Franziskus im Juli 2013 bei einem Besuch auf Lampedsua, mit dem er auf das Leid der Migranten aufmerksam machen will. Wenige Wochen später treiben Hunderte lebloser Körper vor der Insel – und damit vor Europa.

Rund 5000 Menschen kommen innerhalb eines Tages auf die Insel

In diesem Jahr sind bis Ende September rund 135 000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien gekommen. So hoch war die Zahl seit sechs Jahren nicht mehr. Was aber nicht bedeutet, dass in dieser Zeit weniger Menschen nach Europa gekommen sind: Die Routen hatten sich von Italien weg nach Griechenland und Spanien verlagert.

Doch heute, fast zehn Jahre nach der Tragödie vom 3. Oktober 2013, steht Lampedusa wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wieder schaffen es Bilder in die Medien auch über die Grenzen Italiens hinaus: Wie auf einer Kette aufgereiht stehen die kleinen Boote im Hafen der Insel, um an der Mauer anlegen zu können und an Land zu gehen. Rund 5000 Menschen waren am 12. September innerhalb von nur 24 Stunden auf die Insel gekommen. In mehr als 100 kleinen Booten. Das Erstaufnahmelager auf Lampedusa ist tagelang komplett überfüllt.

Die frühere Bürgermeisterin ist heute in der Flüchtlingshilfe aktiv

Nicht nur dort ist die Unterbringung der Ankommenden wieder zum Problem geworden. Und so war der erste Sommer der ultrarechten Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von den Fratelli d’Italia geprägt von Schlagzeilen über überbelegte Einrichtungen für Migranten und davon, dass hunderte Bürgermeister auf die Barrikaden gehen – parteiübergreifend. Und wieder kocht das Thema in den EU-Mitgliedstaaten hoch. Nur wenige Monate vor der Europawahl im Juni 2024 ist die Asyl- und Migrationspolitik der EU bereits zum Wahlkampfthema geworden. Auch das nicht zum ersten Mal.

Giuseppina Nicolini, die noch bis 2017 Bürgermeisterin von Lampedusa war, ist heute auf der Insel in der Flüchtlingshilfe aktiv. Wie es in diesen zehn Jahren weiterging, mache sie wütend. „Seit diesem Tag sind mehr als weitere 25 000 Menschen auf dem Mittelmeer gestorben“, sagt sie. „Das ist Völkermord, eine Tragödie. Wie viele mehr braucht es denn noch, bis verstanden wird, dass ganz Europa diese große, unfassbar große Schande mit sich trägt?“

Eine Gruppe Überlebender von 2013 kommt jedes Jahr zum Gedenktag

Eine Sache, die erzählt sie dann aber doch mit einem Lächeln in der Stimme. 155 Menschen konnten an diesem 3. Oktober 2013 vor dem Ertrinken gerettet werden. „Mit vielen von ihnen haben wir bis heute noch Kontakt“, erzählt Nicolini. Eine Gruppe von Überlebenden kehre jedes Jahr zum Gedenktag nach Lampedusa zurück. „Zu diesen Menschen ist eine wirklich enge Bindung entstanden.“