Ein Blockflötenkurs für Erwachsene zeigt, wie viel musikalische Freude im „Albtraum aller Eltern“ steckt – und wie leicht lange vergessene Fähigkeiten wieder zurückkehren.
Sie ist der Albtraum aller Eltern, Familienfeiern und Schulvorführungen. Schrill, quietschend und unerträglich: die Blockflöte. Nachdem sich ihre hohen Töne nach ein zwei Weihnachtsfesten den Familienmitgliedern ins Gehirn geschraubt haben, atmen alle erleichtert auf, wenn die Kinder endlich ein „richtiges“ Instrument lernen. Soweit die Vorurteile.
Mit diesen hat auch Kathrin Krichel zu kämpfen, die seit 17 Jahren die Musikschul-Zweigstellen in Hausach, Hornberg und Wolfach leitet. Sie unterrichtet neben Gesang und Querflöte auch Blockflöte. Der Großteil ihrer Schüler sind Kinder, aber nun hat sie auch einen Blockflöten-Kurs für Erwachsene angeboten – für all jene, die dieses so vorurteilsbehaftete Instrument einmal gespielt sowie geliebt haben. Eine davon bin ich. Zehn Jahre lang habe ich Blockflöte gelernt und sehr viel Freude daran gehabt. Von der Sopran- über die Alt- bis zur Bassflöte habe ich sie alle in den Händen gehabt. Aber es ist nun mehr als 20 Jahre her, dass ich gespielt habe. Trotzdem habe ich mich sofort angesprochen gefühlt, als ich die Ankündigung für den Erwachsenenkurs las: „Haben Sie Lust, wieder die Blockflöte in die Hand zu nehmen? In diesem Kompaktkurs für Erwachsene erarbeiten wir gemeinsam ein kleines Konzertprogramm – mit Freude am Musizieren und ohne Leistungsdruck“, hatte es dort geheißen. Mich hatte es schon lange in den Fingern gejuckt, mal wieder zu spielen, aber ich habe mich nicht getraut. Nach mehr als 20 Jahren, kann man sich da überhaupt noch an etwas erinnern? Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich noch Noten lesen kann.
Entsprechend groß ist die Nervosität, als ich mit meiner geliebten Altflöte im Gepäck zur Musikschule fahre. Kathrin Krichel, die die Teilnehmer erwartet, geht es nicht anders – wenn auch aus anderem Grund. Sie weiß nicht, wie viele Personen kommen. „Ich habe mehrere angefragt, die ich kenne, viele davon Wiedereinsteiger“, berichtet sie. Sie hoffe, dass genug kommen, damit der Kurs zustande kommt, denn auch Krichel hat ein Faible für die Blockflöte. „Sie ist ein tolles Instrument. Leicht zu spielen in dem Sinne, dass es einfach ist, einen Ton zu erzeugen und doch kann man jede Menge mit ihr machen“, schwärmt sie.
Und sie ergänzt: „Sie ist in allen Tonlagen zu Hause: Sopran, Alt, Tenor, Bass – wie ein Chor.“ Doch warum spielen fast alle nur die ziemlich hoch klingende Sopran-Flöte? Der Grund ist einfach, wie Krichel erklärt: „Wenn man früh anfängt, zu spielen, sind die Hände der Kinder einfach zu klein für Alt- und Tenorflöten. Da geht nur Sopran.“
Instrument ist in allen Tonlagen zu Hause
Und dass ein Kind die mehr als ein Meter lange Bass-Flöte bedienen könnte, steht natürlich auch außer Frage. Und der Vorwurf, dass sie schrill klingt? Krichel wiegt den Kopf: „Wenn man zu stark bläst, ja, dann kann das unangenehm klingen.“ Gerade Anfängern passiere das oder Musikern, die in größeren Gruppen spielen. Aber das treffe nicht nur bei der Blockflöte zu. Auch bei anderen Instrumenten erzeugen Beginner nicht sofort wohl klingende Melodien. Doch es gebe auch jede Menge Fans der Blockflöte, die deren warmen Holzklang lieben.
Doch von denen taucht keiner für den Kurs auf. Krichels Hoffnung auf viele Teilnehmer erfüllt sich nicht. Außer mir erscheint nur noch eine weitere Teilnehmerin. Auch wenn das zu wenige sind, dass ein Kurs zustande kommt, lässt Krichel es sich nicht nehmen, mit uns etwas zu spielen. Und im Gegensatz zu mir hat sie absolutes Vertrauen, dass vom früheren Wissen noch etwas da ist. Nachdem wir zusammen ein paar Mal die Tonleiter rauf und runter gespielt haben, sucht sie aus einem riesigen Berg an Notenheften eine Gavotte von Bach heraus. Ich sehe die Noten und habe keine Ahnung, wie ich die Zeichen in Musik verwandeln soll, geschweige denn, wie welche Note heißt. Ist das ein C oder ein G? Und wichtiger noch: Wie greife ich das? Leichte Panik erfasst mich. Krichel spielt die ersten Takte vor und verliert dann keine Zeit: Auf geht’s! Und es passiert etwas sehr Erstaunliches. Irgendwie erinnere ich mich. Nicht aktiv, es geschieht wie von Zauberhand, aber nachdem ich den ersten Ton richtig hinbekommen habe, ergibt sich der Rest quasi von selbst.
Wie auf Autopilot kommt alles wieder und ich kann mir selbst dabei zusehen, wie meine Finger den Großteil der Töne richtig greifen.
Erinnerung kommt wie von Zauberhand
Wie sie heißen, kann ich zu Beginn nicht sagen, aber so allmählichen ploppen in meinem Kopf ihre Namen auf – als hätte es mir jemand zugeflüstert: „Das ist ein D. Das ein E. Und oh, ein Fis.“ Je mehr ich spiele, desto selbstverständlicher wird alles. Ich bin verblüfft. Kathrin Krichel nicht. „Muskelgedächtnis“, sagt sich lachend und achselzuckend, als ich sie frage, wie man nach mehr als 20 Jahren noch in etwa weiß, wie es geht. Auch nach mehreren Jahrzehnten würde das funktionieren.
Dass ich mich erinnere, heißt aber nicht, dass es einfach ist. Beim „Frühling“ von Vivaldi stoße ich phasenweise an meine Grenzen. Nicht, weil ich die Noten nicht erkenne, sondern weil ich mich schlicht verzähle und dann ganz schnell raus bin. Vor allem wenn ich mehrere gleiche Töne hintereinander spielen muss, passiert mir das oft. Und ich merke, dass das Spielen jede Menge Konzentration erfordert.
Nach der Stunde bin ich platt, aber selig. Nach so langer Zeit wieder zu einem Instrument zu greifen lohnt sich auf jeden Fall, ziehe ich als Fazit. Nicht nur, weil es ein bisschen wie Fahrradfahren ist und man noch mehr weiß als man denkt. Sondern auch, weil es einfach riesige Freude macht, zusammen zu musizieren.
Neuer Kurs
Im März will Kathrin Krichel den Kurs erneut anbieten – und dann werden hoffentlich genug Teilnehmer dabei sein, die ihre Liebe zur Blockflöte wieder entdecken wollen. Anmeldung und Informationen gibt es bei Kathrin Krichel per E-Mail an k.krichel@musikschule-offenburg.de oder unter Telefon 07834/49 48.