Ansichtssache Foto: Jilg

Der Autor macht sich Gedanken über die Arbeitsbelastung – bei den Beschäftigten auf der Ferieninsel und hierzulande.

Eine Speicherkarte voller Fotos, einen krebsroten Rücken, drei Kilo Übergewicht – es gibt vieles, was Urlauber mit nach Hause bringen. Ich hatte dieses Jahr etwas gänzlich anderes im Gepäck: den Eindruck, dass wir hier ein ziemlich verjammerter Haufen sind.

 

Die Bar an der Promenade liegt direkt am Strand, so dass der unter der mallorquinischen Sonne vor sich hindösende Deutsche nicht umhin kommt, die Szenerie zu beobachten: Zwei junge Männer, beide Ende 20, wuseln zwischen den Tischen umher. Bringen Sangria und Cerveza, räumen leere Paella-Pfannen ab und begrüßen immer neue Gäste. Nette Kerle sind das, immer ein Lächeln und einen herzlichen Spruch auf den Lippen, denkt’s und driftet in einen Nachmittagstraum ab.

Acht Stunden später: Es ist dunkel geworden im Ferienparadies, das Leben auf der Straße brummt. Die Bar ist restlos gefüllt, es wird gelacht und getrunken, geschnattert und geschlemmt. Mittendrin rastlos unterwegs noch immer die beiden Kellner, die den Laden buchstäblich am Laufen halten.

Während ich bei einem der beiden ein San Miguel ordere, bemühe ich mein aufgebessertes Schulspanisch und frage nach, wie lange er täglich arbeitet. Diez horas – zehn Stunden. An wieviel Tagen die Woche? Seis – sechs. Dass der „Amigo“ (in dieser Bar sind alle Freunde) während seiner Worte unverdrossen weiter grinst, lässt mich ungläubig-ehrfürchtig zurück.

Nein, wir müssen nicht darüber streiten, ob 60 Stunden Arbeit die Woche erstrebenswert sind, zumal in der Knochenjob-Branche Gastronomie und bei einem Durchschnittsverdienst, der in etwa halb so groß ist wie in Deutschland. Aber ein bisschen mehr Mentalität und Moral der beiden fidelen Mallorquiner würde dem arbeitenden Volk hierzulande, das in den Disziplinen Nörgeln und Schwarzsehen in der europäischen Spitzengruppe rangiert, ganz sicher gut zu Gesicht stehen. Denn: Wenn wir nur noch über Vier-Tage-Wochen für mehr Work-Life-Balance debattieren, sagen nicht nur die Spanier irgendwann „Adiós, Alemania“.