Die umwerfende Compañía Olga Pericet hat das Stuttgarter Flamenco Festival im Theaterhaus eröffnet.
Schläft sie? Rhythmisch betonten Schrittes schreitet der Mann um die goldgemusterte Decke, die Frau mit Maske und rotwilden Locken betrachtend, die darauf liegt, oben ohne in schwarzen Strümpfen und mit hohen Schuhen. Kaum sitzt er am Schlagzeug, kommt Leben in ihren zierlichen Körper. Zum mystisch anmutenden Beat streckt sie Arm um Arm, posiert, reckt und räkelt sich erotisch, bis sie schließlich ihr barockes Laken als Flamencorock um die Hüfte schwingt, mit Absatz, Schuhspitze und ganzem Fuß zu klappern und stampfen beginnt, als gäbe es kein Morgen.
Der Auftakt des 14. Stuttgarter Flamenco Festivals im Theaterhaus, ist eine Ansage. Die Tänzer und Choreografen Catarina Mora und Miguel Ángel, die 2010 das nun achttägige Festival gründeten, präsentieren zur Eröffnung einen Star, der als Erneuerin in der Szene gilt: Olga Pericet und ihre Compañía – Sänger Israel Moro, Percussionist Roberto Jaén, Bassist Juanfe Pérez sowie die Gitarristen José Manuel León und Alfredo Mesa – geben „Leona“. Als „Löwin“ wird die Gitarre bezeichnet, die Antonio de Torres 1856 entwickelte, sie wurde richtungweisend für die spanische Musik.
Sie würzt die Dinge mit Ironie
Auch auf der Bühne sind zwischen den Stühlen vor einem Papierbahnen-Vorhang Gitarren zu entdecken – pinktönig als Schablonen. Dass das Instrument nicht nur grammatikalisch weiblich ist, sondern auch formal an den Körper der Frau erinnert, nutzt Pericet, die 2021 die Idee zu dem mehrteiligen Projekt hatte, in ihrer One-Woman-Show. Ob sie im schwarzen Anzug machoartig den Reverskragen glatt zieht, sich an den Schritt fasst, die Beine kickt, sich mit Braceos und Floreos, also Hand- und Fingerdrehungen, tief nach hinten beugt, à la Jazz Dance und HipHop springt – sie zelebriert die Stärke der Frau. Zur stolzen Löwin wird sie in einer bombastischen Bata de Cola, der Schleppe: eine leibhaftige Statue wie von Salvador Dalí, Gitarrenschablonen durch die Luft schleudernd, manche zum Armreif oder Kopf machend.
Pericet hat Fantasie, verwandelt die Dinge, würzt mit Ironie. Die driftet bisweilen ins Clownesque, etwa wenn im Kastagnettentanz ein Regenmantel zum kopflosen Mädel oder Märchenzwerg wird. Geschenkt – ihre Virtuosität fasziniert, ihre Zapateados, klassische und zeitgenössische Stile verbindend, sind vom Feinsten, langsam und gefühlvoll, rasant und wild, Leidenschaft pur. Zu grandioser Musik! Die Fusion aus klassischem Cante und Toque mit Jazz-, Pop- und Rockelementen – Pérez lässt den E-Bass mitreißend wummern – macht „Leona“ zum vibrierenden Erlebnis.
Stuttgarter Flamenco Festival. Bis 3. August, Performances, Workshops, Ausstellung und Party im Theaterhaus und Produktionszentrum Tanz und Performance. Informationen unter: ww.stuttgarterflamencofestival.com