Arthrose ist eine Erkrankung, die in allen Bevölkerungsschichten auftritt. Wir haben mit dem Experten Ulrich Bläsi von der Acura Fachklinik in Albstadt gesprochen. Er verrät, was bei einer Arthrose genau passiert, und was man dagegen tun kann.
Ulrich Bläsi ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Orthopädie an der Acura Fachklinik in Albstadt. Am Samstag, 15. Februar, wird er bei den Gesundheitstagen in Balingen in der Volksbankmesse einen Vortrag halten zum Thema Gelenkarthrose und Gelenkerkrankungen. Vorab haben wir mit ihm genau darüber ein Interview geführt.
Was genau versteht man unter einer Arthrose und was passiert im Körper genau?
Der Begriff Arthrose bezeichnet den fortschreitenden Verschleiß von Gelenken. Durch den zunehmenden Verlust von Gelenkknorpel kommt es zu folgenden Veränderungen: Die natürliche Pufferfunktion des gesunden Knorpels geht verloren und der unter dem Knorpel liegende Knochen wird vermehrt belastet. Es kommt zur verstärkten Kalkeinlagerung und der Ausbildung gelenknaher knöcherner Randwülste. Letztendlich kann es auch zu Einbrüchen der Gelenkfläche kommen. Entzündliche Veränderungen im Gelenkinneren und eingeschränkte Beweglichkeit wirken sich nachteilig auf die gelenknahe Muskulatur aus und können schmerzhafte Verspannungen und Muskelverkürzungen zur Folge haben.
Was sind Ursachen für Gelenkerkrankungen?
Fängt man beim Neugeborenen an, sind hier zunächst Reifungsstörungen der Gelenke zu nennen. Am bekanntesten ist wohl die Hüftdysplasie, die heutzutage durch Ultraschalluntersuchungen im Säuglingsalter sehr früh entdeckt und in der Regel gut behandelt und geheilt werden kann. Aber auch im weiteren Wachstumsalter gibt es zahlreiche Erkrankungen, die zu einer Formstörung von Gelenken führen können, wie beispielsweise bei einem ausgeprägten X- oder O-Bein. Eine bedeutende Ursache über die gesamte Lebenszeit sind Verletzung von Knochen, Bändern und Gelenkstrukturen. Bei unterschiedlichen Stoffwechselerkrankungen kann der Knorpelstoffwechsel gestört sein. Eine seltenere Ursache sind Durchblutungsstörungen des Knochens. Und schließlich ist die bereits beschriebene Arthrose mit Verschleiß des Knorpels primär als genetische Veranlagung oder sekundär als Folge oben genannter Erkrankungen zu nennen.
Wie kann man diesen vorbeugen und wenn sie da sind, wie geht man am besten mit der Erkrankung um?
Insbesondere für Arthrose an der unteren Extremität lassen sich hier Empfehlungen geben. Ziel der sogenannten Primär-Prävention ist es, das Auftreten einer Arthrose zu verhindern. Dazu gehören die rechtzeitige und erfolgreiche Behandlung von Gelenkschäden und die Korrektur relevanter Beinachsenfehlstellungen sowie die Vermeidung von Überlastungen. Übergewicht sollte reduziert und gelenkschädigende sportliche oder berufliche Tätigkeiten vermieden werden. Bei vorliegenden Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Gicht) ist eine optimale medizinische Einstellung der Blutzucker- und Harnsäure-Werte erstrebenswert. Auch übermäßiger Alkohol- und Nikotinkonsum sollten vermieden werden. Bei beginnender Arthrose soll mit Maßnahmen der Sekundär-Prävention das Fortschreiten der Erkrankung aufgehalten werden. Auch hier müssen nach Möglichkeit sämtliche belastende Faktoren ausgeschaltet werden. Es sollte ein ideales Körpergewicht sowie moderate regelmäßige Bewegung und Muskelkräftigung angestrebt werden. Bei bereits manifestierter Arthrose bleibt nur noch die Tertiär-Prävention. Da hier die Erkrankung nicht mehr aufgehalten oder verlangsamt werden kann, dienen sämtliche Maßnahmen der Verhinderung von Folgeschäden. Die Tertiär-Prävention umfasst sämtliche Maßnahmen zur Beschwerdelinderung und zum Erhalt der Gelenkfunktion. Hier kommt das breite Spektrum an medikamentösen und nichtmedikamentösen Maßnahmen zur Anwendung. Zeigen diese konservativen Therapiemethoden keinen Erfolg, kann der künstliche Gelenkersatz erfolgen.
Kann Arthrose komplett geheilt werden?
Arthrose ist leider nicht heilbar. Der Prozess des Knorpelabbaus ist nicht umkehrbar. Der menschliche Körper hat im Erwachsenenalter nicht die Fähigkeit Knorpelzellen zu regenerieren oder neu zu bilden. Hier gilt: was weg ist, ist weg! Auch Medikamente, obwohl teilweise als Knorpelaufbaupräparate beworben, können dies nicht leisten. Anders sieht dies bei der Bekämpfung der mit Arthrose verbundenen Symptomen aus. Eine medikamentöse Behandlung der Arthrose ist dann sinnvoll, wenn ein aktivierter Entzündungs- oder Schmerzzustand zu Beeinträchtigungen führt.
Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter Arthrose?
Arthrose ist ein weit verbreitetes Problem durch alle Bevölkerungsschichten, das im zunehmenden Alter vermehrt auftritt und die häufigste Ursache von mobilitätseinschränkenden Schmerzen am Bewegungsapparat ist. 70 bis 80 Prozent der über 70-Jährigen zeigen Zeichen einer Gelenksdegeneration. Insgesamt sind bis zu 25 Prozent der Gesamtbevölkerung davon betroffen, und aufgrund der generellen Alterung der Bevölkerung mit steigender Tendenz.
Wieso haben Sie sich für den Fachbereich Orthopädie entschieden?
Zum einen hatte ich als Jugendlicher und junger Erwachsener als Patient aufgrund von Sportverletzungen in erster Linie mit Orthopäden zu tun. So war es möglich, einen kleinen Einblick zu gewinnen, wie ein Mensch funktioniert – oder bei Verletzungen eben auch nicht. Zum anderen wollte ich meine beiden Studienfächer Medizin und Sport beruflich gerne irgendwie verbinden.