In einem 50 000-Liter-Becken in Pfeffingen tummeln sich rund 3500 Kangalfische und sorgen für Wellnessmomente.
Man stelle sich vor, man streckt einem Tier ganz bewusst ein Körperteil hin, damit dieses daran herumknabbert. Merkwürdiger Gedanke? Manche kennen diese Form von Wellness eher von Urlauben in heißen Gefilden. Aber es gibt die sogenannten Knabberfische auch in Deutschland. Wer jetzt ein tolles Geschäftsmodell wittert, wird schnell ernüchtert sein. So einfach ist es dann doch nicht. Die Betreiber des „Fischle-Spa“, Michael und Franziska Weber, erzählen von den Anfängen und welche Hürden zu nehmen waren.
Fischzucht als Hobby für den Vater und den Sohn
Beginnen wir bei Otto Weber, der einst Pächter und Betreiber der Pfeffinger Kultkneipe „Filzlaus“ war. Er bezog vor rund 30 Jahren sogenannte Kangalfische aus der Türkei. Weil er dachte, diese Saugbarben könnten seinem an Schuppenflechte erkrankten Sohn etwas Erleichterung verschaffen. Als reines Hobby züchteten Vater und Sohn fortan die Schwarmfische. Dieser Umstand sprach sich herum und so meldeten sich immer mehr Abnehmer für die anpassungsfähigen Vertreter der Familie der Karpfen. Irgendwann haben sich dann der hauptberufliche Gastronom und der gelernte Maschinenbaumechaniker und Landschaftsgartenbauer gefragt, weshalb in regelmäßigen Abständen – etwa alle zwei Jahre – immer wieder dieselben Abnehmer Kangalfisch-Nachschub ordern. Denn in den Becken der Albstädter gediehen die Fische außerordentlich gut.
Der entscheidende Unterschied war die Haltung der Fische. Die Käufer erklärten, dass sie die roten Saugbarben in kleinen Becken einsetzen, um sie an der Haut von Kunden knabbern zu lassen. Und das bedeutet Stress für die Tiere, die das nicht allzu lange überleben. Fortan verkauften Otto und Michael Weber ihre Zuchtfische nicht mehr, da es nicht mit ihrem Gedanken von Tierschutz vereinbar war. Aus der Türkei sind die Kangalfische übrigens schon lange nicht mehr zu bekommen – sie dürfen nicht (mehr) ausgeführt werden.
Noch immer war ein „Fischle-Spa“ kein Gedanke für die Webers. Aber sie haben sich mit der Thematik beschäftigt und erfuhren, dass man Mediziner sein müsse, um in Deutschland überhaupt solch ein Wellnessprogramm anbieten zu dürfen: Arzt oder Heilpraktiker. Zudem benötige man eine veterinärsmäßige Ausbildung. Um für die Heilpraktikerprüfung zugelassen zu werden, muss man mindestens 25 Jahre alt sein. Franziska Weber hätte also zu lange warten müssen. So kam das Paar zum Entschluss, sich gemeinsam bei der Paracelsus Gesundheitsakademie in Villingen-Schwenningen für den Tierheilpraktiker anzumelden und dieses Studium nebenberuflich durchzuziehen.
Im Jahr 2012 konnten dann Michael und Franziska Weber ihre Tierpraxis eröffnen. Anschließend absolvierte das Ehepaar noch das Studium zum Heilpraktiker und machte im Jahr 2016 die Humanpraxis auf. In Pfeffingen, wo einst der Großvater seine Wäscherei und chemische Reinigung betrieb. Hier gab es noch ein Kühlbecken für die Geräte, das die Kinder früher immer als Schwimmbecken nutzten, da es durch die Abwärme ohnehin aufgeheizt war.
Das Ehepaar Weber erkundigte sich bei Bauamt, Veterinäramt und Gesundheitsamt, ob eine neue Nutzung und auch ein Anbau für die Heilpraktikerpraxis möglich seien, und eröffnete schließlich im Jahr 2017 das Fischle-Spa, das sich großer Beliebtheit erfreut. In dem Becken mit 50.000 Litern Süßwasser tummeln sich ungefähr 3500 Fische, wie Michael Weber schätzt. Diese Dimension ist in Deutschland einzigartig. Die Kangalfische werden bis zu 14 Zentimeter groß. Im hinteren Teil des Beckens befinden sich Laichmatten, damit der Fischnachwuchs geschützt ist. Die Tiere werden bis zu 14 Jahre alt und mit bestem Koi-Futter versorgt.
Das Wasser wird aufwendig gefiltert, regelmäßig ausgetauscht und strengstens kontrolliert – auch vom Gesundheitsamt. Ob er diesen Berufsweg noch einmal wählen und auch das Fischle-Spa wieder in Angriff nehmen würde? „Ich würde es jeden Tag wieder machen. Das ist unser Leben“, äußert der 51-Jährige. Franziska Weber, die inzwischen 36 ist, wuppt nebenbei noch den Haushalt mit drei Kindern im Alter von sieben, fünf und zwei Jahren, Pferdestall, Hund und Katzen.