Tesla Roadster und Elektro-Smart aus dem Mercedes-Konzern: Beginn einer Partnerschaft, die nicht lange halten sollte Foto: press photo, do not use for advertising purposes/Daimler AG

Vor fast 15 Jahren taten sich Daimler und Tesla zusammen. Die Stuttgarter hatten einen Anteil am E-Autobauer, der heute 80 Milliarden Dollar wert wäre. Doch die Liaison hielt nicht lange.

Manchmal kommt es in der Autowelt zu ungewöhnlichen Allianzen. Das Traditionsunternehmen Daimler bündelte im Mai 2009 die Kräfte mit einem kleinen und noch relativ unbekannten Elektroautopionier aus Kalifornien: Tesla.

 

„Daimler setzt seit mehr als einem Jahrhundert Maßstäbe in puncto Ingenieurskunst und Qualität“, schwärmte Tesla-Chef Elon Musk. „Es ehrt uns und ist ein Zeichen der Wertschätzung für unsere Technologiekompetenz, dass Daimler sich entschieden hat, in Tesla zu investieren.“

Ausstieg nach nur fünf Jahren

Knapp zehn Prozent hielt Daimler zeitweise an Tesla. Ein Anteil der heute rund 80 Milliarden Dollar (75,3 Milliarden Euro) wert wäre. Das ist mehr als der gesamte Börsenwert von Mercedes-Benz, einem der wertvollsten Unternehmen im Dax. Doch von Teslas Aufstieg zum E-Auto-Weltmarktführer und der Aktienrallye, die damit einherging, sollte man in Stuttgart nicht viel haben. Nach fünf Jahren stieg Daimler bei Tesla wieder aus.

Als sich Daimler 2014 von seinem Anteil trennte nahmen die Stuttgarter rund 780 Millionen Dollar ein – damals eine starke Rendite, aus heutiger Sicht aber fast schon lächerlich wenig. Tesla hat einen Börsenwert von 800 Milliarden Dollar, ist inzwischen der wertvollste Autokonzern der Welt und wird wesentlich höher gehandelt als Mercedes, BMW, Porsche und VW zusammen.

„Niemand hat gedacht, dass Tesla es schaffen könnte“

Daimlers früher Ausstieg bei Tesla erscheint wie ein Treppenwitz der Automobilgeschichte. Erst recht, nachdem in Anlegerforen diesen Sommer wilde Gerüchte die Runde machten, Musk könne Mercedes übernehmen. Den unaufhaltsamen Aufstieg von Tesla konnte jedoch keiner voraussehen. Das Start-up war ein strauchelnder Underdog, der zunächst nur ein einziges teures Modell hatte, das mit viel Müh und Not in geringen Stückzahlen verkauft wurde.

„Niemand hat ernsthaft gedacht, dass Tesla diesen Weg schaffen würde“, sagt Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg. Insofern sei die Entscheidung des damaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche für einen Rückzug bei Tesla gut nachvollziehbar.

Musk wandte sich in seiner Not an Daimler

Tesla stand nach Ausbruch der großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 – wie die gesamte US-Autobranche – mit dem Rücken zur Wand. Dem Unternehmen gingen die Mittel aus. Musk suchte verzweifelt nach Geldgebern. Er selbst habe in der Krise seine letzten 20 Millionen Dollar in Tesla gesteckt. „Ich hatte Ende 2008 kein Geld mehr, nicht mal ein Haus oder irgendwas.“ In seiner Not wandte Musk sich an Daimler. Zu diesem Zeitpunkt sei es für Tesla ums schiere Überleben gegangen. Die Stuttgarter seien damals an einer Elektroversion ihres Smart interessiert gewesen, so Musk. Die Unternehmen hätten dann vereinbart, dass ein Daimler-Team im Januar 2009 zu Tesla in die USA fliegt. Zunächst sei die Delegation aus Deutschland alles andere als begeistert gewesen. „Sie waren ziemlich mürrisch, dass sie sich überhaupt mit uns treffen sollten“, beschrieb Musk die Stimmung beim Treffen.

Die Kooperation begann mit einem elektrischen Smart

Mit dem E-Smart habe Tesla die Daimler-Leute dann jedoch schwer beeindrucken können. So sei die Allianz zustande gekommen, obwohl – das betonte der Tesla-Chef – der deutsche Partner „keine großartige Vision“ für Elektromobilität gehabt habe.

War auch Volkswagen am Einstieg interessiert?

„Daimler wollte zu diesem Zeitpunkt keine große Wette auf E-Autos eingehen“, sagte Musk. Das Engagement der Deutschen sei durch regulatorischen Druck getrieben gewesen. Der Konzern habe „ein paar Autos mit nachhaltiger Energie gebraucht, um die Aufseher glücklich zu machen“. Das ändert nichts daran, dass es Tesla heute wohl ohne die Hilfe des Stuttgarter Autobauers nicht mehr geben würde.

Das sagt auch Musk: „Das Entscheidende war, dass es dazu führte, dass Tesla durch die 50 Millionen Dollar Investition von Daimler gerettet wurde.“ Der Einstieg habe möglicherweise auch noch andere Gründe gehabt: „Ich glaube, bei Daimler dachten sie, dass Volkswagen bei Tesla investieren könnte.“ Dem habe Daimler zuvorkommen wollen, obwohl VW laut Musk in Wirklichkeit gar kein Interesse hatte.

In Stuttgart hält man sich zum Thema Tesla bedeckt

So auskunftsfreudig wie Musk äußert sich bei Daimler beziehungsweise Mercedes-Benz niemand. Konzerninsider bestätigen selbst den allgemein bekannten Teil der Geschichte, dass Daimler für Tesla überlebenswichtig gewesen sei, nur hinter vorgehaltener Hand.

Die damaligen Beweggründe? Es sei auch darum gegangen, „eine Pleite zu verhindern“, sagt einer, der seinerzeit dabei war. Zitieren lassen will sich jedoch keiner, und auch zu den Details hält man sich in Stuttgart weitgehend bedeckt. Warum die Kooperation nicht lange hielt? Die Unternehmens- und vor allem Ingenieurskulturen hätten nicht zusammengepasst. Daimler sei Musks ungestüme und riskante Art des Autobauens nicht ganz geheuer gewesen. Fest steht, dass die Partnerschaft nicht beim elektrischen Smart endete. 2014 stellte Mercedes seine batteriebetriebene B-Klasse „powered by Tesla“ vor – es sollte das erste Elektromodell werden, dass der Premiumhersteller in die Großserienfertigung schicken wollte. Tesla steuerte Akkus und Motor bei.

Mercedes B-Klasse mit Akkus und Motor von Tesla

Laut Musk ging es Daimler aber auch hier nicht um ein wahres Bekenntnis zur E-Mobilität, sondern in erster Linie darum, regulatorische Auflagen für eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestanzahl von E-Autos zu erfüllen. Zu der Frage, ob und inwieweit Daimler-Ingenieure an der Entwicklung des Model S beteiligt waren, mit dem Tesla letztlich den Durchbruch schaffte, wollten sich auf Nachfrage unserer Zeitung weder Musk selbst noch die Unternehmen äußern.

Tesla rutschte später erneut fast in die Pleite

Ex-Daimler-Chef Zetsche den Ausstieg bei Tesla als große verpasste Gelegenheit vorzuhalten, ist im Nachhinein einfach. Allerdings galt die Entscheidung angesichts von Teslas weiterhin prekärer Lage als alles andere als eine Fehleinschätzung und sorgte zunächst auch nicht für viel Aufsehen. Musks Firma galt als hochriskantes Investment, schrammte zwischen 2017 und 2019 erneut haarscharf an der Pleite vorbei.

Daimler hatte einen großen Teil seiner Tesla-Beteiligung im Jahr 2009 ohnehin direkt an den Staatsfonds von Abu Dhabi weitergereicht und machte mit seiner Investition auch so ein glänzendes Geschäft. Die 780 Millionen Dollar, die der Stuttgarter Konzern herausholte, konnten sich gut sehen lassen. „Wir sind mit der Entwicklung unserer Beteiligung an Tesla außerordentlich zufrieden“, verkündete der damalige Daimler-Finanzchef Bodo Uebber.