„Es gilt, Haltung zu zeigen“, sagt Nikolas Stihl, Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender von Stihl in Waiblingen. Foto: Stihl

Bosch, Trumpf und Stihl: Familienunternehmer in Baden-Württemberg sind eine wichtige Säule für die Erhaltung des Wohlstands der Menschen. Die Popularität der AfD sehen sie mit Sorge. Warum die Unternehmer die AfD für „ein veritables Standortrisiko“ halten.

Die Familienunternehmen warnen vor den Auswirkungen eines Erstarkens der AfD für den Wohlstand der Menschen in Deutschland. Die Sonntagsumfragen zeigten „erschreckend positive Ergebnisse für die AfD“. Für Familienunternehmen ist die Programmatik der AfD keine Alternative. „Schon die Vorstellungen der Partei im Hinblick auf unser globales Sicherheitssystem und die Europäische Union würde dem Familienunternehmertum, wie wir es kennen, die Basis entziehen“, sagt Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Politik, unserer Zeitung.

 

Die Familienunternehmen gelten in Deutschland als Rückgrat der Wirtschaft. Im vergangenen Jahrzehnt haben sie erheblich mehr neue Stellen geschaffen als Dax-Konzerne. Das geht aus einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hervor. Demnach haben die 26 größten Familienunternehmen Deutschlands von 2011 bis 2020 weltweit 837 000 neue Stellen eingerichtet, die 26 Dax-Konzerne ohne dominierende Familie gut 390 000. Im Inland waren es bei den 26 Dax-Unternehmen laut Studie lediglich rund 48 000, bei den 26 größten Familienunternehmen dagegen gut 267 000 neue Stellen. Das verleiht den Betrieben traditionell eine gewichtige Stimme innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses und bei den Regierungen auf Landes- und Bundesebene.

In Baden-Württemberg sitzen besonders viele Familienbetriebe

In einer Demokratie sei es selbstverständlich das Grundrecht der Bürger, sich die Partei auszusuchen, von der sie sich die beste Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse versprechen und von der sie glauben, dass sie die Probleme unseres Landes am besten in den Griff bekommen wird, so Kirchdörfer. „Dass nunmehr über 20 Prozent der Wähler dies der AfD am ehesten zutrauen und sich dort am besten aufgehoben sehen, ist eine politische Katastrophe für Deutschland.“

In Baden-Württemberg ist die Dichte an Familienunternehmen besonders hoch – darunter etwa der weltgrößte Automobilzulieferer Bosch, der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf, der Künzelsauer Schraubenspezialist Würth oder Stihl, der Weltmarktführer für Motorsägen, mit Sitz in Waiblingen.

„Die AfD hat auf ihrem jüngsten Parteitag ihren wahren Kern gezeigt: Sie ist wirtschaftlich schädlich, völkisch und realitätsfremd“, sagt Nikolas Stihl, der Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. Das gelte vor allem für die Europa- und die Wirtschaftspolitik. „Ein Austritt aus der EU oder dem Euro hätte verheerende Folgen für Arbeitsplätze und unseren Wohlstand. Statt zurück mit der AfD in nationalstaatliche Politik braucht es einen Aufbruch mit unseren Partnern in eine gemeinsame europäische Zukunft“, fordert Stihl. Die globale Vernetzung der deutschen Industrie sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit und den Erfolg der Wirtschaft.

Wirtschaft fordert ein gastfreundliches Deutschland

In Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) hat Harald Marquardt sein Büro. Der Chef des Autozulieferers Marquardt sorgt sich um die Arbeitskräfte und die Zukunft. „Um Wohlstand für heute und künftige Generationen nur annähernd zu sichern, benötigen wir ein weltoffenes, liberales und gastfreundliches Deutschland und ein starkes Europa, also das Gegenteil dessen, wofür Rechtsaußen sich stark macht“, sagt er. Nur durch qualifizierte Zuwanderung, eine kluge Einwanderungspolitik – etwa nach kanadischem Muster – und durch internationalen Handel könne der Wohlstand gehalten werden. „Dieser Realität verweigert sich die AfD und geht stattdessen mit unterkomplexen Weltdeutungen, falschen Sicherheitsversprechen und populistischen Parolen auf Stimmenfang“, so der Manager. „Gerade mit Blick auf die Wirtschaft ist die AfD alles andere als eine „Alternative“, sondern vor allem „ein veritables Standortrisiko“.

Lieber über Wohlstandsverlust als übers Gendern diskutieren?

Die Unternehmen monieren allerdings auch, dass die Ampelregierung die Sorgen der Menschen nicht adäquat aufgreife. „Während viele Menschen – trotz im Durchschnitt sehr gut bezahlter Arbeitsplätze – Wohlstandsverluste erleben oder befürchten müssen und Deutschland im internationalen Leistungsvergleich seit Jahren objektiv weiter abrutscht, diskutieren wir hierzulande lieber über eine Viertagewoche, über die Abschaffung des Ehegattensplittings oder das Verbot von Süßigkeiten-Werbung, ganz zu schweigen von der in meinen Augen völlig überflüssigen Gender-Diskussion“, wettert Marquardt. „Die wahren Herausforderungen unseres Landes werden immer noch zu sehr ignoriert. Das frustriert viele Menschen und treibt sie der AfD in die Arme.“

Auch laut Nikolas Stihl drückt sich in den hohen Umfragewerten für die AfD vor allem ein Gefühl des Nicht-Gehörtwerdens aus. „Sie sind Ausdruck eines starken Vertrauensverlusts der Bürger in die Ampel-Koalition.“ Stihl verweist auf die Forsa-Umfrage wonach nur noch jeder Dritte der aktuellen Regierung vertraut. „Die Schwäche der Bundesparteien ist die Stärke der Rechtspopulisten“, so Stihl. „Die Bürger machen sich zu Recht Sorgen um die Zukunft unseres Landes. Deutschland ist wieder Schlusslicht beim Wachstum und verliert an Wettbewerbsfähigkeit.“ Er will aber den Kampf um diejenigen, die momentan zur AfD tendieren, nicht aufgeben, sondern geht davon aus, dass die Menschen für die Demokratie und die sie tragenden Parteien rückholbar seien. Stihl: „Wir dürfen Deutschland nicht den Extremisten überlassen. Es gilt, Haltung zu zeigen – auch und gerade in Gesellschaft und Wirtschaft.“