Lieber nicht zu tief einatmen: Kreisarchivar Louis-David Finkeldei zeigt im Kreistag einen Stapel verschimmelter Dokumente. Foto: Beyer

Das Archiv des Landkreises hat ein Schimmelproblem. Historische Dokumente und die Gesundheit der Mitarbeiter sind gefährdet. Für Gegenmaßnahmen könnte das Geld fehlen.

Bevor Louis-David Finkeldei die Kiste öffnet, schlüpft er in ein Paar blaue Latexhandschuhe. Dabei geht es ihm aber wohl weniger darum, die alten Dokumente möglichst schonend zu behandelt. Viel eher ist zu vermuten, dass Finkeldei mit den Handschuhen seine eigene Gesundheit schützen möchte.

 

Denn der mit einem Bindfaden zusammengeschnürte Dokumentenstapel, den er kurz darauf aus der Kiste zieht, ist von Schimmelpilzen überzogen. Mit dem unappetitlichen Päckchen in der Hand geht er im Sitzungssaal von Kreisrat zu Kreisrat, damit jeder im Gremium mit eigenen Augen sehen kann, wie verrottet das Archivgut schon ist.

Finkeldei ist Leiter des Archivs des Landkreises Freudenstadt. Das Material, das in seine Verantwortung fällt, reicht teilweise bis in das 18. Jahrhundert zurück. Eine Vielzahl der eingelagerten Dokumente braucht die Kreisverwaltung aber auch für ihre tägliche Arbeit. Mit seinem Auftritt im Kreistag will Finkeldei zeigen, wie dramatisch es um diese Bestände bestellt ist.

Papier von Pilzen zersetzt

Das Kernproblem: Das eigentliche Archivmagazin des Landkreises ist mittlerweile heillos überfüllt. Eine Vielzahl an Dokumenten ist über den Landkreis verstreut in mehreren Kellern von Verwaltungsgebäuden eingelagert – und das, obwohl einige der Keller feucht und damit für das Lagern von Archivmaterial ungeeignet sind.

Die Folge: Schimmelpilze breiten sich auf dem Archivgut aus und zersetzt langsam das Papier. Und wie Finkeldei auf Anfrage unserer Redaktion bestätigt, sind davor nicht nur jene Papiere betroffen, die vor allem wegen ihrer rechtlichen Relevanz und ihrer Bedeutung für die tägliche Arbeit der Kreisverwaltung aufgehoben werden. Denn auch historisch bedeutsame Dokumente seien mittlerweile in Gefahr.

Der Schimmel wird zur Gefahr für Dokumente und Mitarbeiter. Foto: Kreisarchiv

Und nicht nur das: Denn in einem Dokument der Verwaltung heißt es zum Schimmel: „Dieser gefährdet nicht nur das Archivgut, sondern auch die Gesundheit der Mitarbeitenden, die mit den Beständen arbeiten.“

Was also tun? Tatsächlich gibt es schon ein Lösungskonzept. So könnte in der Tiefgarage des Kreishauses ein nagelneues Archivmagazin aufgebaut werden. Ein Klimaschrank könnte dort für das nötige Raumklima sorgen, um einen Verfall der Dokumente zu verhindern.

„Erst mit der Einrichtung eines neuen Archivmagazins können die archivfachlichen und gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden“, heißt es in der Beschlussvorlage der Verwaltung.

Das einzige Problem dabei: Das Vorhaben würde 220 000 Euro kosten. Und das in Zeiten chronischer leerer Kassen. Ist der Kreis also zu pleite, um sein eigenes Archiv zu retten? Um diese Frage wurde in der Sitzung kontrovers diskutiert.

„Keiner bezweifelt die Notwendigkeit dieser Maßnahme“, meinte CDU-Fraktionsvorsitzender Michael Ruf. Aber: „Wir haben das Geld schlicht und ergreifend nicht.“ Ähnlich sah es Horbs Bürgermeister Ralph Zimmermann (FDP): „Bei aller Notwendigkeit ist das gegenwärtig aus meiner Sicht nicht die höchste Priorität und auch nicht abbildbar.“

Gefahr für die Gesundheit

Elisabeth Gebele (Grüne) sprach sich hingegen für die Investition aus. „Es kann nicht sein, dass jemand stundenlang in einem Archiv rumarbeitet, wo eine Schimmelbelastung ist. Das ist gesundheitsgefährdend.“ Und Gebele ergänzte: „Ich möchte nicht, dass jemand krank wird, weil er sich im Archiv einen Schimmelpilz in die Lunge eingesaugt hat.“

Waldachtals Bürgermeisterin Annick Grassi (FWV) verwies zudem darauf, dass durch das neue Archivmagazin auch die Digitalisierung deutlich erleichtert werde. Denn derzeit müssen viele Behördenmitarbeiter selbst ins Archiv hinabsteigen, wenn sie irgendwelche Dokumente brauchen. „Ich möchte, dass die Sachen zentral gelagert werden und wenn sie gebraucht werden, werden sie on demand gescannt, ohne große Lauferei.“

Am Ende stimmten sieben Ausschussmitglieder für die Investition, fünf waren dagegen. Angesichts dieser knappen Mehrheit bleibt es also abzuwarten, ob sich der Kreistag der Entscheidung anschließen wird.