Frauen müssen sich entscheiden, was sie wirklich wollen, sagt Emese Weissenbacher, Finanzchefin beim Filterspezialisten Mann+Hummel Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Gemischte Teams bringen eine bessere Leistung, ist Emese Weissenbacher überzeugt. Bei Mann + Hummel hat sie als Praktikantin angefangen und ist zur Finanzchefin aufgestiegen. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen.

Frau Weissenbacher, was war das ­Überraschendste im neuen Job?
Erst einmal habe ich mich sehr gefreut, dass man mir diese Aufgabe zugetraut hat. Und ich musste auch direkt loslegen. Mann + Hummel steht vor dem größten Firmenkauf in seiner Geschichte. Für mich war das eine tolle Herausforderung.
Als Finanzchefin in der Automobilzulieferindustrie arbeiten Sie in einem männerdominierten Job in einer männerdominierten Branche. Braucht man als Frau ein dickeres Fell?
In den letzten 20 Jahren hatte ich bei Mann + Hummel verschiedene Führungspositionen inne. Bei uns im Unternehmen geht es nicht um Frau oder Mann, sondern um Leistung und den Umgang mit Menschen. Im Übrigen habe ich schon in meinem Studium Controlling als Schwerpunktfach gewählt – in den 90er Jahren war das für Frauen eher ungewöhnlich.
Frauen in Führungspositionen sind noch immer rar. Warum spielen Frauen in Unternehmen eine untergeordnete Rolle?
Frauen müssen sich an die eigene Nase fassen und für sich entscheiden, was sie wirklich wollen. Für Kinder und Karriere zahlt man einen Preis, das muss einem von Anfang an bewusst sein. Ich habe nie nachgedacht, ob das für mich eine Belastung ist oder nicht, weil ich das so wollte. Gleichzeitig brauchen Frauen im Unternehmen auch die Unterstützung der Männer. Wenn das Verständnis nicht da ist, dass gemischte Teams wirklich eine bessere Leistung erbringen können, wird es schwierig.
Sind Frauen nicht taff genug?
Nein, aber es ist schwer gegen Rollenverständnisse anzugehen. Das liegt auch an den Kulturen. Als ich nach Deutschland kam und auf dem Spielplatz Rabenmutter genannt wurde, wusste ich gar nicht, wovon die reden. Ich bin in einem Kulturkreis aufgewachsen, in dem Beruf und Familie selbstverständlich zusammengehören.
Sie sind relativ früh Mutter geworden.
Ich habe meine Kinder bekommen, als ich studiert habe, und hatte deshalb nicht das typische Studentenleben mit Partys feiern und abends ausgehen. Aber ich habe mich bewusst entschieden, früh Mutter zu werden. Für mich war immer klar, dass ich arbeiten und Mutter sein will.
Kinder und Karriere sind ein Spagat. Wie hat das bei Ihnen funktioniert?
Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob das geht oder nicht. Natürlich war es nicht ­einfach, nach dem BWL-Studium mit zwei Kindern einen Job zu finden. Bei Vorstellungsgesprächen kam immer die Frage: Was machen Sie, wenn Ihre Kinder krank sind? Das ist eine Totschlag-Frage. Die ­Antwort ist doch klar. Ich bin zu Hause ­geblieben. Sie brauchen einen Partner, der mitzieht, ein Netzwerk, auf das Sie zurückgreifen können, wenn Sie im Meeting sind und wenn die Kita schließt, jemanden, der die Kinder im Notfall abholt. Sie brauchen ein Unternehmen, das eine entsprechende Kultur bietet und einen Chef, der Sie in ihrem Vorhaben unterstützt. Mann + Hummel hatte eine Praktikantenstelle ausgeschrieben und da habe ich angefangen.
Mittlerweile sind Sie zur Finanzchefin aufgestiegen. Haben Sie sich je zum Ziel gesetzt, eine Führungsposition zu erreichen?
Ich hatte nie einen Karriereplan. Ich habe mich immer auf meine jeweilige Aufgabe konzentriert und wollte mein Bestes geben. Durch meine gute Leistung bin ich aufgefallen, und jeder Job hat mich weitergebracht. Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen als Mitglied einer Minderheit – als gebürtige Ungarin in Rumänien. Um uns zu schützen, haben uns unsere Eltern beigebracht, möglichst nicht aufzufallen. Wenn Sie mich mit sechs gefragt hätten, was ich will, dann hätte ich Ihnen geantwortet: Ich will Kinder, und Mutter sein.
Sie engagieren sich als Mentorin bei den Spitzenfrauen Baden-Württemberg, einer Initiative des Wirtschaftsministeriums, die das Potenzial hoch qualifizierter Frauen sichtbar macht. Was raten Sie dem weiblichen Führungsnachwuchs?
Trau dich und mach‘ den nächsten Schritt. Wenn du das nicht tust, dann wirst du nie wissen, wo deine Grenzen sind.
In vielen Unternehmen in Deutschland herrscht noch eine starke Präsenzkultur. Wer am längsten am Schreibtisch sitzt, ist der Beste. Wie waren Ihre Erfahrungen bei Mann + Hummel?
Für mich war es immer wichtig, dass Beruf und Familie den gleichen Stellenwert haben. Aber solange die Kinder noch zur Schule gingen, wollte ich ihre Entwicklung miterleben und mitbeeinflussen. Meine Chefs haben mir da nie Steine in den Weg gelegt, sondern mich stets darin unterstützt. Es war kein Thema, ob meine Mittagspause 30, 40 Minuten oder eineinhalb Stunden dauerte. Ich hatte mit meinen Vorgesetzten vereinbart, dass ich in der Mittagspause nach Hause konnte. Meine Kinder waren morgens in der Schule, mittags haben wir zusammen gegessen, noch besprochen, was in der Schule war, was mittags geplant ist und was sie lernen sollten. Abends um sieben Uhr kam ich nach Hause. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern zur Verfügung hatte, habe ich genutzt und möchte ich nicht missen.
Wie handhaben Sie das bei Ihren Mitarbeitern?
Ob meine Mitarbeiter vom Büro oder von zuhause aus arbeiten ist mir persönlich egal. Es geht mir um Führung mit Zielen. Die Mitarbeiter sollen entsprechend ihrer Ziele ihre Aufgaben erledigen. Das hat auch mit Vertrauen zu tun. Ein Beispiel: Wenn meine Sekretärin nicht eintragen würde, wann meine Mitarbeiter Urlaub haben, wüsste ich das nicht. Die Vereinbarung ist, wenn sie in einer Zeit Urlaub haben, in der Regeltermine stattfinden, die sie maßgeblich steuern, müssen wir uns vorher abstimmen. Entweder ist eine Vertretung da oder die Aufgabe wird mir so übergeben, dass ich es selbst machen kann. Es hängt allein an der Führungskraft. Sie muss delegieren können und nicht alles selber machen.
Mal ehrlich, wenn eine für Sie wichtige Mitarbeiterin schwanger wird und nur noch in Teilzeit arbeiten will: Ist das wirklich kein Problem für Sie?
Meine Mitarbeiterin zum Beispiel, die in der Region Europa für Finanzen und Controlling verantwortlich ist, arbeitet in Teilzeit. Ich bin davon überzeugt, dass auch Führungspositionen in Teilzeit möglich sind. Auch hier geht es wieder darum, wie man die Aufgabe zuschneidet und welches Vertrauen man in die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter hat. Es ist oft viel mehr möglich, als wir glauben. Auch bei der Stellenbesetzung mit Frauen. Da fasse ich mich auch an die eigene Nase. Nach einer qualifizierten Frau muss ein Unternehmen oft länger suchen. Aber es lohnt sich.
In den Aufsichtsräten gibt es eine gesetzliche Frauenquote, brauchen wir die auch im Vorstand und wäre Frauen damit gedient?
Solange Männer nicht davon überzeugt sind, dass Frauen in Führungspositionen die Wirtschaft weiterbringen, ist es schwierig. Wahrscheinlich ist die Regelung über die Quote notwendig, sonst bringt man das Thema nicht voran. Quotenfrau klingt etwas negativ. Aber welches Unternehmen kann sich heute schon leisten, eine Führungsposition mit einer inkompetenten Frau zu besetzen? Ich bin davon überzeugt, dass es im Berufsleben nicht anders sein sollte als im Privatleben – da gestalten Männer und Frauen ihr Leben doch auch gemeinsam. Und ich bin davon überzeugt, dass gemischte Teams besser sind. Dieses Verständnis muss da sein. Eine Quote kann maximal als Türöffner dienen.