Das Finanzamt in Villingen-Schwenningen gehört zu den langsamsten in ganz Deutschland. Foto: Eich

Vier Monate und mehr auf den Steuerbescheid warten: Das Finanzamt Villingen-Schwenningen gehört zu den langsamsten in Deutschland. Was ist da los?

Villingen-Schwenningen - "Wenn man nachzahlen muss, geht es beim Finanzamt doppelt so schnell" – das dürfte einer der Sätze sein, die im Zusammenhang mit der Bearbeitung der Steuererklärungen am häufigsten fallen. Tatsächlich mehren sich derzeit die Beschwerden über die langen Bearbeitungszeiten – laut eines Portals brauchen nur wenige Finanzämter in Deutschland noch länger.

 

In den sozialen Netzwerken – unter anderem beim Stadtgeflüster VS auf Facebook – sind deshalb heiße Diskussionen entbrannt. Gegenseitig überbietet man sich mit den Angaben, wie lange bereits auf den Steuerbescheid gewartet wird. Von vier, sechs, teilweise sogar sieben Monaten berichten Betroffene dort.

Personelle Probleme beim Finanzamt?

Während die erzählen, dass bereits nach wenigen Wochen der Bescheid ins Haus geflattert sei, hätten andere Anfang Juli auf Nachfrage erfahren, dass derzeit die Erklärungen aus dem Februar bearbeitet würden. Wie es zu den Unterschieden kommt, sei nicht zu erklären.

Auf Nachfrage habe es beim Finanzamt geheißen, dass personelle Probleme und Homeoffice für Verzögerungen sorgen würden. Ein Steuerberater bestätigt, dass "auch das Finanzamt mit Mehrarbeit durch Corona zu kämpfen" habe und das Thema Homeoffice "nicht so reibungslos funktionieren würde, wie gewünscht". Drei Monate Bearbeitungszeit seien "im Rahmen".

Ausweichende Beantwortung der Anfrage

Kann das Finanzamt diese Gründe bestätigen? Auf Nachfrage unserer Redaktion äußert man sich nur ausweichend auf mögliche Probleme bei der Bearbeitung. Melanie Kann, Pressesprecherin des Finanzamts Villingen-Schwenningen, erklärt: "Die Bearbeitungszeit ist grundsätzlich unter anderem von der Komplexität und der Schwierigkeit des jeweiligen Einzelfalles und dem Abgabeverhalten der Steuerpflichtigen abhängig – wenn sehr viele Steuerpflichtige zum Beispiel in kurzer Zeit ihre Steuererklärung abgeben, kann das zu längeren Bearbeitungszeiten führen."

Und sie betont, dass "pauschale Begründung oder Benennung von Abhilfen" nicht möglich seien – unklar bleibt daher, ob auch möglicher Personalmangel oder Probleme beim Homeoffice in diese Problematik mit reinspielen. Dabei hatte der ehemalige Behördenleiter Karl-Heinz Huy noch vor zwei Jahren selbst Personalengpässen als Herausforderung angeführt. Davon ist nun aber (zumindest offiziell) keine Rede mehr.

Elster soll helfen – wenn der Server denn läuft

Vielmehr erklärt sie, dass eine elektronische Abgabe über das Online-Portal Elster zu einer schnellen Bearbeitung beitragen würde – allerdings hatte dieses zuletzt mit Server-Problemen zu kämpfen.

Unbeantwortet bleibt derweil die Frage, wie lange durchschnittlich die Bearbeitung des Steuerbescheids beim hiesigen Finanzamt dauert. Kann erklärt in diesem Zusammenhang, dass weder die einzelnen Steuerfälle, noch die Finanzämter "nicht ohne Weiteres vergleichbar" seien.

Finanzämter seien nicht zu vergleichen

"In Finanzämtern in Grenznähe müssen besonders viele Einkommensteuererklärungen von Steuerpflichtigen bearbeitet werden, deren Arbeitsort in einem anderen Land liegt als der Wohnort, zum Beispiel der Schweiz", so die Pressesprecherin. Solche Fälle seien komplexer und würden eine längere Bearbeitungszeit mit sich bringen. Das gelte auch für Steuerfälle mit Einkünften aus Land- und Forstwirtschaft.

Ob dies die Gründe dafür sind, dass die durchschnittliche Bearbeitungszeit beim Finanzamt Villingen-Schwenningen laut des Portals Lohnsteuer kompakt bei 80 Tage liegt, während der Baden-Württemberg-Durchschnitt mit 54 Tagen angegeben wird, ist fraglich. Insbesondere weil der Vergleich mit grenznahen Städten zeigt, dass die Bearbeitung dort schneller vonstatten geht (siehe Info). Die Doppelstadt befindet sich damit laut des Portals im bundesweiten Portal nur knapp vor dem Schlusslicht, dem Finanzamt Mannheim-Neckarstadt (83,20 Tage).

Info: Die Finanzämter im Vergleich

Laut des Portals Lohnsteuer kompakt beträgt die durchschnittliche Bearbeitungszeit bundesweit bei 49 Tage (jeweils Stand 2021). Bezogen auf die Bundesländer ist Berlin mit 42,7 Tagen Spitze, im unteren Drittel landet Baden-Württemberg (54,2). Bezogen auf die Ämter geht es in Warburg (NRW) mit 32,2 Tagen am schnellsten. In Baden-Württemberg ist Sinsheim mit 36,9 Tagen ganz oben. So sieht es in der Umgebung aus:

  • Titisee-Neustadt: 37 Tage
  • Konstanz: 49 Tage
  • Offenburg: 49 Tage
  • Tuttlingen: 51 Tage
  • Rottweil: 52 Tage
  • Freiburg: 57 Tage
  • Waldshut-Tiengen: 57 Tage