Da ist das Ding: Trainer Thomas Tuchel feiert als strahlender Sieger mit silbernem Henkelpokal den Champions-League-Triumph des FC Chelsea. Foto: AFP/Susana Vera

Thomas Tuchel hat in der Champions League mit dem FC Chelsea seinen ersten internationalen Titel als Trainer gewonnen. Dabei hat er als Taktiktüftler überzeugt und sich von einer neuen Seite gezeigt.

Porto/Stuttgart - Um 23.43 Uhr hat Thomas Tuchel am Samstagabend noch einmal all seine Kraft zusammengenommen. Lachend packte er den silbernen Henkelpokal mit beiden Händen und schwang ihn in den Nachthimmel von Porto. Dort, im Estádio do Dragão, erlebte der 47-jährige Schwabe seinen größten Moment als Trainer. „Für mich fühlt sich das alles wie in einem Film an“, sagte Tuchel. Dabei wirkte er mit seinen schmalen Schultern zuvor lange wie jemand, der die Last des zum Erfolg verdammten Fußballlehrers nicht würde stemmen können.

 

Doch der 1:0-Finalsieg des FC Chelsea gegen Manchester City in der Champions League ist nun Tuchels Triumph – er steht in einer Reihe mit den Besten seines Fachs. Was die sportlichen Aspekte seiner Arbeit anbelangt, hat es diesbezüglich in den vergangenen Jahren keinen Zweifel gegeben. Weder bei Borussia Dortmund noch bei Paris Saint-Germain. Beide Stationen musste Tuchel jedoch vorzeitig verlassen, obwohl er beide Mannschaften zu Erfolgen geführt hatte. Den BVB zurück in die Champions League und zum Gewinn des DFB-Pokals 2017, die Pariser zu zwei Meistertiteln und bis in das Endspiel der Königsklasse im vergangenen Jahr (0:1 gegen den FC Bayern).

Antonio Rüdiger zählt zu den Schlüsselfiguren

Trotz dieser Meriten gilt Tuchel jedoch als schwieriger Typ. Als jemand, der eine durch Fleiß, Mut und Offenheit geprägte Haltung einnimmt und diese Tugenden ebenso von den Mitarbeitern um ihn herum einfordert. Aber auch als jemand, dem es mit seinem Eigensinn an Empathie mangelt. Tuchel ist ein leidenschaftlicher Taktik-Nerd, der schon mal den Geburtstag einer Clubsekretärin vergisst.

Doch als nun die Stunde der Strategen schlug, da zeigte sich der Coach mit dem scheinbar so grüblerisch-unnahbaren Image von seiner emotionalen Seite. Zunächst am Spielfeldrand, als Tuchel nicht nur mithilfe seiner Zeichensprache weitere Anweisungen gab, sondern ebenso als er mit rudernden Armbewegungen die Fans des FC Chelsea dazu animierte, ihr Team lautstark zu unterstützen. Der ansonsten so kühle Trainer ahnte, dass die Anhängerschaft den Spielern einen Extrakick geben würde.

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Der frühere Leverkusener Kai Havertz sorgte mit seinem Tor für den magischen Moment der Blues (42.). Es war ein Treffer, wie ihn Tuchel sicher zuvor in dem von ihm entworfenen Matchplan vorgesehen hatte. Speedfußball. Davor und vor allem danach versperrte Chelseas Elf mit dem allgegenwärtigen Franzosen N’Golo Kanté im Mittelfeld und dem starken Antonio Rüdiger in der Abwehr alle Wege zum Tor. „Wir haben es gestern gefühlt, wir haben es vorgestern gefühlt. Wir haben die ganze Zeit gesagt: Wir sind der Stein im Schuh von City“, erklärte Tuchel.

Als der Londoner Club des Oligarchen Roman Abramowitsch zum zweiten Mal nach 2012 die Champions League gewonnen hatte, da gab es weitere ungewohnte Bilder auf dem Rasen. Tuchel feierte im Kreis seiner Liebsten. „Das ist das Schönste für mich“, sagte Tuchel, „wenn ich darüber nachdenke, fange ich an zu weinen.“ Er herzte seine Töchter Kim und Emma. Seine Frau Sissi sprang ihm in die Arme – und auf der Tribüne freuten sich die Eltern. Zeit für eine Würdigung: „Meine Eltern, die mich auf jeden Platz gefahren haben, meine Frau, die in der Landesliga Süd bei der zweiten Mannschaft vom FC Augsburg hinter mir stand und dachte: ‚Mit wem bin ich denn da zusammen?‘ Meine Oma, die zu Hause schaut mit über 90: Für die ist das jetzt.“

Pep Guardiola steht in der Kritik

Tuchels erster Weg nach dem Titelgewinn hatte jedoch zu Pep Guardiola geführt. Mit dem ManCity-Coach hatte er vor Jahren im Münchner Restaurant Schumanns mit Salz- und Pfefferstreuern stundenlang über Fußball philosophiert. Seither verbindet sie eine spezielle Beziehung. Vielleicht hat der Spanier deshalb wieder versucht, sich etwas Besonderes einfallen zu lassen – gegen den Tüftler Tuchel, dem jetzt ein neuer Vertrag bis 2023 winkt. Guardiola änderte seine Erfolgsformation. Zulasten der Defensive und von Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan, weshalb sich der 50-jährige Katalane einmal mehr den Vorwurf gefallen lassen muss, die Begegnung vercoacht zu haben.

„Ich wollte mit dieser Aufstellung auf jeden Fall das Spiel gewinnen, die Spieler wussten genau, was sie zu tun hatten“, sagte Guardiola zur Kritik. Doch es bleibt das Bild, wie Guardiola abseits von Tuchels Feiereinlagen mit der Silbermedaille um den Hals davontrottete. Der Meister hatte seinen Meister gefunden und muss mit ManCity weiter auf den ersehnten Triumph warten. Zehn Jahre ist es her, dass Guardiola mit dem FC Barcelona letztmals die Champions League gewann.

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Für die italienische Zeitung „Corriere della Serra“ markiert der Abend des 29. Mai 2021 gar einen Epochenwechsel: „Tuchel hat Chelsea wiederbelebt, eine Mannschaft, die jetzt Seele, Taktik und eine Stahlabwehr hat. Nach elf Jahren Diktatur Guardiolas ist Tuchel der neue Meister des internationalen Fußballs. Nicht umsonst kommt er aus Ulm, derselben Stadt, in der Albert Einstein geboren wurde.“