Jim Jarmusch erhielt für „Father Mother Sister Brother“ den Goldenen Löwen der Filmfestspiel in Venedig. Foto: AFP/Tiziana Fabi

Mit „Father Mother Sister Brother“ hat die Jury des 82. Filmfestivals in Venedig eine zart-bescheidene Tragikomödie ausgezeichnet. Fehlte ihr der Mut für ein politisches Statement?

Als kleine Sensation darf die Entscheidung schon gelten, die die Jury um Regisseur Alexander Payne zum Abschluss der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig traf. Damit, dass ausgerechnet die episodische Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch den Goldenen Löwen gewinnen würde, hatte am Lido wirklich niemand gerechnet. Der Amerikaner selbst kommentierte seinen Preis auf der Bühne dann auch ganz trocken mit den Worten: „Oh Shit!“

 

Jarmuschs Film fiel nicht wirklich auf

Die Auszeichnung für Jarmusch, der gemeinhin seine Filme beim Festival in Cannes zeigt und in Venedig erstmals im Wettbewerb vertreten war, ist in jedem Fall bemerkenswert. Sie bestätigt den Trend, dass das englischsprachige Kino beim ältesten Filmfestival der Welt besonders hoch im Kurs steht: seit 2019 wurde nur ein Werk in einer anderen Sprache ausgezeichnet. Selbst Pedro Almodóvar erhielt unerwartet den Löwen im vergangenen Jahr ausgerechnet für sein erstes englischsprachiges Werk. Und genau wie im Vorjahr kann man sich auch im Fall von Jarmusch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Ehrung womöglich auch als Verneigung vor einem Lebenswerk zu sehen ist, sticht doch der Film weder im Oeuvre des Regisseurs noch inmitten der Festivalkonkurrenz wirklich heraus.

Nicht dass „Father Mother Sister Brother“ ein schlechter Film wäre. Im Gegenteil. Die drei nur lose durch thematische Bezüge verbundenen Geschichten, in denen er von verschiedenen, auf unterschiedliche Weise komplizierten Familienbeziehungen erzählt, überzeugen durch exzellente Schauspielleistungen, unter anderem von Charlotte Rampling, Vicky Krieps, Tom Waits und Cate Blanchett. Außerdem berühren sie auf feinsinnige Weise, mal durch abgründigen Humor, mal durch warme Melancholie. Doch letztlich kommt Jarmuschs Arbeit so bescheiden und zart daher, dass sie neben der Wucht zahlreicher anderer Wettbewerbsbeiträge, die ihren Blick weit über das Private hinaus richteten, ein wenig verblasste.

Kaouthers Palästina-Film polarisierte

Kein Film hatte auf dem Lido eine größere emotionale Wucht entwickelt als „The Voice of Hind Rajab“ der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania. Am Ende gab es den Großen Preis der Jury für dieses aufwühlende Werk, das unter Verwendung echter Telefonmitschnitte sowie nachgestellter Spielszenen von den vergeblichen Versuchen einiger Rothalbmond-Mitarbeiter in Palästina erzählt, das Leben eines unter Beschuss der israelischen Armee geratenen Mädchens zu retten. Ein Film über Hilflosigkeit und Mitgefühl, den manche als manipulative Propaganda abtaten und andere als erschütterndes Plädoyer für die Menschlichkeit feierten. Dass womöglich auch in der Jury Uneinigkeit bestand oder man sich zumindest nicht traute, mit dem Hauptpreis für die immer in der Grauzone zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem tätige Ben Hania ein womöglich politisch gedeutetes Statement zu setzen, erscheint wahrscheinlich.

Während gegen den Jury-Spezialpreis für Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Below the Clouds“, eine schwarzweiße Hommage an die Stadt Neapel und ihre Bewohner, ebenso wenig einzuwenden ist wie die Auszeichnung der schauspielerischen Leistungen von Toni Servillo (der im Eröffnungsfilm „La grazia“ als italienischer Präsident brillierte) und Xin Zihlei aus dem chinesischen Beziehungsdrama „The Sun Rises on Us All“, trafen Payne und seine Mitstreiter beim Regie-Preis die erstaunlichste Entscheidung.

Kathryn Bigelow, Park Chan-wook und Yogos Lanthimos gehen leer aus

Warum Benny Safdie für seine Inszenierung von „The Smashing Machine“ mit dem Silbernen Löwen bedacht wurde, bleibt rätselhaft. Der Film, der aus dem Leben des realen Martial-Arts-Kämpfers Mark Kerr erzählt, sorgte vor allem für Gesprächsstoff, weil Superstar Dwayne Johnson sich hier an seiner bisher anspruchsvollsten Rolle versucht und auf eine Oscar-Nominierung schielt. Ausgerechnet die geradezu konventionelle, heruntergedrosselte Art und Weise, mit der Safdie (der bislang zusammen mit seinem Bruder Josh für rastlose-enervierende Filme wie „Der schwarze Diamant“ verantwortlich zeichnete) das in Szene setzt, ist allerdings seine größte Schwäche.

Es hätte für diesen Preis sehr viel verdientere Kandidaten gegeben, die eigentlich sogar für den Goldenen Löwen in Frage gekommen wären. Dass Kathryn Bigelow für ihren atemberaubend spannenden, nicht nur handwerklich brillant umgesetzten Politthriller „A House of Dynamite“ am Ende komplett leer ausging, ist beispielsweise mehr als bedauerlich. Auch Yorgos Lanthimos‘ „Bugonia“ und „No Other Choice“ von Park Chan-wook, die beide Gesellschaftskritik und schwarzen Humor mit wilden Genre-Spielereien kombinierten, gehörten zu den Höhepunkten dieses Wettbewerbs, die am Ende übergangen wurden.

Preis als Nachwuchsdarstellerin für Luna Wedler

Als heimlicher Mitfavorit hatte sich auf den letzten Festivalmetern noch die mehrheitlich deutsche Produktion „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildiko Enyedi entpuppt. Ähnlich wie Jarmusch hat auch sie ein Triptychon erschaffen, verschachtelt dabei allerdings ihre Geschichten ineinander und fokussiert sich rund um einen Baum im Alten Botanischen Garten in Marburg auf die Kraft der Natur als ihr Thema.

Ganz leer ging immerhin dieser betörende Film dann doch nicht aus: Die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler, aktuell in „22 Bahnen“ auf deutschen Leinwänden zu sehen, erhielt den Marcello Mastroianni-Preis für aufstrebende Schauspieler, der in der Vergangenheit auch schon an Jennifer Lawrence oder Paula Beer ging.