Ob als Notarzt im Kreis Rottweil oder als Filmemacher, der um die Welt reist: Jochen Isensee will Leben retten. Einer seiner Filme hat jetzt Kinopremiere gefeiert.
Als Notarzt muss Jochen Isensee in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf bewahren. Denn: „Man weiß nie genau, was einen vor Ort erwartet“. Das trifft auch auf seinen Hauptberuf zu. In dem fliegt der Deißlinger um die Welt, unter anderem in Krisengebiete, um Filme zu drehen. Und noch etwas haben seine beiden Jobs gemeinsam: Oberstes Ziel ist es, Leben zu retten.
Warum Jochen Isensee Filme dreht? „Ich will relevante Geschichten erzählen“ – und damit die Aufmerksamkeit auf Themen und Menschen lenken, die andernfalls nicht gesehen würden.
Die Geschichte südsudanesischer Flüchtlinge
So auch bei „Hope – Beyond Rape, Murder and War Crimes“, Isensees internationalem Dokumentarfilm, der nicht nur 100 000 Euro Förderung von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg erhalten hat – angesichts großer Konkurrenz eine echte Besonderheit – sondern nach der Premiere in Freiburg nun auch durch die Kinos des Landes tourt.
Der Film begleitet unter anderem Gloria, die mit 15 Jahren ihre Familie und ihr Zuhause verloren hat und aus einem der größten Krisengebiete der Welt geflohen ist. Nun lebt die Südsudanesin in einem Flüchtlingscamp in Uganda und träumt davon, Anwältin zu werden.
Woher nehmen solche Menschen die Kraft, über sich selbst hinauszuwachsen? Wie finden sie in solchen schicksalhaften Umständen einen Sinn? Das sind die Kernfragen, denen Isensee nachgeht – mit einem beeindruckenden Ergebnis, an dem auch die ugandische Filmproduktion beteiligt ist, die für Filme wie „Marvel Studios Black Panther“ verantwortlich zeichnet.
Vom Mediziner zum Regisseur
Aber wie wurde aus dem Mediziner ein Filmemacher? Das Filmen war für den gebürtigen Pforzheimer und seinen Bruder Steffen erst nur ein Hobby. Als die Brüder begannen, damit Geld zu verdienen, gründeten sie vor rund 16 Jahren ihr gemeinsames Unternehmen, die Isensee Film GmbH. Jochen Isensee war hauptberuflich als Anästhesist tätig und bildete sich zum Notfallmediziner weiter.
2018 – im selben Jahr zog der 44-Jährige nach Deißlingen – wurde das Filmedrehen sein Hauptberuf. An einem Tag pro Woche ist Jochen Isensee aber noch als einer der Leitenden Notärzte im Kreis Rottweil im Einsatz.
Doku über das Schicksal eines Kindes
Lange Zeit produzierten die Brüder vor allem Werbefilme, auch für namhafte Firmen, erzählt Isensee. Kein Wunder: „Film ist das Medium unserer Zeit.“ Doch habe er als Regisseur irgendwann das Bedürfnis verspürt, etwas anderes, Bedeutendes zu machen. Per Zufall – die Geschichte trug sich in seinem familiären Umfeld zu – kamen die Isensees zu ihrer ersten Kurzdoku „Höher denn die Erde“.
Darin geht es um das Schicksal des kleinen Nick, der mit einem Herzfehler geboren wird. Ärzte kämpfen auf der Intensivstation der Uniklinik Freiburg monatelang um sein Leben, während die Familie hofft und bangt. In der Doku, die auch im Kino gezeigt wurde, geht es um den Umgang mit diesem Schicksal. Zu Wort kommen Nicks Mutter, sein Arzt und sein Seelsorger.
Sensible Themen im Fokus
Es sind sensible Themen wie dieses, auf die Jochen Isensee aufmerksam machen will. Auch nach Uganda kam er quasi per Zufall. Ein Freund engagierte sich dort für die Menschen in den Flüchtlingslagern. Isensee besuchte ihn 2020 und war schockiert. „Das ist eines der größten Flüchtlingslager der Welt – und wir wissen nichts davon“, meint er. Während die Öffentlichkeit wegschaue, seien dort Gräueltaten an der Tagesordnung.
Gleichzeitig war Isensee inspiriert von den Menschen dort – davon, zu sehen, wie manche trotz widrigster Umstände nicht zugrunde gehen, sondern Hoffnung haben, einen Sinn finden. Wie beim Friedrich-Nietzsche-Zitat: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“.
Und als sich ein Einheimischer in Uganda über seine Anwesenheit freute und sagte, dass Isensee als Arzt wirklich helfen könne, sei ihm klar geworden: Als Filmemacher könnte er noch mehr Leben retten, wenn er genügend Aufmerksamkeit für diesen Konflikt erzeugt.
Das Gesehen soll den Zuschauer nicht loslassen
Das Wichtigste bei diesem und bei allen seinen Filmen: „Authentizität: Alles muss echt sein.“ Seine Dokumentationen seien auch keine, die man sich zum Einschlafen ansehe. Sie werfen Fragen auf und sollen den Zuschauer auch dann noch beschäftigen, wenn der Film vorbei ist. Gleichwohl gehe es nicht darum, traurige Geschichten zu erzählen, sondern darum, zu zeigen, wie man mit Herausforderungen umgeht – anhand eines extremen Beispiels. „Das universelle Element in unseren Filmen ist die Hoffnung“, sagt er.
Was denken Ärzte?
Und Jochen Isensee will noch viele Geschichten erzählen. Sein aktuelles Projekt ist ebenfalls ein spannendes und schlägt einen Bogen zu seinem medizinischen Hintergrund: eine Dokuserie mit dem Titel „A doctor’s mind“, die auf Youtube zu sehen sein soll.
Darin gibt er Einblick in die Gedanken von Spitzenmedizinern auf der ganzen Welt – von Tokio bis Chicago. Warum handeln sie so wie sie handeln? Und wie gehen sie mit Fehlern um? Darüber werde gern mal geschwiegen, weiß Isensee.
Eben weil er sensible Themen aufgreift, ist oft eine der schwierigeren Aufgaben, Gesprächspartner zu finden und eine Beziehung aufzubauen, erklärt er. Davon aufhalten lässt er sich nicht. Im Gegenteil: „Komplexe Themen sind mein Ding.“