Ingrid Hagenlocher-Riewe (rechts), die Tochter des einstigen Gestapo-Mitarbeiters und späteren Gründungsdirektors des Kunstmuseums Albstadt, war bei der Filmvorführung im Christian-Landenberger-Saal dabei. Foto: Martin Kistner

Ehe der Gründungsdirektor des Kunstmuseums Albstadt ein Freund der Kunst wurde, jagte er in der Gestapo Regimegegner. Wie geht seine Tochter mit diesem Erbe um?

Ingrid Hagenlocher-Riewe ist eine zierliche, kleine Frau; dass sie Mitte achtzig ist, sieht man ihr nicht an. Sie sitzt im Rollstuhl; im Film „Sie kann ja nichts für ihren Vater“, den Hermann G. Abmayr vor fünf Jahren im Auftrag des Stuttgarter Hauses der Geschichte drehte und der am Dienstagabend im Kunstmuseum gezeigt wurde, geht sie an Krücken – Spätfolgen einer Polioerkrankung, die sie, wie sie andeutet, einem von Anfang an fremden Vater noch weiter entfremdet hat.

 

Der Erzählungstopos „Hingebungsvoller Familienvater, aber Mörder von Berufs wegen“ passt nicht auf diesen Fall – Alfred Hagenlocher war offenbar auch privat kein liebevoller Mensch.

Im Gespräch mit dem Historiker Friedemann Rincke berichtete Ingrid Hagenlocher-Riewe, welche Fragen sie noch zur Vita ihres Vaters hat – Fragen, auf die sie wohl keine Antwort bekommen wird. Foto: Martin Kistner

Das Wissen darüber, was er beruflich war und welche Schuld er als Gestapo-Mann auf sich geladen hat, wird notwendigerweise bruchstückhaft bleiben. Wie Friedemann Rincke, Stuttgarter Historiker, Spezialist für die Umtriebe der Stuttgarter Gestapo und am Dienstagabend Begleiter und Gesprächspartner von Ingrid Hagenlocher-Riewe, anmerkte, ist das in Deutschland zugängliche Aktenmaterial spärlich; SS und Gestapo haben am Kriegsende systematisch die Spuren getilgt.

Weitere Erkenntnisse könnte im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung die Vernetzung internationaler Archive erbringen; indes bezweifelt Rincke, dass sich die Lücken in Hagenlochers Biografie, die auch dessen Tochter stark beschäftigen, noch werden schließen lassen.

Kai Hohenfeld, dem promovierten Kunsthistoriker und Direktor des Kunstmuseums Albstadt, ist es in dessen Jubiläumsjahr ein Herzensanliegen, die dunkle Seite seines Vorgängers aufzuarbeiten. Foto: Martin Kistner

Alfred Hagenlocher war als Geheimer Staatspolizist regelmäßig auf Dienstreisen in Gegenden, die sich Nazi-Deutschland kurz zuvor einverleibt oder welche die Wehrmacht erobert hatte – was er im „angeschlossenen“ Österreich, in der annektierten „Resttschechei“, im besetzten Norwegen, vor allem aber in Weißrussland hinter der Ostfront für „Dienstpflichten“ versah, ist ein dunkles Geheimnis und wird es wohl auch bleiben.

Hagenlocher hat Widerstandskämpfer gejagt

Über sein „Wirken“ im „Hotel Silber“, dem Stuttgarter Gestapo-Hauptquartier, hat Rincke dagegen einiges herausgefunden: Hagenlocher jagte Widerstandskämpfer; eine amtliche Mitteilung an das Stuttgarter Standesamt, in der die Exekution von neun Mitgliedern der „Gruppe Schlotterbeck“ – wohlgemerkt ohne Gerichtsurteil – vermeldet wird, trägt seine Unterschrift.

Die Schuld des Vaters und die Scham der Nachkommen

Zu diesen Neun gehörte auch Gertrud Lutz, an deren Tochter Wilfriede Heß sich Ingrid Hagenlocher-Riewe viele Jahre später wandte, um mit ihr über die Schuld des Vaters und die eigene Scham zu sprechen. Nach anfänglichem Zögern ging Heß auf diese Bitte ein; der Film „Sie kann ja nichts für ihren Vater“ dokumentiert auf anrührende Weise, wie die beiden sich näherkamen und in der Trauer um die Opfer und dem Wunsch, mehr über den Täter und seine Taten zu erfahren, zueinander fanden und sich anfreundeten.

Vom Nazi-Schergen zum Kunstverehrer

In der Gesprächsrunde, die der Filmvorführung folgte, spielte die wundersame Wandlung Alfred Hagenlochers vom Nazi-Schergen zum Kunstverehrer und Ästheten eine zentrale Rolle. Dabei zeigte sich: So wundersam war sie gar nicht. Der Kunstfreund Hagenlocher war derselbe Karrierist, Opportunist und Egomane wie zuvor der Staatsdiener, und die Anbetung eines zugleich über- und unmenschlichen „Heiligen und Reinen“ ging mit narzisstischer Selbstüberhöhung einher.

Riesig war das Interesse an dem Film und der anschließenden Gesprächsrunde, der Christian-Landenberger-Saal des Kunstmuseums voll besetzt. Foto: Martin Kistner

Die von ihrer Krankheit gezeichnete Tochter wurde in Heime abgeschoben, wo die nazistische Ideologie ungetrübt von Zweifeln fortlebte und das vereinsamte Kind angehalten wurde, sich ihres großen Vaters „würdig zu erweisen“.

Manche Fragen werden unbeantwortet bleiben

Dass das Vorleben des Alfred Hagenlocher erst nach seinem Tod im Jahre 1998 nach und nach bekannt wurde, wird unter diesen Umständen teilweise erklärlich. Hagenlocher hatte 1951 den Persilschein erhalten; in der Folgezeit ignorierten die Deutschen geflissentlich, was viele von ihnen in der Nazizeit getan hatten. Es herrschte eine spezifisch deutsche „Omertá“ – und dies natürlich auch in der Familie: Ingrid Hagellocher-Riewe fragte viele Jahre gegen eine Wand des Schweigens an, ehe sie mit über 70 endlich Substanzielles über ihren Vater erfuhr.

Waren Groz und Hagenlocher Freunde?

Doch was, diese Frage stand ebenfalls im Raum, wusste Walther Groz, der Mäzen, der „entartete Kunst“ vor den Nazis gerettet hatte? Er wird ahnungslos gewesen sein; anders ließe sich sein vorbehaltloser und insistierender Einsatz für Hagenlocher bei der Besetzung der Museumsleitung im Jahre 1975 kaum erklären. Ob die beiden eine Männerfreundschaft verband? Wohl kaum – gut Freund war Alfred Hagenlocher vermutlich nur mit einem: sich selbst.