Einst konkurrierten italienische Autohersteller mit den Deutschen um die Führungsposition in Europa. Doch das ist Geschichte. Der Ex-Ferrari-Chef Montezemolo fürchtet eine De-Industrialisierung seines Landes.
In Italien wachsen nach der Entscheidung, dass der neue Elektro-Panda nicht in Italien produziert wird, die Sorgen um die Zukunft der stark geschrumpften Autoindustrie. Der frühere Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo schlug kürzlich Alarm: „Ich bin in Sorge, weil unser Land keine Autoindustrie mehr hat, und das bedeutet weniger Gewicht gegenüber Frankreich und Deutschland. Dies wird sowohl für die Zulieferer als auch für die Arbeitnehmer schwerwiegende Probleme mit sich bringen. Wir sind Zeugen einer italienischen De-Industrialisierung, die sich schweigend vollzieht.“
Zwar verfügt Italien mit Ferrari, der Audi-Tochter Lamborghini sowie mit Zulieferern wie Brembo und Pirelli über leistungsfähige Unternehmen. Doch die Pkw-Produktion im Land ging von zwei Millionen Einheiten 1989 auf 473 000 Autos 2022 zurück. In diesem Jahr dürften es etwa 20 Prozent mehr werden. Doch das ändert nichts an der grundsätzlichen Tendenz.
Es gibt keinen großen nationalen Hersteller mehr. Der französisch dominierte Autokonzern Stellantis, zu dem die Marken Fiat, Alfa Romeo, Maserati und Lancia gehören, will 15 000 der noch etwa 45 000 Stellen in Italien sozialverträglich abbauen. Dabei wurde die Mitarbeiterzahl seit der Übernahme der früheren Fiat Chrysler (FCA) durch PSA Peugeot Citroën Ende 2021 bereits um 7500 Mitarbeiter reduziert. Stellantis-Chef Carlos Tavarez will die Fabrik in Turin-Grugliasco, die unter Ex-Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne zum Schwerpunkt der Fertigung von Luxusautos werden sollte, verkaufen. Neue Modelle wie der Elektro-Fiat 600 oder der neue Fiat Topolino sind zwar in Turin vorgestellt worden, sie sind jedoch auf französischen Plattformen entwickelt worden und werden in Polen beziehungsweise in Marokko gefertigt.
Italiens beliebtestes Auto soll bald in Serbien gebaut werden
Außerdem soll die im Bereich Automatisierung tätige Tochter Comau verkauft werden. Beobachter fürchten hier eine ähnliche Entwicklung wie bei Magneti Marelli, das die damalige FCA 2018 für 6,2 Milliarden Euro an die japanische Calsonic Kinsei abgegeben hat, die inzwischen vom US-Investor KKR kontrolliert wird. Schlagzeilen macht derzeit der geplante Verkauf oder die Schließung eines Werks in Crevalcore bei Bologna.
Geschockt reagierten die Gewerkschaften auf die Ankündigung, dass die Elektroversion des neuen Fiat Panda, der im Juli 2024 vorgestellt werden soll, nicht in Italien, sondern in Serbien produziert wird. Am Standort Pomigliano bei Neapel würden bis 2026 nur noch die aktuelle Version sowie die Modelle Alfa Romeo Tonale und Dodge Hornet gefertigt. Ob es einen Ersatz für den Panda geben wird, ist unklar.
Ein sichtlich verärgerter italienischer Industrieminister Adolfo Urso traf sich jüngst mit Vertretern von Stellantis und Gewerkschaftern. Im Sommer hatte die Regierung mit Stellantis-Chef Tavares vereinbart, Lösungen zu suchen. Rom peilt ein Abkommen an, das „in einigen Jahren“ eine Erhöhung der italienischen Pkw- und Nutzfahrzeug-Produktion bei Stellantis auf eine Million Einheiten und Forschungsaktivitäten im Land vorsieht. Doch die Verhandlungen kommen nicht voran. Tavares stellt Bedingungen. Die Einführung verschärfter Euro-7-Abgasregeln müsse verschoben werden. Sie verhinderten eine Produktion in Italien zu wettbewerbsfähigen Preisen. Außerdem fordert der Stellantis-Chef neue Kaufanreize für Elektroautos und den Ausbau des italienischen Ladenetzes.
Giorgia Meloni verspricht der Branche sechs Milliarden Euro
In Italien werden prozentual wesentlich weniger Elektroautos verkauft als in anderen Ländern. Die gesamten Neuzulassungen liegen mit 1,4 Millionen 20 Prozent unter dem Stand von 2019. Urso hofft auf die Ansiedlung weiterer Autohersteller, um die Fertigung auf 1,5 Millionen zu steigern.
Italiens Autoindustrie beschäftigt nur noch 268 000 Mitarbeiter. Der Branchenverband Anfia befürchtet, dass durch die Elektrifizierung 60 000 Jobs verloren gehen.
Premierministerin Giorgia Meloni will der Branche sechs Milliarden Euro in Form von Kaufanreizen für den Erwerb schadstoffarmer Fahrzeuge zur Verfügung stellen, die überwiegend aus europäischen Töpfen kommen sollen. Bereits ihr Vorgänger Mario Draghi hatte der Branche für den Zeitraum 2021 bis 2030 fast neun Milliarden Euro versprochen.
Besser als der Pkw-Sparte geht es der Sparte mit den leichten Nutzfahrzeugen. Seit Jahrzehnten produzieren Fiat und Peugeot gemeinsam Fahrzeuge wie den Fiat Ducato unter anderem im italienischen Werk Atessa. Jean-Philippe Imparato, Chef der Sparte, kündigte kürzlich einen neuen Strategieplan an. Ziel ist, den Branchenführer Ford zu überholen und die Jahresproduktion von 1,6 auf zwei Millionen Nutzfahrzeuge anzuheben. Das Werk Atessa, wo künftig auch Fahrzeuge gemeinsam mit Toyota gefertigt werden sollen, habe strategische Bedeutung.
Es geht abwärts
Konkurrenz
Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein lieferte sich Italiens Autoindustrie einen Wettlauf mit der deutschen Konkurrenz um die Führungsposition in Europa.
Verlagerung
Noch 1989 wurden im Bel Paese rund zwei Millionen Autos gefertigt. Tempi passati! Im vergangenen Jahr waren es nur noch 473 000 Pkw, Platz acht in Europa. Heute werden die meisten Fahrzeuge italienischer Marken in Ländern wie Polen, Marokko oder Serbien gebaut, vor allem die Marken Fiat und Lancia.