Wenn alles zu viel wird und die Eindrücke bei einem Einsatz die Feuerwehrkräfte zu überwältigen drohen, dann ist er da: Kreisfeuerwehrseelsorger Erwin Burkard. Dabei hatte er es selbst alles andere als leicht im Leben.
„Wenn ich nur schneller da gewesen wäre, vielleicht wäre dann alles anders gekommen“ – es sind Gedanken wie diese, die sich nach einem besonders schwierigen Einsatz, wenn etwa jemand nur schwer verletzt oder tot geborgen werden kann, in die Köpfe der Feuerwehrkräfte schleichen. Und sie kommen meist dann, wenn der Einsatz vorbei ist, das Adrenalin sinkt und die Ruhe kommt, weiß Erwin Burkard.
In solchen Momenten ist der Zimmerner da, um seine Feuerwehrkameraden aufzufangen. „Ich mache ihnen klar, dass sie gute Arbeit geleistet und alles Mögliche getan haben“, erklärt er. Aber zuvor fragt er jeden Einzelnen danach, wie es ihm mit der Situation geht. Und jeder soll antworten. So merke man, dass man nicht allein sei mit seinem Schmerz, erklärt Burkard. Und schon das helfe vielen sehr.
Rund um die Uhr Bereitschaft
Immer wieder führt er nach schwierigen Einsätzen Gruppen-, aber auch Einzelgespräche. Die sind absolut vertraulich und dauern meist um die drei bis vier Stunden. „Aber für mich spielt die Zeit in diesem Moment keine Rolle. Ich bin solange für jemanden da, bis er mich nicht mehr braucht“, sagt der 71-Jährige. Auch wenn es, wie meist, mitten in der Nacht ist. „Ich habe rund um die Uhr Bereitschaft.“
Und egal, wie furchtbar das ist, was Erwin Burkard erzählt wird, er darf den Schmerz nicht mittragen. „Ich lege das, was ich höre, bei Gott ab. Nur so kann ich bereit für den nächsten Fall sein. Nur so kann ich die Kraft aufbringen, um die Feuerwehrkräfte aufzubauen“, erklärt der Kreisfeuerwehrseelsorger und Diakon.
Innere Stimme wies den Weg
Dass der frühere ITler und Servicetechniker im Außendienst den Weg zu Gott gefunden hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Hinter Erwin Burkard liegt eine harte Zeit. Er war ein Findelkind, wurde als Baby von seiner Mutter vor der Kirche St. Franziskus in Schwenningen abgelegt. Etwas, das ihn lange beschäftigt hat, wie er zugibt.
Aufgewachsen in einem sehr christlichen Haushalt, beschloss er, dass er mit der Kirche nichts zu tun haben wolle, erzählt der 71-Jährige. Doch seine Frau, mit der er nun seit fast 50 Jahren verheiratet ist, wünschte sich, dass er sie in einen Gebetskreis begleitete. Er tat ihr den Gefallen. Und er nahm an Exerzitien in Obermarchtal teil. „Eine innere Stimme sagte mir dann: Geh den Weg des Diakons“, erzählt er. Und er folgte ihr.
Der Weg in die Feuerwehr
Am 25. Mai 1996, der auch noch ein Hochzeitstag war, wurde er nach vier Jahren, in denen er Kurse bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart belegt und sich mit Theologie beschäftigt hatte, zum Diakon geweiht. Als Diakon mit Zivilberuf ging er zwar tagsüber seinem Beruf nach und war in seiner Freizeit für die Kirche tätig, mit dem Außendienst war von da an aber trotzdem Schluss. Schließlich wurde Burkard etwa zu Taufen und Hochzeiten in seiner Heimat benötigt.
Anfang der 2000er kam die Feuerwehr Zimmern auf der Suche nach einem Feuerwehrseelsorger auf Erwin Burkard zu. Der Zimmerner trat in die Feuerwehr ein, absolvierte die Grund- und Sprechfunkausbildung und besuchte an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal den Lehrgang „Fachberater Seelsorge“. Seit 2016 ist er Kreisfeuerwehrseelsorger.
Seit einigen Jahren zelebriert er die Floriansmesse in Herrenzimmern und den Trauergottesdienst für verstorbene Feuerwehrkameraden in Epfendorf. In der katholischen Kirchengemeinde St. Konrad in Zimmern ist er als außerdem als Altenseelsorger tätig.
Manche Eindrücke bleiben
Alarmiert wird Erwin Burkard bei psychisch potenziell belastenden Einsätzen wie Bränden, Suizidversuchen und schweren Unfällen mit Verletzten – egal, ob in Oberndorf, Schramberg, Zimmern oder an einem anderen Ort im Landkreis. Er empfängt die Einsatzkräfte dann im Feuerwehrhaus und hört sich an, was sie erlebt haben. Um Religion geht es dabei nicht, „für mich steht der Mensch im Fokus“, sagt Burkard.
Dass er nicht direkt am Unfallort dabei sei, mache es leichter, das Gehörte nicht an sich heranzulassen. Trotzdem bleibe manches natürlich in Erinnerung. „Aber ich kann das gut ablegen“, sagt Burkard. Und das müssen auch die Feuerwehrkräfte, denn sonst bestehe die Gefahr, dass sie die Eindrücke nachhaltig belasten und sie ihr Engagement bei der Feuerwehr beenden. „Das darf nicht passieren. Jeder ist wichtig“, betont Burkard. Deshalb sei es so wichtig, über das Erlebte zu sprechen und es zu verarbeiten.
Abschied bei der Kreisfeuerwehrversammlung
Bei der Kreisfeuerwehrversammlung am 11. November in Vöhringen wird sich der 71-Jährige aus gesundheitlichen Gründen als Kreisfeuerwehrseelsorger verabschieden. Wer ihn brauche, werde aber immer ein offenes Ohr finden. Denn welche Last jemand auch trage, er sei damit nie allein.