Löschangriffe übers Dach und von innen mit Atemschutztrupps: Zwei Stunden nach Mitternacht war der Brand in einem Fachwerkhaus am „Roten Meer“ gelöscht.
Es war eine lange Nacht. Aber zwei Stunden nach Mitternacht konnte die Feuerwehr Rottenburg vermelden: „Feuer aus!“ Die letzten Glutnester waren gelöscht, auch in den Dachbalken schien nichts mehr zu glosten. Samstagfrüh, um 8 Uhr, waren bereits wieder Einsatzkräfte vor Ort im „Roten Meer“, zur Brandschau, mit positivem Fazit: Es gab keine Anzeichen, dass noch irgendwo etwas aufflammen könnte.
Von den fünf Personen, die in dem Haus wohnten, waren am Freitagabend vier zu Hause gewesen: eine Frau mit ihren drei Kindern. Sie blieben unverletzt und konnten das Haus selbstständig verlassen. Die Familie kam vorerst bei Verwandten unter. Das Haus ist nach dem Brand unbewohnbar. Zur Brandursache konnte die Polizei am Samstag noch keine Angaben machen, außer dass der Brand im Obergeschoss ausgebrochen ist. Den Schaden schätzt die Polizei auf eine mittlere sechsstellige Summe.
Übergreifen des Feuers kann verhindert werden
Am Freitagabend, um 18.55 Uhr, war der Alarm ausgelöst worden: Ein Haus in der Rottenburger Altstadt brennt. In den Zimmern unterm Dach hatte sich bereits offenes Feuer ausgebreitet. Dunkler Qualm quoll aus den Fenstern und legte sich über die Altstadt. Die Feuerwehr rückte mit den Abteilungen Stadtmitte und Kiebingen an. Das offene Feuer hatten die Einsatzkräfte bald unter Kontrolle.
Auch die Nachbargebäude konnten abgeschirmt, ein Übergreifen des Brands verhindert werden. Doch es sollte sieben Stunden dauern, bis die letzten Brandnester in dem Fachwerkhaus gelöscht waren. In dem eng bebauten Altstadtquartier zwischen Stadtlanggasse und Stadtgraben arbeiteten die Einsatzkräfte unter schwierigsten Bedingungen. Nur das Fahrzeug mit der Drehleiter konnte direkt an das brennende Gebäude heranfahren. Für weitere Löschfahrzeuge war dort kein Platz. Sie mussten in anderen Seitengassen positioniert werden.
THW Ofterdingen prüft das Gebäude
Das Technische Hilfswerk Ofterdingen unterstützte den Einsatz: Die THWler waren gegen 21 Uhr vor Ort und bauten ihr Messsystem auf. Dabei werden neongelbe Messpunkte an der Fassade gesetzt und diese kontinuierlich angepeilt. So können die THWler millimetergenau messen, ob die Mauern, Wände und Böden unter dem Einfluss von Feuer und Löschwasser beginnen, sich zu bewegen – und das Gebäude instabil zu werden droht.
Das war nicht der Fall. „Glücklicherweise hat sich das Gebäude nicht bewegt“, berichtet Stadtbrandmeister Marian Meyer am Samstagmittag. „Dadurch war eine zielgerichtete Brandbekämpfung möglich.“ Denn die Einsatzkräfte fuhren eine Doppelstrategie: Zum einen stachen Feuerwehrleute von der Drehleiter aus mit dem Einreißhaken auf die Dachfläche ein, lösten Ziegel und öffneten die Dachfläche, um eine Einfallschneise für das Löschwasser zu schaffen.
Atemschutzträger arbeiten sich vor
Zwischen diesen Löschangriffen über das Dach drangen immer wieder Atemschutztrupps in das Innere der Wohnung vor, um Glutnester zu löschen. Das war nur möglich, weil die kontinuierlichen Messungen des THW ergaben, dass das Gebäude stabil blieb. Sonst wäre der Einsatz im Gebäudeinneren zu riskant gewesen.
Mit spezieller Kleidung und Atemschutzmaske, die Atemluftflaschen auf den Rücken geschnallt, arbeiteten sich die Atemschutztrupps im obersten Stockwerk des Brandhauses zu den Brandherden durch. In den völlig verrauchten Zimmern war das ein schwieriges Vorantasten, mithilfe von Wärmebildkameras und unter Einsatz von Feuerwehräxten, berichtet Meyer. Die Sichtweite betrage in einem solchen Fall wenige Zentimeter bis maximal einen Meter.
Auch als die Löschangriffe über die Dachfläche voranschritten, bedeutete das nicht, dass die Sicht besser wurde: „Dann entsteht Wasserdampf.“ Und die Einsatzkräfte sehen genauso wenig wie zuvor im Qualm. „Man kann das vergleichen mit Tauchengehen in trübem Wasser“, sagt Meyer. Jeweils nach einer halben Stunde müssen die Atemschutztrupps wieder raus aus dem Haus. Dann ist die Atemluft in der Flasche verbraucht.
„Feuer aus“ um 2.20 Uhr
Der Einsatzticker auf dem Facebook-Kanal der Rottenburger Feuerwehr verkündete gegen 2.20 Uhr: „Feuer aus!“ Danach ging es aber weiter: Brandschau am Samstagfrüh und die „Nachbereitungsarbeiten“, wie Meyer sagt. Die Atemschutzgeräte müssen zerlegt, gereinigt und überprüft werden. Die Löschschläuche werden ebenfalls gereinigt, überprüft und getrocknet, im Schlauchturm beim Tübinger Feuerwehrhaus. „Die Schläuche waren im Brandrauch und sind damit hochtoxisch“, erklärt Meyer. Dasselbe gilt für die Kleidung der Feuerwehrleute, die in die Wäscherei geht. Bereits während des Einsatzes wurden die Atemschutzträger, die aus dem Gebäude kamen, mithilfe eines Schlauchs abgespritzt, um die gröbsten Anhaftungen, Rauch und Ruß an der Einsatzkleidung abzuspülen.
Am Morgen danach ist das Brandhaus im „Roten Meer“ mit Absperrbändern abgegrenzt. In der Gasse liegen zerschlagene Ziegel neben „Brandmasse“, die die Feuerwehrleute beim Einsatz aus dem Haus befördert haben. Die Dachgeschosszimmer sind vom Brand völlig zerstört, das Dach ist auf der Ostseite großflächig geöffnet. Im Erdgeschoss hängen dagegen, völlig unbeeindruckt vom Brand, noch Gelbe Säcke an den Wänden über Müll- und Papiertonnen, als sei nichts gewesen.
Im Rettungszentrum an der Sülchenstraße sind die Feuerwehrleute derweil nicht nur mit den Nachbereitungsarbeiten und der Gerätewartung beschäftigt. Parallel wird die Fahrzeughalle ausgeräumt und Biertische aufgeschlagen. Schließlich ist am Fasnetssonntag traditionell Feuerwehrfasnet im Rettungszentrum, mit Kellerbar und Kapellenmusik. Trotz des Kraftakts in der Nacht auf Samstag, wollen sich die Feuerwehrleute dieses Fest für sich und ihre Gäste nicht nehmen lassen.