Gammertingens Bürgermeister Holger Jerg bezieht Stellung. Foto: Stadt Gammertingen

Der Gammertinger Bürgermeister Holger Jerg spricht über den Großbrand bei Reifen Göggel, die Hochzeit und das Feuerwerk.

Das Feuer bei Reifen Göggel bleibt Gesprächsthema. Holger Jerg (60), Bürgermeister der Stadt Gammertingen (Landkreis Sigmaringen), erzählt im Interview, wie er die Brandnacht erlebt hat, wieso das Feuerwerk genehmigt wurde und wieso die Löschung eines Artikels auf der Homepage der Stadt keine böse Absicht gewesen ist.

 

Herr Jerg, wieso haben Sie die Meldung auf der Internet-Seite vom 19. Juli zur Waldbrandgefahr löschen lassen? 
Holger Jerg: Wir haben derzeit die niedrige Waldbrand-Gefahrenstufe zwei von fünf. Die konkrete Situation, Grillplätze in der freien Natur zu schließen, war vorgesehen für die hohen Gefahrenstufen vier und fünf. Und die gibt es seit Mitte der vergangenen Woche nicht mehr. Wir wollten den Artikel nur anpassen. Den Anschein des Vertuschens wollten wir nicht erwecken.

Wieso haben Sie die Nachricht nicht archiviert?
Jerg: Der Arbeitsauftrag an meine Mitarbeiterin war ein Wortzuruf zwischen vielen Terminen. Ich wollte, dass der Artikel noch mal überarbeitet und an die aktuellen Gegebenheiten angepasst wird.

Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile ist die Meldung der Stadt Gammertingen vom 19. Juli wieder online abrufbar – angepasst an die derzeitige Warnstufe zwei.

Seit 23 Jahren sind Sie Bürgermeister der Stadt Gammertingen, haben viel erlebt. Wie beurteilen Sie die aktuellen Geschehnisse?
Jerg: Der Großbrand bei Reifen Göggel war ein Super-GAU, den man sich nie hätte vorstellen können. Es ist ein absolutes Schreckensszenario, aber Gott sei Dank sind keine Personenschäden entstanden – die vier Personen, die eine leichte Rauchvergiftung erlitten, ausgenommen. Mit ein bisschen zeitlichem Abstand können wir daher tatsächlich sagen, dass alle mit einem blauen Auge davongekommen sind. Der Unternehmer selbst sieht das übrigens genauso.

Dank des Einsatzes der Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindert werden, nur eine von acht Hallen war vom Brand getroffen.
Jerg: Es hat sich ausgezahlt, dass auf dem Betriebsareal in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen wie zum Beispiel die Einrichtung von Löschwasserteichen oder Retentionsbecken ergriffen worden sind. Das hat die Arbeit der Feuerwehren sicher erleichtert.

Anmerkung der Redaktion: Um den Großbrand unter Kontrolle zu bekommen, reichten die Löschbehälter am Firmenareal mit etwa 50.000 Liter Wasser nicht aus. Landwirte schafften offenbar mit Traktoren zusätzliches Löschwasser herbei. Die Einsatzkräfte der Feuerwehren mussten zudem trotz der Trockenheit Wasser aus dem Fluss Lauchert sowie von der Trinkwasserversorgung der Stadt Gammertingen entnehmen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn mehr als nur eine der acht Hallen von Reifen Göggel Opfer der Flammen geworden wäre.  

Worauf liegt mittlerweile Ihr Hauptaugenmerk?
Jerg: Gemeinsam mit dem Landratsamt wollen wir die kursierenden Befürchtungen mit Fakten widerlegen. Wichtig ist zu klären, was wo heruntergekommen ist. Wobei wir hier schon wissen, dass keine Chemikalien gebrannt haben, sondern in erster Linie Reifen, Lieferfahrzeuge und einige wenige Propangasflaschen. Das Misstrauen ist bei derartigen Ereignissen enorm, wir wollen möglichst viel Transparenz und Aufklärung schaffen. Dazu gehört auch, Fragen zu beantworten: Wie gehe ich mit dem Salat im Garten, verdreckten Spielplätzen oder auch nur der Schmutzschicht auf dem Auto um? Wir ducken uns nicht weg. Auch eine Bürgerversammlung im Wohngebiet ist denkbar, wenn neue Ergebnisse von Spezialfirmen vorliegen. Stand heute wurden die Grenzwerte jedoch eingehalten.

Sie waren selbst Gast bei der Hochzeitsfeier von Bruno und Corinna Göggel. Wie haben Sie die Situation am Samstagabend zwischen 22.30 und 23.30 Uhr erlebt?
Jerg: Die meisten Gäste haben sich nach dem Feuerwerk zurück ins Festzelt begeben, um live zu erleben, wie die Hochzeitstorte angeschnitten wird. Ein paar sind auch draußen geblieben, einer von denen rief irgendwann: Da brennt was! Da habe ich östlich der Halle Flammen gesehen, ein paar Minuten später waren sie auch an der hinteren Seite.

Holger Jerg meint: Brandschutzwache hat nichts falsch gemacht

Wie haben Sie die Situation und den Einsatz der Brandschutzwache vor Ort erlebt?
Jerg: Bevor ich an dem Abend überhaupt meinen Feuerwehrkommandanten auf dem Handy angerufen habe, war die Feuerwehr schon durch die Brandschutzwache alarmiert. Das waren alles andere als nur junge, unfähige Burschen, sondern teils langjährige und erfahrene Kommandanten und Gruppenführer. Mit dem Löschfahrzeug konnten sie jedoch nicht an beiden Stellen des Brandes sein. Aus meiner Sicht hat die Brandschutzwache – die nach Gesprächen zwischen dem Feuerwerker, dem Veranstalter und unserem Ordnungsamt beauftragt worden ist – nichts falsch gemacht.

Anmerkung der Redaktion: Noch am Montag hatte ein „anonymer Nachbar“ berichtet, dass die Wehrleute mit dem Feuerwerk etwas „zu locker umgegangen“ seien und sogar direkt nach dem Ende das Gelände verlassen haben sollen. „Alles Blödsinn!“, wehrt sich Daniel Zeiler, Kommandant der Gammertinger Feuerwehr, im Gespräch mit unserer Redaktion. Recht haben vermutlich beide. Erklärung: Um die Distanz zum ersten Feuer schnellstmöglich zu überbücken, verließ das Feuerwehrfahrzeug das Areal von Reifen Göggel und nutzte die abseits gelegene Lieferantenzufahrt. Zusätzliche Kritik am Verhalten der Brandschutzwache gibt es nach weiteren Berichten von Augenzeugen trotzdem: Schlauch und Feuerlöscher seien nicht griffbereit gewesen. Auch sei keine Wasserversorgung aufgebaut worden. Der Brand selbst wurde den Wehrleuten vor Ort zudem gemeldet, selbst bemerkt hatten sie ihn nicht.

Das bedeutet auch, dass die Brandschutzwache in Rechnung gestellt wird.
Jerg: Ja. Das war ein offizieller Auftrag, der entsprechend abgerechnet wird. Das Feuerwerk war keine Gefälligkeit. Es ist auch kein Geld geflossen. Ich lege auf Compliance-Themen großen Wert.

Pyrotechniker hat die Verantwortung. Punkt. Aus. Ende. Amen

Hätte das Feuerwerk im Vorfeld nicht trotzdem abgesagt werden müssen?
Jerg: Hinterher ist man immer schlauer. Bei den Planungen wurde jedoch bewusst Wert darauf gelegt, den Innenhof mit seinen asphaltierten Flächen ohne Brandlast zu nutzen – und eben nicht die im Gewerbegebiet gegenüberliegende Wiese. Das Feuerwerk wurde von einem zertifizierten Pyrotechniker durchgeführt. Er hat die Verantwortung. Uns wurde das Feuerwerk angezeigt, wir haben unsere Statements dazu abgegeben. Aber der beauftragte Pyrotechniker muss am Ende des Tages wissen, ob er das Feuerwerk durchführen kann oder nicht. Punkt. Aus. Ende. Amen.

Unsere Redaktion hat versucht, den ausführenden Pyrotechniker telefonisch zu erreichen, am Dienstag leider erfolglos. Stattdessen hat auf Nachfrage ein Feuerwerker aus Burladingen die Situation eingeschätzt. „Theoretisch hätte so ein Brand durch ein Feuerwerk gar nicht passieren können. Feuerwerkskörper, die wieder runterkommen, sind normalerweise erloschen“, erklärt Axel Niedenthal. Und weiter: „Ich weiß nicht, ob ich das Feuerwerk gezündet hätte.“

Es ist aber nicht so, dass die Stadt Gammertingen das Mitte Mai angezeigte Feuerwerk dann im Juli vergessen hat?
Jerg: Nein. Zwischen Mai und Mitte Juni gab es ohnehin Konkretisierungen und Änderungen hinsichtlich des Aufbaus seitens des Feuerwerkers. Auch in den letzten Tagen unmittelbar vor der Hochzeit gab es Gespräche. Die ursprüngliche Anzeige des Feuerwerks bestand bereits aus dem vergangenen Jahr im Vorfeld der damals geplanten Veranstaltung.

Holger Jerg nach dem Großbrand: Natürlich macht man sich Gedanken...

Anfragen für Feuerwerke erhält die Stadt Gammertingen vermutlich nicht so häufig…
Jerg: Richtig, Feuerwerke dieser Art und Weise sind kein Standardgeschäft für uns. Meinen Mitarbeiter im Ordnungsamt nehme ich daher auch in Schutz. Wir haben sogar nachgeforscht, ob beim Pyrotechniker die Erlaubnis aus dem Jahr 2014 überhaupt noch gültig ist.

Im Rückblick: Haben Sie Schuldgefühle oder denken, hätten wir es mal lieber abgesagt?
Jerg: Natürlich macht man sich Gedanken, was man hätte besser machen können. Für mich ist es eher eine Frage, wieso es plötzlich zwei weit voneinander entfernte Brandherde gegeben hat. War wirklich das Feuerwerk entscheidend für den Brand? Oder gab es andere Ursachen? Das muss die Kriminalpolizei jetzt untersuchen und klären.

Die Bild schrieb von „Protz-Hochzeit“ in Gammertingen. Stellt das Bruno Göggel richtig dar?
Jerg: Nein, überhaupt nicht. Bruno Göggel hat ein entsprechendes Einkommen und Vermögen. Wenn ich sehe, wie er die unternehmerische Verantwortung trägt, wie viele Mitarbeiter er beschäftigt, welche Entwicklung seine Firma in den vergangenen Jahren gemacht hat, wie stark er das Ehrenamt in unserer Region unterstützt, dann kann ich persönlich mit solchen Überschriften nichts anfangen.

Holger Jerg über Bruno Göggel: bodenständig und erfolgreich 

Ein Faible für schnelle und große Autos hat er aber schon…
Jerg: Ja, das ist auch in Ordnung. Jeder soll nach seiner Fasson leben. Ihn aber auf einen gold-folierten Mercedes oder einen sicher nicht alltäglichen Wohnwagen zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Ich kenne Bruno Göggel jetzt seit 23 Jahren, wir duzen uns auch, haben viele schwierige Zeiten zusammen erlebt. Ich kann ihnen versichern, er ist grundsätzlich bodenständig, fährt lieber rund um die Uhr auf einem Lkw oder Gabelstapler als seinen Wohlstand zu zeigen. Er will auch gar nicht in der Öffentlichkeit stehen. Er inszeniert sich deshalb auch nicht als Galionsfigur seiner Firma, sondern lässt stattdessen vieles seinen Marketingleiter Mike Hummel machen.

Was zeichnet Bruno Göggel als Geschäftsmann aus?
Jerg: Er denkt immer voraus, fragt sich, was ist in fünf Jahren? Mit seinen Online-Plattformen ist er europaweit tätig und erfolgreich. Er lehnt sich auch in Zeiten, in denen er sich zurücklehnen könnte, nicht zurück – das macht einen erfolgreichen Unternehmer aus.

Welchen Stellenwert hat Reifen Göggel für die Stadt Gammertingen?
Jerg: Ohne jetzt Steuergeheimnisse ausplaudern zu müssen: Reifen Göggel ist nicht unser größter, aber mit ca. 200 Mitarbeitern einer der großen Arbeitgeber.

Wann ist der ganze Trubel rund um den Großbrand vorbei?
Jerg: Für die Feuerwehr wird das Thema am Mittwoch (26. Juli) nach der vermutlich letzten Brandwache abgeschlossen sein. Im Moment sind schon Fachfirmen vor Ort, um Materialien zu trennen, zu beproben und dann bald einer fachgerechten Verwertung zuzuführen. Die Aufarbeitung der Belastungswerte wird sich aber noch ein paar Tage ziehen.

Feuer bei Reifen Göggel: Polizei weiß nichts von Platzverweisen

Wann rechnen Sie mit den Ermittlungsergebnissen zur Brandursache?
Jerg: Das weiß nicht, das wird noch ein paar Tage dauern. Offiziell hatte ich keinen Kontakt zur Polizei.

Ein Polizeisprecher des Polizeipräsidiums Ravensburg erklärte am Dienstagnachmittag unserer Redaktion, dass es hinsichtlich der Ermittlungen der Brandursache noch keine Neuigkeiten gebe. Auch Gerüchte, dass in der Brandnacht eine Person in Gewahrsam genommen worden sei, zudem mehrere Personen einen Platzverweis erhalten haben sollen, verwies die Polizei telefonisch ins Reich der Fabeln: „Von Platzverweisen und einem Festhalten einer Person ist mir nichts bekannt.“

Wie haben Sie Bruno Göggel in der Brandnacht vor Ort aufgemuntert?
Jerg: Wissen Sie, dass ist manchmal nicht so einfach. Man versucht, den Blick nach vorne zu werfen. Aber es gibt auch Momente, da dürfen auch Männer weinen.

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