Fettleber, Fibrose, Zirrhose „Die Leber leidet still“ – wo beim Trinken das Limit ist

Bettina Hartmann , aktualisiert am 19.03.2026 - 15:41 Uhr
Die Leber ist für unseren Körper enorm wichtig. Foto: KI/Midjourney/Maria Pichlmaier

Die Leber ist das einzige Organ, das sich vollständig regenerieren kann. Ein Stuttgarter Gastroentorologe erklärt, was ihr guttut – und was Alkoholverzicht wirklich bringt.

Sie ist das wichtigste Organ für den Stoffwechsel und hilft uns, unseren Körper zu entgiften: die Leber, die auch als Klärwerk unseres Körpers gilt. Im Interview erklärt Arthur Schmidt, Chefarzt der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart, was der Leber besonders schadet – und wie man sie schützen kann.

 

Herr Professor Schmidt haben Sie ein Lieblingsorgan?

Das nicht unbedingt. Aber die Leber finde ich faszinierend.

Was macht das Organ denn so außergewöhnlich?

Die Leber ist ein komplexes Organ – sie ist die Stoffwechsel-Zentrale unseres Körpers. Mit bis zu 1,5 Kilo ist sie unser größtes Organ und hat viele Funktionen. Sie produziert zum Beispiel lebenswichtige Eiweiße, speichert Eisen sowie verschiedene Vitamine. Außerdem ist sie für die Zuckerreserve des Körpers zuständig und erzeugt Cholesterin, das der Körper etwa zur Herstellung von Hormonen braucht. Auch für das Immunsystem ist die Leber zentral, und sie produziert Galle, die wir für die Fettverdauung brauchen.

Arthur Schmidt leitet die Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Foto: RBK

Die Leber wird auch als unser Klärwerk bezeichnet.

Tatsächlich gelangt quasi alles, was wir aufnehmen, letztlich zur Leber. Sie nimmt aber auch Giftstoffe auf, wandelt sie um und sorgt dafür, dass sie vor allem über die Nieren und den Darm ausgeschieden werden.

Die Leber gilt als besonders regenerationsfähig.

Das stimmt. Es ist erstaunlich, wie sich dieses Organ erholen kann.

Gibt es dennoch Grenzen der Selbstheilung?

Die Leber verzeiht viel, aber nicht alles. Eine Entzündung oder eine Verfettung kann, rechtzeitig entdeckt, vollständig ausheilen. Auch eine leichte Fibrose, also der krankhafte Umbau von Bindegewebe, kann noch rückgängig gemacht werden. Schreitet die Fibrose allerdings fort, kann man das stoppen oder verlangsamen, eine Heilung ist dann aber oft nicht mehr möglich. Das Endstadium ist die so genannte Zirrhose. Das grundsätzliche Problem ist, dass viele Erkrankungen der Leber spät oder gar nicht entdeckt werden.

Woran liegt das?

Die Leber leidet still. Zumindest im Anfangsstadium tut einem nichts weh. Das liegt daran, dass das Organ keine Schmerzrezeptoren hat. Schmerzen spürt man erst, wenn die Leber stark anschwillt, etwa bei heftigen Entzündungen oder bei großen Tumoren. Aber selbst bei einer fortgeschrittenen Vernarbung, also der Leberzirrhose, kann man lange schmerzfrei sein. Das ist das Tückische.

Wie entdeckt man Erkrankungen dann überhaupt?

Eine Gelbfärbung der Haut weist zum Beispiel auf eine Entzündung der Leberzellen hin. Symptome können auch Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Juckreiz sein. Aber Patienten mit frühen Stadien von Lebererkrankungen sind oft symptomfrei. Meist fällt bei Routineuntersuchungen beim Hausarzt oder Betriebsarzt durch die Leberwerte auf, dass etwas nicht stimmt.

Was schadet der Leber denn am meisten?

Fettlebererkrankungen beispielsweise hängen häufig mit einer zu kalorienreichen oder stark zuckerhaltigen Ernährung, Übergewicht und Diabetes zusammen. Eine große Rolle bei chronischen Leberkrankungen spielt oft auch Alkohol, seltener die Virushepatitis. Einige Medikamente, Autoimmunerkrankungen und Stoffwechselstörungen können der Leber ebenfalls Probleme machen.

Ab welcher Menge Alkohol wird es für die Leber dauerhaft riskant?

Das ist individuell, und es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Aber als Faustregel gilt: Bei Männern sind 24 Gramm reiner Alkohol das tägliche Maximum, also etwa 0,5 Liter Bier oder ein Viertel Wein. Bei Frauen ist es die Hälfte. Idealerweise sollte man aber weniger trinken – oder Alkohol auch ganz weglassen. Wir leben allerdings in einer Gesellschaft, in der Alkohol zur Kultur gehört. Wer eine gesunde Leber hat, muss auf gelegentlichen Genuss nicht verzichten.

Wie sieht es bei einer erkrankten Leber aus?

Generell gilt: Je fortgeschrittener die Lebererkrankung, desto konsequenter sollte man auf Alkohol ganz verzichten. Bei Fettlebererkrankungen empfiehlt sich eine Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme sowie mehr Bewegung.

Was bringt ein temporärer Alkoholverzicht – zum Beispiel sieben Wochen Pause in der Fastenzeit oder der Dry January?

Subjektiv gesehen tut das sicher gut. Und man nimmt ja auch ein paar Kilo ab. Rein medizinisch betrachtet sind solche Phasen bei Menschen mit gesunder Leber aus meiner Sicht unnötig. Einer Verfettung, Entzündung und sogar beginnenden Vernarbungen kann man mit einer Veränderung des Lebensstils aber tatsächlich entgegenwirken. Schon nach ein paar Wochen können sich erste Erfolge zeigen. Wer dann aber weitermacht wie zuvor, kann sich Verzichtsphasen schenken. Letztlich braucht es Kontinuität: Man muss dauerhaft gesünder leben.

Was ist eigentlich schädlicher: regelmäßige, leichte Schwipse oder immer mal wieder ein Totalabsturz?

Beides ist wahrscheinlich gleich schädlich – und letztlich kommt es auf die Gesamtmenge an. Beim Alkohol-Exzess kann es im Extremfall allerdings zu einem Leberversagen kommen.

Seit einiger Zeit sind sogenannte Detox-Kuren und Leberreinigungen in. Dabei ist oft auch von „Entschlackung“ die Rede.

Wissenschaftliche Nachweise für den Effekt derartiger Kuren und Leberreinigungen gibt es nicht. Der Körper, beziehungsweise die Leber erledigt die Entgiftung selbstständig.

Jeder vierte Deutsche leidet inzwischen an einer nicht-alkoholbedingten Fettleber – mit Folgen.

So ist es. Daraus können Fibrosen, Zirrhosen und sogar Leberkrebs entstehen.

Welche Tipps haben Sie also, damit die Leber langfristig gesund bleibt?

Hilfreich sind, wie so oft, wenig Alkohol, eine ausgewogene und gesunde Ernährung, viel Bewegung und die Vermeidung von Übergewicht. Nicht empfehlenswert für die „Lebergesundheit“ sind dagegen Nahrungsergänzungsmittel. Daran verdienen nur die Hersteller.

Zur Person

Werdegang
Professor Arthur Schmidt leitet seit Anfang 2023 die Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Zuvor war er fünf Jahre lang am Universitätsklinikum Freiburg Leiter der interdisziplinären gastrointestinalen Endoskopie. Stuttgart und die Region kennt er gut – seine klinische Ausbildung absolvierte er im Klinikum Ludwigsburg.

Forschung
Er ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Gastroenterologie. Auch in der Forschung ist der Mediziner aktiv, unter anderem im Bereich minimalinvasive Therapieverfahren, die Patienten häufig größere Operationen ersparen.