Beim Festakt zu den Ortsjubiläen von Mariazell und Locherhof sprach Herbert O. Zinell zu „Chancen und Risiken des ländlichen Raums“.
Am Mikrofon hantierend hatte der ehemalige Schramberger Oberbürgermeister die Lacher schnell auf seiner Seite, als er zu der Erkenntnis kam: „Manchmal hat eine kleinere Körpergröße auch den Vorteil, dass man mich nicht als größten Schwätzer betiteln kann“.
Die Bezeichnung „ländlicher Raum“ treffe auf Eschbronn bestens zu. Auf kleine und von Kooperation und Förderung abhängige Kommunen mit etwa 2000 Einwohnern richte sich sein Augenmerk.
Hohe Lebensqualität
Eines der Stärken sei zuvorderst die hohe Lebensqualität. Bemerkenswert sei auch die hohe Identifikation der Bürgerschaft mit ihrer Gemeinde, welche die Vereinsstruktur stärke und lokales Engagement begünstige.
Geschätzt werde die kommunale Steuerungsfähigkeit mit schnellen Entscheidungen, beispielsweise bei der Bauleitplanung. „Das Gewerbegebiet Ziegelhüttenweg ist noch nicht vollständig erschlossen und schon wird gebaut“, fiel Zinell positiv auf.
Junge Menschen
Für die Zukunft sei die Einwohnerentwicklung entscheidend. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren zöge es nach dem Schulabschluss oft in Städte, wodurch die Bevölkerung sinke. Die Ausweisung von Neubaugebieten führe nicht immer zur Trendumkehr, höchstenfalls zur Stabilisierung der Einwohnerzahl. Obwohl die Zuzugsentscheidung von jungen Familien vom Bildungs- und Betreuungsangebot abhinge, finde er die Entscheidung des Gemeinderats mutig, Standorte aufzugeben und die Qualität des Angebots zu steigern, betonte der Ex-OB.
Blick in den Innenbereich
Experten empfiehlten, den Innenbereich verstärkt in den Blick zu nehmen und eine höhere bauliche Dichte anzustreben. Mit Geschoss- und Mietwohnungen könne potentiellen Einwohnern ein breiteres Angebot an Wohnformen angeboten werden.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Vereine könne gerade im ländlichen Raum nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Sie sind in einer zunehmend digitalisierten Welt ein Hort des Analogen“, betonte Zinell.
Ob sich lokale Angebote durch bürger- oder genossenschaftliche Lösungen halten könnten, läge in erster Linie am Verhalten der Verbraucher. Die Abstimmung erfolge hier „mit den Füßen“.
Mobilität und Verkehr
Bei den Themen Mobilität und Verkehr sei visionäres Denken angebracht, um langfristig zu Lösungen zu kommen. Die Digitalisierung berge für den ländlichen Raum enormes Potential wie die Möglichkeit, von jedem Ort aus zu arbeiten.
Dadurch entfalle das Pendeln zumindest zeitweilig, und das Wohnen bleibe begünstigt. Sie setze aber ein schnelles Internet mit flächendeckendem Glasfasernetz voraus. „Da spielt Eschbronn in der ersten Liga mit“, hob der Ministerialdirektor a. D. hervor.
Bund und Land gefragt
Kleine Kommunen im ländlichen Raum litten zunehmend an klammen Kassen. Persönlich stehe er Zwangseingemeindungen skeptisch gegenüber. Da sähe er Bund und Land in der Pflicht, die Gestaltungskraft der Kommunen nach dem Motto „Wer bestellt soll auch bezahlen“ wieder herzustellen.
Gemeinden könnten durch eine verstärkte interkommunale Zusammenarbeit selbst etwas zur Problemlösung beitragen. Da gehe Eschbronn im Finanzwesen mit gutem Beispiel voran. Aber auch immer mehr Bürgermeister im Land sähen in der kommunalen Kooperation den „Zug der Zeit“, so der Festredner.
Tiefgreifender Wandel
In seinem Vortrag könne er zeitbedingt nicht alle Themen ansprechen. Eschbronn werde sich wie andere Kommunen in diesem und kommenden Jahren mit den Folgen des tiefgreifenden Wandels in Wirtschaft, Politik und Kultur auseinandersetzen müssen.
Es wäre falsch, in ein Krisenlamento oder in Panik zu verfallen und den vorhandenen Zukunftspessimismus zu verstärken. Es komme jetzt auf allen politischen Ebenen an, jetzt clever zu handeln, gesellschaftliche Entwicklungen vorwegzunehmen und in langen Linien zu denken.
Spezialisten vor Ort
Vor allem Kommunalpolitiker könnten sich als Spezialisten für Zusammenhänge beweisen. „Im Sinne dieser Überlegungen sehe ich Eschbronn gut aufgestellt“, bekräftigte Zinell.