Mario Biondi bei Jazz Open im Alten Schloss in Stuttgart Foto: Reiner Pfisterer/Jazz Open

Die Soul Diamonds und Mario Biondi haben bei der Sonderausgabe des Stuttgarter Festivals Jazz Open im Alten Schloss für Partystimmung gesorgt.

Stuttgart - Die verwunschen illuminierte Szenerie wirkt ein wenig surreal: Nach mehr als zwei Jahren herrscht im Alten Schloss wieder Festival-Stimmung. Und sobald die Musiker vor der Jazz Open-Kulisse zu spielen beginnen, denkt niemand mehr an Masken und an die Schlange am Eingang wegen der 3G-Zugangskontrolle: Endlich wieder Live-Musik! Auch der coole sizilianische Sänger Mario Biondi erscheint am Samstagabend ein wenig berührt. Er bedankt sich beim Veranstalter und beim ausgehungerten Publikum, das ihn herzlich aufnimmt, jeden Ton begierig aufsaugt und tosenden Beifall spendet. „Grazie!“, ruft Biondi in den Schlosshof.

 

Eine Sonnenbrille und ein Jäckchen mit geflügeltem Silber-Pailletten-Revers trägt der glatzköpfige Mann aus Catania, der auf den Spuren großer Crooner wie Barry White und Tom Jones wandelt. Biondi ist mit einem sonoren Organ gesegnet, das sich meistens selbst genügt, wenn er zum James-Bond-Sound mit Italo-Pop-Einschlag die Liebe besingt – zwischendurch sogar auf Italienisch. Diese Reminiszenz ans dolce vita schöner Urlaubstage bringt ihm einen Sonderapplaus.

Biondis virtuose Band hat viel Freiraum

Die exzellente Jazz-Band in Biondis Rücken sorgt für eine fein arrangierte Begleitung. Der Schlagzeuger und der Perkussionist erzeugen im Verbund federleichten Swing, schwebende lateinamerikanische Polyrhythmik und harte Disco-Funk-Beats, unterfüttert durch einen variablen Kontra- und E-Bassisten. Der Pianist setzt einfallsreich Stimmungen, zwei Bläser sorgen für exakt platzierte Akzente.

Die sechs hierzulande weitgehend unbekannten italienischen Jazz-Virtuosen haben viel Freiraum. Mit viel Gefühl fürs Melodische entfacht der Trompeter bei Soli kleine Feuer, der Bassist entpuppt sich bei einer flinkfingrigen Soloeinlage als Stimmungskanone: Zu seinem Groove echot das Publikum gerne die bei Rockkonzerten ritualisierten „Wohohohohos“. Zwischendurch singen die Musiker vielstimmig wie die Eagles, und beim ausgedehnten funky Abschluss-Jam hält es niemand mehr auf den Sitzen.

Hits von Stevie Wonder und Prince

Da hat das Publikum am Abend zuvor einen Vorteil: Beim Konzert der Stuttgarter Formation Soul Diamonds am Freitag ist der Innenhof unbestuhlt. Die Menschen singen und tanzen, schwenken die Arme, zelebrieren reine Lebensfreude – und wahren dabei intuitiv einen gewissen Abstand. Die hervorragend eingestellte Band macht es ihnen leicht mit sechs Vokalisten für alle Fälle und geschmeidigen Medleys aus Hits von Stevie Wonder („Superstition“), Earth, Wind & Fire („Fantasy“), Prince („Kiss“) und den Bee Gees („Staying Alive“). Zwei Frauen – Fola Dada und Eva Leticia Padilla- und zwei Männer – Charles Simmons und Derrick Alexander – teilen sich den Gesang, der Rapper Soul Elements animiert auch die größten Muffel zum Mitmachen. Eher ernst gibt sich der Gastsänger Ola Onabulé aus London, dessen Stimme an Al Jarreau erinnert und der gerne mal überzieht mit seiner bedeutungsschwangeren Theatralik.

Eigenkompositionen haben es immer schwer neben großen Hits, einige aber stechen heraus: „You don’t even know who I am anymore“ intoniert Padilla mit großer Stimme und großer Leidenschaft. Sie sorgt auch für viel Bewegung auf der Bühne mit Tanzeinlagen mit und ohne Fächer. Bei den Musikern um den Drummer Obi Jenne herrscht die Disziplin einer Partyband: Der vielseitige Gitarrist Dany Labana Martinez bekommt etwas Auslauf, die kompetenten Bläser Libor Sima (Saxofon), Christian Mück (Trompete) und Uli Röser (Posaune) zeigen in kurzen Soli, was sie können, dürften im Festival-Kontext aber – wie Biondis Musiker – gerne stärker zum Zug kommen. Die Stimmung indes ist prächtig, das Publikum feiert ausgelassen mit den Soul Diamonds – und das vor allem zählt wohl im Moment.

Programmatisch scheint die Rechnung aufzugehen

Die regulären Jazz Open-Ausgaben im Juli 2020 und im Juli 2021 sind coronabedingt ausgefallen. Der Festivalleiter Jürgen Schlensog ist ein hohes Risiko eingegangen, als er die Sonderausgabe im Herbst geplant hat – unter sehr besonderen Umstände. Weil die Auswahl an Künstlern eingeschränkt war, gibt es bei Jazz Open nun einige zu hören, die sonst vielleicht nicht auf diese Bühnen gekommen wären; im Zusammenspiel mit einem dankbaren Publikum, das lange auf Entzug war, geht die Rechnung bislang programmatisch auf. Wirtschaftlich möglicherweise nicht ganz: Viele Menschen scheuen weiterhin größere Ansammlungen, für alle Konzerte gibt es noch Karten.

Das Wetter hat es bislang gut gemeint. Die Soul Diamonds erwischen einen lauen Spätsommerabend, Biondi einen etwas kühleren, aber noch angenehmen. Der Regen am Samstag wirkt wie terminiert: Ein heftiger Schauer endet zehn Minuten vor 14 Uhr, pünktlich zum Beginn des Programms auf einer Jazz Open-Bühne im Park der Villa Reizenstein. Auch die am Regierungssitz versammelten Bürger lauschen Fola Dada, die im intimeren Format mit kleiner Band einfühlsam Soul-Balladen intoniert – und auch hier singt das Publikum schon nach wenigen Minuten gerne im Chor mit. Es hat eindeutig etwas gefehlt. Nun ist es endlich wieder da.

Jazz Open 2021

Das weitere Programm
  Im Alten Schloss: 13.9. Element of Crime; 14.9. Chilly Gonzales. Im Ehrenhof des Neuen Schlosses: 15. 9. Liam Gallagher; 16.9. Ben Howard und Indra Rios-Moore; 17.9. Sophie Hunger und Lianne la Havas; 18.9. Parov Stelar; 19.9. Amy McDonald und LP.

Zugangsbedingungen
 Es gilt die die 3G-Regel, nur Geimpfte, Genesene und Getestete haben Zugang zum Festival. Am Eingang befindet sich ein Testzelt. Kurz vor Konzertbeginn kann es wegen der Zugangsprüfung zu einer Schlangenbildung kommen. Sollte die Zahl der Intensivpatienten weiter ansteigen und das Land auf die 2G-Regel umstellen, würden Nichtgeimpfte und Nichtgenese laut Auskunft des Festivals ihr Eintrittsgeld zurückbekommen.