Das Neue-Musik-Festival „Der Sommer in Stuttgart“ von Musik der Jahrhunderte hat mit Techno-Schubert und virtuosen Etüden begonnen.
Stuttgart - Es gibt keinen Weg zurück. Zumindest nicht für Institutionen wie Musik der Jahrhunderte. Nachdem das Eclat-Festival für Neue Musik im Februar dieses Jahres als rein digitales Festival auf weltweite Resonanz stieß, wird das Streamen von Konzerten aus dem Stuttgarter Theaterhaus künftig zum Angebot dazugehören. Zumindest auch. Denn am ersten Abend des kleinen, spielerischen und experimentellen Festivals „Der Sommer in Stuttgart“ mussten sich Besucher vor Ort ernsthaft fragen, ob das Post-Präsenz-Zeitalter im Konzertleben überhaupt erstrebenswert ist: So viel Körperliches, so viel Kommunikation und so viel lebendige Unmittelbarkeit zwischen Bühne und Publikum war in den drei Veranstaltungen zu spüren.
Ob das Streaming die poetische Dichte vermittelte, die bei „nirgends“ dem Dialog von Klaus Langs mal geräuschhafte, mal still-meditative Partitur und den feinen Lichtprojektionen von Sabine Maier erwuchs? Ob daheim vor dem Laptop die Kraft der Beats und der Improvisation spürbar wurde, mit der die Sängerin und der Pianist des Duos Pearl in the Shell (PITS) gemeinsam mit Jan Brauer an der Live-Elektronik Schuberts „Winterreise“ befeuerten? Es ist zumindest zu bezweifeln. Schuberts Lieder, erst vom Komponisten Bernhard Lang in Loops getrieben („The cold Trip“, 2. Teil) und mit einer raffinierten Neudeutung von Purcells Frost-Arie umrahmt, dann von den Künstlern selbst mit Techno- und Hip-Hop-Sounds, Jazz und Soul hochenergetisch in unsere Zeit katapultiert, gingen einem beim „Schubert Remix“ nicht nur zu Herzen, sondern auch in den Bauch. Schubert, meinen der Pianist Vitaly Kiyanitsya und die Sängerin Viktoriia Vitrenko, sei „der größte Songwriter aller Zeiten“. Wer ihnen zuhört, möchte das sofort glauben.
Das Eröffnungskonzert ist eine virtuose Wunderkammer
Das Ensemble Ascolta gestaltete nicht nur die Licht-Musik-Komposition „nirgends“, sondern auch das Eröffnungskonzert, und das war eine mit Virtuosität prall gefüllte Wunderkammer. „Solitude“ der Siemens-Preisträgerin Rebecca Saunders, mit Kunst und Hingabe gespielt von dem Cellisten Erik Borgir, ist eine Nachtetüde, ein dunkles Capriccio. In Alvaro Carlevaros „verano del ángel“ bilden Countertenor (Daniel Gloger), Posaune (Andrew Digby) und Cello (Erik Borgir) einen gemeinsamen Klangkörper: Kleine, leise Gesten werden imitiert, multipliziert, das Instrumentale wird vokal, das Vokale instrumental – ein geschlossener Klangkosmos, dem man ewig lauschen könnte. Für die Uraufführung im Konzert sorgte schließlich der Pianist Florian Hoelscher mit Rolf Riehms Solostück „gestern aber heute hybrid 532“, das kurze musikalische Versatzstücke (Bach, Bruckner, Schlager) nach dem Zufallsprinzip aneinanderreiht. Das Ergebnis ist ein wildes Werk voller Aha-Erlebnisse, die wie ein Sturm an den Ohren vorüberfegen. Macht Lust auf mehr.
Mehr als Konzerte
Festival
„Der Sommer in Stuttgart“ bietet täglich Konzerte, Performances und eine interaktive Installation. Es endet am 27. Juli mit der Uraufführung von Sergej Newskis Dokumentaroper „Die Einfachen“. Informationen und Karten unter: www.mdjstuttgart.de