Nur etwa fünf Prozent der Deutschen nehmen die Bahn, um an ihren Urlaubsort zu kommen. Warum ist das so? Und was muss sich ändern, damit mehr auf den Zug aufspringen?
Unzuverlässiger Bahnverkehr, Staus auf Autobahnen, Chaos an Flughäfen – die Urlaubszeit wird wieder zur Nervenprobe für viele Touristen. Auch auf der Schiene herrscht oft Ausnahmezustand. Nun rächen sich frühere Versäumnisse.
Ohne viel leistungsfähigeren Schienenverkehr ist die Wende zu mehr nachhaltiger Mobilität nicht zu schaffen. Dabei beweist das 9-Euro-Ticket, dass die Bahn gerne genutzt wird, wenn Angebote attraktiv und unkompliziert sind. Aber bei längeren Urlaubsreisen ist der Zug viel zu selten eine Option.
Die meisten fahren mit dem Auto oder fliegen in den Urlaub
Nur fünf bis sechs Prozent der Deutschen nutzen laut Studien die Bahn, um an den Ferienort zu kommen. Die meisten fahren mit dem Auto oder steigen in den Flieger. Dabei können Zugreisen zumindest bei Zielen im Inland und in Nachbarländern eine entspannte, preiswerte und umweltschonende Alternative sein – wenn alles klappt.
Die Potenziale der Bahn gerade im Tourismus seien riesig, werden aber bisher „nicht annähernd genutzt“, wie Joos Hahn vom auf Bahnreisen spezialisierten Reisebüro Gleisnost in Freiburg kritisiert. Der Praktiker kennt die Defizite aus Erfahrung, zum Beispiel den abschreckenden Tarif- und Verbindungsdschungel im grenzüberschreitenden Verkehr: „Sobald die Reise über eine Landesgrenze geht, beginnt die Kleinstaaterei.“ Es fehle an Abstimmung, Tickets aus anderen Ländern seien bei nationalen Bahnen kaum erhältlich.
Peinlichkeit Nachtzuggeschäft
Einen „ganz guten Job“ bescheinigt Hahn dem DB-Konzern mit dem ICE-Verkehr auf ausgebauten Schnellstrecken im Inland wie Berlin–München und Frankfurt–Köln, wo dank kürzerer Fahrtzeiten inzwischen viele Reisende vom Flieger auf den Zug umgestiegen sind. Allerdings seien wichtige Langstreckenverbindungen abgeschafft worden, kritisiert Hahn: „Hier wurde viel versäumt und kaputtgemacht.“ Das habe in der Peinlichkeit gegipfelt, dass die Bahn ihr komplettes Nachtzuggeschäft aufgegeben und es Österreichs Staatsbahn ÖBB überlassen habe.
Wie groß das Interesse an Nachtzügen ist, zeigt für Hahn die ÖBB-Verbindung von München nach Rom, die meist schon kurz nach Buchungsstart ausverkauft sei, und das sechs Monate vor Abfahrt. Er vermisst mehr Angebote, zum Beispiel von Süddeutschland nach Kopenhagen, Prag oder Warschau: „Von alleine kommen die Bahngesellschaften hier nicht in die Gänge. Die Politik müsste gezielt Anreize schaffen, wenn es ihr wirklich ernst ist mit klimafreundlichen Reisen.“
Man arbeite an neuen Nachtverbindungen
Die Bahn lehnt eine Wiederaufnahme des eigenen Nachtzugverkehrs ab, will aber mit Partnern „in den nächsten Jahren gemeinsam auf der Schiene 13 europäische Millionenmetropolen über Nacht verknüpfen“, wie eine Sprecherin erklärt. So arbeite man an neuen Nachtverbindungen zwischen Berlin und Paris und zwischen Berlin und Brüssel, die 2024 starten sollen.
„Die entscheidenden Effekte für die Mobilitätswende erreichen wir im Tagesverkehr“, betont die Bahn. So biete ein ICE, der zwischen Frankfurt und Brüssel zweimal am Tag hin und her fahre, bei den vier Fahrten 1800 Plätze, der einmalige Nachtzug dagegen nur 250. Mit den neuen ICE 4, die in der XXL-Version 918 Fahrgäste befördern können, stünden in der Fernzugflotte drei Millionen Sitzplätze pro Woche bereit.
ICE-Direktverbindungen sind gefragt
Sehr gefragt sind laut Bahn die ICE-Direktverbindungen ins Ausland, zum Beispiel nach Paris, Amsterdam, in die Schweiz und nach Österreich. Besonders in Frankreich, Benelux, Spanien, Italien und Skandinavien kommen Reisende mit Highspeedzügen nationaler Bahnen in Metropolen, der Eurostar fährt zudem durch den Kanaltunnel auf die britische Insel. Und mit den beliebten Interrail-Tickets können selbst Senioren zum günstigen Pauschalpreis fast ganz Europa auf der Schiene erkunden.
Wer dennoch auf Flüge nicht verzichten möchte, kann die Bahn zur An- und Abreise am Flughafen nutzen. Die Bahn kooperiert mit mehr als 50 Airlines. Mit Rail & Fly lassen sich Züge zum Flughafen buchen und so die kurzen und deshalb besonders klimaschädlichen Zubringerflüge einsparen.
Bahnverkehr ist gegenüber dem Fliegen im Nachteil
Beim Deutschen Reiseverband sieht man vor allem die Politik in der Pflicht, im grenzüberschreitenden Bahnverkehr die Transportsysteme besser zu verknüpfen und buchbar zu machen. Auch die Allianz pro Schiene fordert mehr Tempo und vor allem ein Umsteuern in der Verkehrspolitik. „Wer den Tourismus nachhaltiger machen will, darf Bahnkunden nicht länger schröpfen“, sagt Geschäftsführer Dirk Flege. So sei grenzüberschreitender Flugverkehr von der Mehrwertsteuer befreit, der Zugverkehr nicht: „Umweltpolitisch ein Unding. Gleichbehandlung wäre das Mindeste, besser wäre eine Umkehrung.“ Auch Flugbenzin werde in Deutschland und Europa nicht besteuert, während Deutschland auf Bahnstrom die höchste Steuer in der gesamten EU kassiere.
Benachteiligung sieht Flege zudem bei der Infrastruktur, denn grenzüberschreitende Fernverkehrszüge sind auf die Oberleitung angewiesen: „Doch von 57 Grenzübergängen sind bisher nur 27 elektrifiziert.“ Insbesondere nach Polen und Tschechien sei für ICE und Nachtzüge „an fast allen Grenzübergängen der Eiserne Vorhang noch existent“.