Endlich wieder Gäste: Nach harten Monaten des Lockdowns ist das Feriendorf Tieringen wieder voll belegt und sein Leiter Bernhard Deyhle ganz im Glück. Er weiß, wie viel es den Besuchern bedeutet, aus dem Alltag mal rauszukommen.
Meßstetten-Tieringen - Nicht alles ist anders als sonst, dieser Tage im Feriendorf Tieringen. Kinder tollen auf den Spiel-, Bolz- und Volleyball-Plätzen herum, kümmern sich um die Tiere oder hopsen ins kühle Nass des Schwimmbads. Erwachsene genießen die Ruhe ohne Autolärm, von Natur umgeben, sitzen beim Kaffee zusammen oder gehen auf dem weitläufigen Gelände spazieren. Wer will, schließt sich einem der Programmpunkte an, und wer nicht will, lässt es bleiben, lebt in den Tag hinein, mal ohne Uhr und Terminkalender.
"Durch Corona schätzen die Menschen den Wert von Urlaub, auch innerhalb Deutschlands, wieder mehr", das ist Bernhard Deyhle, dem Leiter der Einrichtung des Vereins für evangelische Familienferiendörfer in Württemberg, nach den harten Monaten des Lockdowns bewusst geworden. Ihn freut es, dass alle Mitarbeiter nach der Kurzarbeit wieder voll im Einsatz und die 40 Ferienhäuser im Ober- und Unterdorf alle belegt sind. Seit kurz nach Pfingsten.
Das Publikum freilich setzt sich etwas anders zusammen als vor Corona: Chöre, Seminare, Schulen, die sonst – vor allem im Herbst – das Dorf oberhalb von Tieringen bevölkern, "sind zu 80 Prozent weggebrochen", sagt Deyhle. Stattdessen seien mehr Familien, vor allem kinderreiche oder mit einem Familienmitglied, das eine Behinderung hat, zu Gast.
Förderprogramm für Familien helfen auch dem Feriendorf
Ein Grund: Seit Ende Mai gebe es in Nordrhein-Westfalen (NRW) ein Förderprogramm für solche Familien. Ab Oktober soll ein solches Programm mit dem Titel "Auszeit für Familien nach Corona" mit Zuschüssen auch bundesweit aufgelegt werden. So beherbergt das Feriendorf Familien, die es verdient hätten, mal dem Alltag zu entfliehen, und – nicht zuletzt – eine Reihe von Stammgästen, die immer wieder gerne kommen. Nicht nur solche, die dabei auf einen Zuschuss angewiesen sind.
Ob die Kinder durch Fern- und Wechselunterricht sowie die Isolation zu Hause schulisch zurückgeworfen wurden, steht für Deyhle und sein Team – darunter auch ehrenamtliche Ferienhelfer – dabei nicht so sehr im Vordergrund. Im Urlaub sollen auch sie nicht an den Alltag und die Schule denken, sondern das Zusammensein mit anderen genießen, Sport treiben, spielen dürfen. "Vormittags von 10 bis 11.30 Uhr bieten wir für Gruppen ein unterhaltsames und kreatives Programm", erklärt Deyhle. Am Nachmittag bestehe dann altersübergreifend die Möglichkeit, Fußball oder Volleyball zu spielen, Gelände- und Outdoor-Spiele zu spielen oder an einem Ausflug teilzunehmen, etwa zum Fossiliensuchen.
Deyle selbst moderiert die "Atempause" auf dem Gelände, in der die Teilnehmer Gedankenimpulse bekommen und zur Ruhe kommen können. Dazu führt er sie über das vielseitige Gelände zu den Kunstwerken von Thomas Putze an den so genannten Impulsstationen. Am Zugang zum großen Haupthaus etwa begrüßt eine Figur aus Holz die Besucher.
Sie schleppt noch ein Päckchen hinter sich her. Andere Päckchen hat sie bereits fallenlassen, und eine Hand streckt sie zum Himmel, scheint zu winken oder sich zu strecken und durchzuatmen. Das soll auch den Gästen gelingen: Ihr Alltagspäckchen mal hinter sich lassen, durchatmen, Last verlieren. Den Hinweis, dass das zuweilen schwere Leben auf Erden nicht das einzige sei, verbindet Deyhle mit einer kleinen Geschichte von Zwillingen im Bauch der Mutter, die eine Frage kontrovers diskutieren: "Gibt es ein Leben nach der Geburt?"
An einem Steinkreis, etwas versteckt weiter hinten am Hang, wo es auf die Perspektive ankommt, wenn man das Kreuz entdecken will, und der die Hauskapelle ersetzt, spricht Bernhard Deyhle über Tiere, Adler im Speziellen. Gott gehe mit seinem Volk um wie ein Adler mit seinen Küken, zitiert er aus dem fünften Buch Mose. Er werfe sie aus dem Nest, begleite ihren Flug, "und wenn sie fallen, ist er da".
So viel wie möglich findet derzeit draußen statt
Dass so viel wie möglich draußen stattfindet, wenngleich drinnen Lüftungsanlagen in Betrieb und Fenster offen sind, ist der Pandemie geschuldet. Maskenpflicht besteht für die Besucher im Feriendorf, die nach aktueller Coronaverordnung geimpft, genesen oder getestet sein müssen, hingegen nicht. Wer Abstand halten wolle, für den sei das leicht, stellt Deyhle klar, zumal jede Familie ohnehin ihr eigenes Haus bewohne. Spiele mit engem Körperkontakt sind dennoch vorerst nicht eingeplant. So haben Bernhard Deyhle und sein Team einen Mittelweg gefunden, der es allen ermöglicht, geschützt Urlaub zu machen, ohne dabei ständig an Corona zu denken – unbeschwert soll es zugehen.
Weil die Ferienhäuser auf sechs bis acht Personen ausgelegt sind, finden auch Patchworkfamilien genug Platz, von denen es immer mehr gebe, wie Deyhle beobachtet hat. Außerdem bietet es Alleinerziehenden die Möglichkeit, zusammen mit einer oder einem anderen Alleinerziehenden samt Kindern ein Haus zu teilen. "So können sie sich gegenseitig entlasten und sich die Kosten teilen", betont der Leiter, der zurzeit eine ganze Reihe solcher Familien mit nur einem Elternteil zu Gast hat – diese Möglichkeit des Urlaubs schreibe das Feriendorf eigens aus, doch bunt zusammengesteckt würden die Familien freilich nicht, hebt er ausdrücklich hervor. Die meisten, die sich anmeldeten, teilten das Haus mit jemandem, den oder die sie bereits kennen.
Stolz ist Bernhard Deyhle darauf, dass keiner seiner Mitarbeiter finanziell unter der Kurzarbeit zu leiden gehabt habe, und geht inzwischen davon aus, "dass wir nicht mehr geschlossen haben müssen – da muss künftig differenziert werden".