Die Autorin und Journalistin Anika Landsteiner erzählt in ihrem Buch „Sorry not sorry“ von Scham, warum vor allem Frauen dieses Gefühl oft ein Leben lang begleitet – und was dies mit Macht und Unterdrückung zu tun hat.
Im Café mit dem Tablett über die eigenen Füße zu stolpern oder eine Läster-E-Mail an den falschen Empfänger zu schicken – solche kleinen Peinlichkeiten passieren uns allen. Meistens lachen andere dann kurz über uns – vergessen es dann aber auch schnell wieder. Doch der, dem das Missgeschick passiert ist, schämt sich oft noch lange. Größer ist unsere Scham sogar, wenn wir gegen gesellschaftliche Normen verstoßen. Einen Mann in der Öffentlichkeit zu treffen oder gar ein Kind zu bekommen, ohne verheiratet zu sein, führte zum Beispiel für Frauen über Jahrhunderte hinweg zur gesellschaftlichen Ausgrenzung.
Die weibliche Scham – dieses Gefühl thematisiert die Münchner Beststellerautorin und Journalistin Anika Landsteiner („So wie du mich kennst“) in ihrem neuesten Buch „Sorry not sorry“. Auch heute noch schämten und entschuldigten sich Frauen nach wie vor häufiger als Männer: für den eigenen Körper, weil sie als zu erfolgreich gelten, Single sind oder kinderlos bleiben. Landsteiner kämpft selbst häufig mit diesem Gefühl, weshalb ihre Essays alle eine sehr persönliche Note enthalten.
Es geht darin unter anderem, um Scham im Zusammenhang mit Arbeit und Finanzen, Nacktheit, das Singledasein, aber auch um Selbstwert und erlebte Grenzüberschreitungen. Aus ihrer Sicht erzeugen viele gesellschaftliche Erwartungen, wie eine Frau zu sein hat, auch heute noch viel Druck und schränken deren persönliche Freiheit ein.
Scham wird oft instrumentalisiert
Scham ist ein Gefühl, dass Menschen vor sozialer Ausgrenzung bewahrt. Es sorgt häufig dafür, dass wir uns an gesellschaftliche Regeln halten. Doch Scham diene schon lange nicht mehr nur als Wächterin der sozialen Grenzen, sie werde auch von Mächtigen instrumentalisiert, um Kontrolle auszuüben und Normen zu festigen, schreibt Landsteiner.
Frauen würden dazu erzogen, an das Modell „Mann, Frau, Kind – die heilige Dreifaltigkeit der Leistungsgesellschaft“ zu glauben. Nach wie vor seien „die gesellschaftlichen Strukturen auf Partnerschaften ausgelegt“: Singles zahlten mehr Steuern, mehr für die Wohnung, mehr für Lebensmittel und im Hotel sei das Doppelzimmer ebenfalls günstiger als das Einzelzimmer. „Wer sich dem nicht fügt – wie alleinstehende und kinderlose Frauen – , setzt sich oft gemeinen und zutiefst beschämenden Zuschreibungen wie der der alten Jungfer aus: Eine ältere unverheiratete Frau hat ‚keinen abbekommen‘“, schreibt Landsteiner.
In vielen Lebensbereichen würden für Frauen nach wie vor strengere Regeln gelten als für Männer – wie sie aussehen, wie sie leben, wie sie lieben, wie sie altern, wie sie nach außen präsentiert werden. „Diese Unterdrückung ihrer Gefühle ist subtil eingewoben in unser aller Leben. Es war schon immer ein Werkzeug der patriarchalen Gesellschaft, besonders den Körper der Frau zu instrumentalisieren“, sagt Landsteiner.
Wie sehr das Leben und Verhalten von Frauen von männlichem Machtgebaren und Unterdrückungsmechanismen abhängen, zeigt im Extremen die Situation von Frauen in Afghanistan und dem Iran. Frauen haben keinerlei eigene Rechte, sie müssen sich verhüllen, dürfen ihre Leben nicht frei gestalten – sie sind nicht sichtbar in der Gesellschaft.
Mädchen haben viel strengere Vorgaben in der Gesellschaft
Durch Macht- und Unterdrückungsmechanismen werden Schamgefühle in Menschen eingepflanzt – von klein auf. Jungen dürften sich dreckig machen, Mädchen sollten sauber und adrett aussehen. Und das hat Einfluss auf ihr Schamgefühl: „Statistisch gesehen schämen sich Mädchen und Frauen mehr als Jungen und Männer“, sagt Landsteiner.
Auch deshalb hat sie sich in ihrem Buch auf die weibliche Scham konzentriert. Auch sie hat dieses Gefühl schon immer persönlich begleitet: „Ich habe mich immer sehr schnell geschämt und mich beschämen lassen“, sagt sie in einem Video-Call. Bei ihr habe sich dies nicht nur gedanklich geäußert, sondern auch körperlich. Sie wurde schnell rot, fühlte sich angespannt, teilweise schon fast panisch. „Das hat mich in meinem Leben lange sehr ausgebremst“, sagt die 37-Jährige.
Missbrauchsopfer schweigen – aus Scham
Und auch andere Frauen in ihrer Familie. Ihr Buch beginnt mit der Geschichte ihrer Großmutter, die als junges Mädchen von einer Gruppe Jungen sexuell missbraucht wurde. Ihr Vater befiehlt ihr, darüber zu schweigen. Aus Scham. Dass dies seiner Tochter passiert ist. Die Geschichte ihrer Großmutter hat Landsteiner umgetrieben, denn, so schreibt sie, ist Scham nicht etwas, was die empfinden sollten, die etwas Peinliches getan haben? „Die sich fehlverhalten haben und daraufhin entblößt werden. Dieser Denkweise nach müssten sich die Täter schämen und nicht die Opfer“, schreibt sie in ihrem Buch.
Das Beschämen von Frauen, also das Schamgefühl, das ihnen von außen aufgezwungen wird, halte sich hartnäckig. „Das ist so tief in die Gesellschaft eingesickert“, sagt Landsteiner. „Umgekehrt ist ja auch der Vorsatz, sich nicht mehr beschämen zu lassen, ein sehr emanzipatorischer Akt. Gegen diese Schamgefühle aufzustehen, erfordert sehr viel Mut.“
Und, es gibt aus ihrer Sicht nach wie vor gesellschaftliche Strömungen, die kein Interesse daran haben, dass Frauen diese Scham verlieren. Wie alle Systeme will sich aus ihrer Sicht auch das Patriarchat erhalten, muss demnach alles dafür tun, um seinen Einsturz nicht zu gefährden. „Jemanden klein zu halten, das geht mit Scham sehr gut“, sagt Landsteiner. Zudem vermittle dies Menschen, sie seien mit ihrem Gefühl allein. Menschen wollen aber dazugehören.
Aber Frauen, die sich wehrten gegen die Beschämung oder sie gar ablehnen, würden von Tätern oder solchen, die Macht ausüben, als eine Bedrohung wahrgenommen. „Wer aus dem Raster fällt, kann für Umbruch sorgen – das muss in den Augen Mächtiger natürlich verhindert werden“, sagt Landsteiner.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema und diesem Gefühl, habe ihr persönlich wiederum geholfen, sie in einigen Bereichen ihres Lebens zu überwinden. „Ich kann vor allem besser damit umgehen, weil ich mir viel Wissen darüber angeeignet habe“, sagt Landsteiner. „Ich bin heute nicht frei von Scham, aber ich weiß inzwischen, die Scham hat auch etwas Gutes.“ Sie habe bei sich selbst nun einen entspannteren Umgang mit dem Gefühl festgestellt: „Ich muss auch nicht mehr jeden Kampf kämpfen.“ Ein wichtiger Schritt sei dabei für sie gewesen, dieses Buch nicht nur zu schreiben, sondern es auch zu veröffentlichen.
Kinder schämen sich für vieles überhaupt nicht
Scham könne Menschen dazu motivieren, sich selbst zu kritisch zu betrachten, was dazu führen kann, dass sie sich in sozialen Situationen zurückhaltender und distanzierter verhalten, schreibt ein Team von Forschern um den Psychologen Patrick Schuster in ihrem Bericht „Die Rolle von Scham und Schuld bei sozialen Angststörungen“.
Wenn ein starker Wunsch nach positiven Reaktionen von anderen mit einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden sei, empfinden Menschen sogar übertriebene Scham. Dies kann dann auch psychische Störungen wie Ängste, Essstörungen oder psychosomatische Krankheiten begünstigen.
Manche Forscher sind demnach der Meinung, dass Scham oft mit einem schwachen Selbstwertgefühl verknüpft ist. Einig ist man sich in der Wissenschaft, dass Scham nicht direkt angeboren ist, sondern sich erst beim Heranwachsen entwickelt. Kleine Kinder bohren noch ungehemmt in der Nase, rennen nackt durch den Garten, sagen jedem Fremden direkt ihre Meinung ins Gesicht oder pupsen ungehemmt.
Das Gefühl der Scham entsteht laut der Psychologin Bettina Schurke etwa um das dritte Lebensjahr, spätestens bis zum siebten Lebensjahr, wenn Kinder ein Konzept von sich selbst entwickeln. Die Psychologin Gabriele Haug-Schnabel schreibt in ihrem Essay „Schäm dich“ ergänzend: „Kinder sind schamlos. Doch plötzlich werden sie verlegen, verstecken sich, wo sie vorher unbefangen waren.“ Die Unbefangenheit könne dann fast in eine Art „Prüderie“ umschlagen. Sie sieht die Scham als „Entwicklungsphänomen“, das beeinflusst wird durch die kulturelle Umgebung oder die familiäre Ansichten.
Anika Landsteiner möchte, dass Frauen sich „gesehen fühlen mit dieser Empfindung“, die manchmal „so überwältigend“ sein könnte. Und dass sie vielleicht auch den Mut aufbringen, Scham zu fühlen, aber sich nicht von anderen beschämen zu lassen.
Autorin und Werk
Autorin
Anika Landsteiner wurde 1987 geboren und arbeitet als
Werk
Ihr aktuelles Buch „Sorry not sorry – über weibliche Scham“ ist bei Rowohlt erschienen und kostet 20 Euro. (nay)