Die Triennale Kleinplastik ist ein Höhepunkt in Fellbach. Gezeigt wird topaktuelle Kunst rund um das Thema „Habitate“. Das klingt sperrig, ist es das auch?
Am Ende sind vermutlich alle stockbesoffen. Zumindest liegen leere Flaschen herum. Die Kühlschränke hinter dem Tresen wurden geplündert und die letzten Partygäste klettern über Sessel und Sofas. Es sind Insekten, die in diesem abgerissenen Kellerklub eine wilde Sause gefeiert haben: Gottesanbeterinnen und Stabschrecken. Das Münchner Künstlerduo M+M hat die Tiere zu Hauptdarstellern des unheimlichen Kurzfilms „Club Bunker“ gemacht und sie dazu in einem selbst gebauten Modell mit winzigen Möbeln und Requisiten ausgesetzt. Darin kommt es zu kuriosen Szenen – und staksen die Viecher mit ihren dürren Beinen die Treppe hoch oder stehen vor dem Klo.
Der Chefin geht es um Inhalte
Auch ein schäbiges Kellerloch aus Pappe kann zum Lebensraum werden. Um „Habitate“ geht es in der neuen Triennale Kleinplastik, die an diesem Wochenende in der Alten Kelter in Fellbach eröffnet wird. In früheren Jahren haben sich die Gastkuratoren immer wieder am Begriff „Kleinplastik“ abgearbeitet und kühne Thesen formuliert, warum auch große, spektakuläre Werke als Kleinplastik definiert werden können. Die diesjährige Leiterin Claudia Emmert, die sich Ina Neddermeyer hinzugeholt hat, schert sich nicht um kunsthistorische Definitionen. Ihr geht es allein um Inhalte.
Und die haben es in sich. Die Triennale befasst sich mit „Über_Lebensräumen“ und den großen aktuellen Sorgen unserer „durch planetare Polykrisen geprägte Zeit“, wie es etwas sperrig heißt. Also Klimawandel und Pandemien, Digitalisierung, Migration und Krieg. Das klingt düster; düsterer, als es mancher künstlerische Beitrag ist. Denn der kleine SUV, den Folke Köbberling aus kompostierbarem Material nachgebaut hat, will ein positives Signal geben. Auch Julia Lohmann will Hoffnung machen mit ihrer Skulptur aus umweltfreundlichen Algen, einem großen Objekt, das an der Decke hängt.
Christian Jankowski sammelt Parfüms
Sogar dem Krieg hat Christian Jankowski eine zivile Wendung gegeben. Als der Stuttgarter Kunstprofessor vor zwei Jahren zur Biennale nach Ecuador eingeladen wurde, ließ er von einem Parfümeur verschiedene Düfte kreieren und heuerte die Bürgergarde vor Ort an für eine ungewöhnliche Performance. Mitten in der Pampa traten die martialisch ausstaffierten Ordnungshüter in zwei Gruppen gegeneinander an – allerdings nicht mit Gewalt, sondern mit feiner Nase. Sieger des „Geruchsmanöver“ war, wer den Duft des Feindes erschnuppern konnte.
Den Parfums, die in Fellbach nun ausgestellt sind, gab Jankowski übrigens Namen, die er aus Texten der Kuratoren geklaut hatte: „Soft Power“, „Democracy“ oder „Ideology“. Damit parodierte er die beliebte Marotte, Kunst in Kategorien zu pressen und mit Labels zu versehen. Jankowski wäre auch in Fellbach mehr als fündig geworden, denn die Kuratorinnen bombardieren ihr Publikum förmlich mit Rubriken und Schlagworten. Mit akademischer Gewissenhaftigkeit haben sie das Thema durchdekliniert und die Werke sortiert nach kultivierten Habitaten, verlorenen oder toxischen Habitaten, postkolonialen und hybriden. Auf zahllosen Jalousien, die über den Köpfen hängen, wollen zudem Schlagworte das Denken lenken. „Ausbeutung“ ist da zu lesen, „Perspektivwechsel“ oder „Klimaverbrechen“.
Möwen verrecken im Öl
Es liegt auch an der luftigen Kelter, dass sich die Werke trotzdem als angenehm widerständig erweisen und man beim Rundgang direkt in einen Dialog mit ihnen treten kann – statt sich artig auf den vorgegebenen „Wanderwegen“ durch die Kategorien zu lesen. Bei den schwarzen Kreaturen, die am Boden liegen, ahnt man sofort, welches Schicksal sie ereilt hat. Es sind Glasskulpturen von Monira Al Qadiri, die sich mit Erdöl befasst, das ihre Heimat Kuwait reich gemacht hat – das aber auch zahllosen Möwen und Reihern, Schwalben und Gänsen das Leben kostete. Sie verreckten während des Golfkriegs jämmerlich im „schwarzen Gold“.
Dass die Kuratorinnen nicht allein auf die Wirkkraft der Kunst vertrauen und sie auch nicht so inszenierten, dass sich die Zusammenhänge von selbst vermitteln, mag dem Thema geschuldet sein, das sehr groß ist. Rebecca Ackroyd erstellt aus Fiberglas Abgüsse von Körperteilen – weibliche Unterleibe in Unterhose oder Stiefeln. Auch der Körper kann als Habitat verstanden werden, so, wie auch der Spargel seinen Lebensraum, also sein Habitat im Fellbacher Acker hat. Um darauf anzuspielen, hat Annika Boll Plastikspargel aus dem 3 D-Drucker produziert. Der Titel: „Bitte nicht gießen, ich bin künstlich“.
Karin Sander bedient sich bei Google Maps
Die Beiträge der rund fünfzig Künstlerinnen und Künstler sind ganz in der Gegenwart zuhause. Es gibt Interessantes zu entdecken oder zu bestaunen – wie die Protestcamps von Lützerath oder auf dem Kairoer Tahrir Platz. Rokas Wille hat aus Fotos liebevoll Modelle dieser „verlorenen Habitate“ gebastelt. Wie sich unser Blick auf Habitate durch die Digitalisierung verändert, zeigt eine der raffiniertesten Beiträge: Karin Sander hat für ihre Serie „Ideoscapes“ die dreidimensionalen Geodaten von Google Earth benutzt und daraus kleine Modelle mit dem 3-D-Drucker erstellt. Die Miniaturen des Piz Linard oder vom Grindelwaldgletscher sehen befremdlich aus – und können uns eine Mahnung sein, digitale Bilder nicht so selbstverständlich für Realität zu halten.
Personen
Für Claudia Emmert wurde 1965 in Stuttgart geboren und hat nach Studium und Promotion in Fellbach die Galerie der Stadt geleitet. Nachdem sie in den vergangenen Jahren das Zeppelin Museums Friedrichshafen geleitet hat, wird sie im Dezember Intendantin des Kunstmuseums Bonn. Ihre Ko-Kuratorin Ina Neddermeyer leitet das Museum Giersch in Frankfurt.
Info
Die Triennale Kleinplastik ist bis 28. 9. in der Alten Kelter Fellbach zu sehen und Di - Fr von 14 bis 19 Uhr geöffnet, Do von 14 bis 21 Uhr und Sa, So von 11 bis 19 Uhr.