Die Feierhalle auf dem Buchrainfriedhof in Vaihingen: Bereits vor Jahrzehnten gab es Kritik an dem als Provisorium errichteten Gebäude, genutzt hat es kaum    Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In Stuttgart gibt es mehr Friedhöfe als Aussegnungshallen. Trauergemeinden sind deshalb bei Bestattungen mitunter Wind und Regen ausgesetzt. Außerdem sind viele Hallen sanierungsbedürftig. Aber für Investitionen fehlt es an Geld.

Stuttgart - Die Feierhalle auf dem Buchrainfriedhof in Vaihingen ist „immer noch eine Schande“, sagt Michael Schlegel. Bereits vor 28 Jahren hat der Rentner die Halle kritisiert: Sie „hat bei mir einen negativen Eindruck hinterlassen. Das Provisorium vermittelt den Rahmen zweiter Klasse“, schrieb Schlegel damals in seinem Brief an den früheren Leiter Karl Klöpping. Vor kurzem war Schlegel wieder auf dem Friedhof. „Nichts ist in den vergangen 28 Jahren geschehen“, stellt er empört fest.

Zu klein, sanierungsbedürftig oder so gebaut, dass die ganze Trauergemeinde oder ein Teil den Witterungsverhältnissen schutzlos ausgeliefert ist: Auch aus den Bezirksbeiräten kommen Klagen über den Zustand der Feierhallen. „Die Stadt hat die Verantwortung für die Gebäude“, sagt Beate Bulle-Schmid und fordert: „Trauerfeiern brauchen einen Rahmen, der einen Abschied mit Anstand und in Würde ermöglicht.“

Dem Anspruch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Gemeinderatgenügen derzeit jedoch längst nicht alle Feierhallen: Den 41 Friedhöfen, auf denen in Stuttgart bestattet wird, stehen 23 Feierhallen und 12 Überdachungen für die Trauerfeiern gegenüber. Der Pragfriedhof und der Friedhof in Zuffenhausen haben jeweils zwei Feierhallen. In Hedelfingen, Obertürkheim und Uhlbach ist die Kirche dem Friedhof angegliedert, so dass die Trauergemeinde dort Abschied von Verstorbenen nehmen kann. In Zazenhausen, Rotenberg, Riedenberg, auf dem alten Friedhof in Degerloch und Sillenbuch sind die Trauernden jedoch Hitze, Kälte Wind und Regen ausgesetzt. Auf den Friedhöfen dort gibt es weder Hallen, Überdachungen noch Kirchen .

An eine Erweiterung oder den Neubau von Feierhallen ist laut Harald Aust, Leiter der Abteilung Friedhöfe beim städtischen Garten-, Friedhofs- und Forstamt derzeit nicht zu denken. „In der Regel reichen die Plätze aus“, stellt er fest und weist daraufhin, dass die Trauergemeinden schrumpfen. Grund ist unter anderem, dass oft nur noch enge Verwandte und Freunde zur Bestattung kommen. Nachbarn kennen sich gegenseitig nicht mehr so gut, dass sie einem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Und Bekannte wohnen häufig nicht in der Nähe und scheuen die weite Fahrt. „Wo Feierhallen ganz fehlen, ist meist kein Platz für einen solchen Bau“, sagt Aust. Seine Erfahrung: Die Hallen, die zwischen 65 Sitzplätzen in Münster und 200 auf dem neuen Friedhof in Weilimdorf haben, reichen meistens aus.

Der Friedhofschef räumt allerdings ein, dass einige Hallen saniert werden müssten. „Viele sind schon Jahrzehnte alt. Die älteste Feierhalle auf dem Hauptfriedhof wurde vor rund hundert Jahren errichtet“, sagt er. Außerdem stellt er fest, dass viele Aussegnungshallen als Interimslösung gedacht und in Leitbauweise aus Holz gefertigt worden sind. Saniert wurde aus Kostengründen immer nur das aller Nötigste. Finanziert werden die Instandhaltungen aus dem Budget für den Bauunterhalt. Der liegt dass für die 126 Gebäude im Bereich der Abteilung Friedhöfe bei rund 600 000 Euro.

Bauliche Mängel seien das eine. Sauberkeit das andere, meint Helmut Ramsaier. Der Bestatter hat festgestellt, das viele Feierhallen und Aufbahrungsräume schmuddelig sind. Kürzlich habe ein Kunde deshalb entschieden, seine Mutter statt in Botnang auf einem anderen Friedhof beisetzen zu lassen. Auch die Halle auf dem Buchrainfriedhof sei ungepflegt. Harald Aust hält dagegen: „Unsere Räume sind in einem Zustand, der eine würdige Feier ermöglicht.“ Doch immerhin will das Garten-, Friedhofs- und Forstamt jetzt eine Bestandsaufnahme samt Kostenplan für die Sanierungen in Auftrag geben.

Für viele Trauernde und auch für Michael Schlegel ist das kein Trost. Die Argumente der Friedhofsverwaltung erinnern ihn an die Antwort, die er vor 28 Jahren vom früheren Friedhofschef Karl Klöpping erhielt. Der schrieb Schlegel: „ Die Bestattungseinrichtungen im Buchrainfriedhof sind provisorische Zweckbauten, die ersetzt werden ­sollen. Nach dem derzeitigen Stand der ­Finanzplanung ist kaum damit zu rechen, dass Finanzierung und Bauausführung vor Ende der 80er Jahre realisiert werden kann.“

„Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2016 – und alles ist beim Alten“ , sagt Michael Schlegel und zuckt mit den Schultern