Der 33-Jährige Mark Hohensee strebt für die FDP im Schwarzwald-Baar-Kreis in den Bundestag – wie er tickt, zeigt sich im Redaktionsgespräch.
Die vorgezogene Bundestagswahl rückt näher und mit ihr eine Premiere für Mark Hohensee.
Er will es bei der Wahl für die FDP in der Region wissen – und keiner sein, wie alle anderen. Was er unter Beweis stellen will, verrät er im Interview.
Selbst versuchen anstatt sich zu ärgern
Herr Hohensee, Sie haben vor einigen Jahren entschieden, politisch aktiv zu werden. Was war ausschlaggebend?
Mein Vater und ich haben uns jahrelang darüber aufgeregt, dass nie Leute in die Politik gehen, die draußen eigentlich noch arbeiten. Es werden immer weniger Handwerker, immer weniger Leute, die mit der technischen Materie vertraut sind. Also dachte ich, es wäre ja eigentlich cool, wenn mal wieder Handwerker mitmachen würden. Ich dachte: Vielleicht muss ich es einfach selber probieren, vielleicht wird es dann besser. Ich versuch’s.
Und dass Sie zur FDP gehen, war von Anfang an klar?
Sagen wir so: Ich habe mir natürlich mal angeschaut, was so an Programmen möglich ist. Am Ende des Tages geht es doch darum: Jeder möchte seinen Traum verwirklichen. Und ich habe meinen und bin jemand, der glaubt, wenn man sehr viel Freiheit zulässt, bekommen wir am Ende des Tages auch sehr viel Freiheit zurück. Wir haben die Chance, zu erreichen, dass jeder das Gefühl hat, mitgenommen zu werden, weil er sich entfalten darf. Der Eine möchte eine Familie, ein Eigenheim, der Nächste ein Start-up und die Welt retten – dieser Lebenstraum, glaube ich, ist ein ganz wichtiges Ding. Aber das haben wir verloren. Und ich bin damals zur FDP, weil ich bis heute daran glaube, dass ich diese Freiheit verteidigen möchte. Weil mir das einfach am Herzen liegt.
Die FDP galt lange auch als Unternehmerpartei? Sehen Sie das noch?
Ich war auf dem Landesparteitag mit Latzhose. Ich wollte damit eins erreichen: Ich weiß, dass wir ganz viele Kleinunternehmer, auch Selbstständige haben, und auch Leute, die noch in Handwerkskluft unterwegs sind, auch Angestellte. Und tatsächlich kamen ganz viele Leute zu mir und sagten, „Hey, das ist voll toll, dass du hier in Latzhose auf dem Landesparteitag warst. Ich glaube, wir kommen nächstes Mal auch in unserer unserer Arbeitskleidung, um diesen Laden mal aufzulockern.“ Ich finde das wahnsinnig schön, weil das zeigt, dass manchmal einer kommen muss, der etwas anders macht. Deswegen: Unternehmerpartei, nur bedingt. Ich glaube, es ist einfach die Partei der Menschen, die ihre Freiheit suchen. Und das können auch leitende Angestellte sein. Ich weiß, dass die meisten Leute, die gerne Leistung bringen und eigentlich einen freiheitlichen Lebensstil pflegen möchten, bei uns zu finden sind.
Gesetzt den Fall, ihre Kandidatur wird erfolgreich sein, dann wäre ihr Vorgänger aber ein Akademiker – Marcel Klinge. Worin unterscheiden Sie sich?
Marcel war jemand, der natürlich einen anderen Stil als ich hatte. Er kam aus dem akademischen Milieu und hat andere Ansätze gehabt. Ich habe dieses Thema immer überwinden wollen und wollte Vorurteile entkräften, wonach aus einem, der auf der Hauptschule war, nichts mehr wird. Denn wenn man dranbleibt, wird da auch was. Und es geht auch darum, anderen Menschen zu zeigen, dass es eigentlich nicht darum geht, wo man ist, sondern wo man hin will. Klar, Marcel Klinge hat eine sehr, sehr gute Arbeit gemacht und sich um das Thema Tourismus gekümmert, das bei uns in Baden-Württemberg ein sehr wichtiges ist. Mich sehe ich aufgrund meines Hintergrunds eher im Bereich Infrastruktur oder Bauen.
Ein Spannungsfeld – Infrastruktur und Bauen auf der einen Seite, andererseits versteht sich die FDP als Wirtschaftspartei und fehlt oft das Geld zum Bauen. Wo in der Region sehen Sie so großen Handlungsbedarf, dass das Geld dafür trotzdem da sein muss?
Für die Peterzeller-Brücke in Villingen zum Beispiel, das brennt vielen Leuten echt unter den Nägeln. Ich denke, wenn man Geld prioritär einsetzen möchte für Infrastruktur, findet das in solchen neuralgischen Punkten statt. Ich kann notfalls auch mal erleiden, dass ein Straßenschaden im Deckbelag ist. Aber wenn eine Brücke nicht mehr trägt, fällt vielleicht ein ganzer Straßenabschnitt aus. Ziel ist momentan, mit den begrenzten Mitteln möglichst punktgenau zu handeln. Und natürlich geht es auch um das Thema Netzausbau allgemein, der mir persönlich wichtig ist – aber auch den betreiben Privatunternehmen, da müssen wir als Staat nicht so viel eingreifen. Außerdem hat der Landkreis mit dem Zweckverband, was Glasfaser angeht, einen sehr guten Ansatz gewählt. Wir sind da eigentlich führend in Baden-Württemberg. Mit Geld sparsam umzugehen heißt ja nicht, nichts zu machen.
Nochmal kurz zur Infrastruktur, Sie haben die B 523 gar nicht genannt. Wie stehen Sie dazu?
Die B523 wird eine Entlastung bringen für den Raum Villingen, vor allen Dingen für den Bereich zwischen den Anschlussstellen auf der Bundesstraße 33, weil man den Verkehr schon vorher ableiten kann. Und für die Betroffenen, die kritisieren, dass sie dann den Verkehr vor der Haustür haben, wird man mit Lärmschutzmaßnahmen etwas tun. In Blumberg drückt das Thema Ortsumfahrung Blumberg-Zollhaus und auch die Situation am Randen. Das wird man zwangsläufig prioritärer behandeln müssen. Was mir aber eigentlich auch sehr am Herzen liegt: das Thema Gäubahn. Als Bauingenieur und Eisenbahnfan bin ich jemand, der fordert, dass wir hier weiterkommen. Es ist kein guter Zustand, dass wir es nicht schaffen, mit einem Zug in ähnlicher Reisezeit nach Stuttgart zu kommen wie mit dem Auto. Man braucht fast eine Dreiviertelstunde länger.
Blicken wir zur Wirtschaft – wir haben viele Forschungszentren. Gleichzeitig hängen viele Unternehmen noch an der Automobilindustrie. Wo sehen Sie unsere Zukunft?
Die Autoindustrie kann auch in der Zukunft existieren und wird auch noch existieren. Aber ich glaube, wenn wir den Verbrenner nicht mehr haben, werden wir uns über technologische Alternativen, mit denen wir Geld verdienen, mehr Gedanken machen müssen. Und das muss jetzt schon passieren. Deswegen ist Forschung an den Hochschulen wichtig. Aber wir haben da gerade ein Problem: Eigentlich sind wir zu spät dran. Wir müssen mit einer sehr breit angelegten Forschungsinitiative noch mal ran und Forschung auch steuerlich bei den Unternehmen begünstigen, damit sie das stemmen können. Und manchmal dauert es ewig bis Förderbescheide kommen – man müsste mal drauf schauen, ob die Prüfungsintervalle Sinn machen, ob man sie verkürzen kann, dass man schneller ins Tun kommt.
Und was wäre Ihre Alternative für den Verbrenner?
Ich bin da sehr offen, da gibt es viele Lösungen, die wir aktuell vielleicht noch gar nicht auf dem Plan haben. Ich gehe davon aus, wir werden eine Mischung aus diversen Dingen bekommen. Solange wir noch Verbrenner auf der Welt haben – und das werden wir noch eine Weile haben – werden wir auch für diese Kraftstoffe brauchen, die dann CO2 neutral sind. Wir können natürlich sagen, dass wir in Europa uns das leisten, früher aufzuhören, Verbrenner zu fahren. Ich glaube aber, dass der Rest der Menschheit noch eine ganze Weile diese Fahrzeuge nutzen wird. Die Technologieoffenheit würde ich sehr stark propagieren, es gibt nicht die eine beste Lösung, aber es gibt viele gute Ideen.
An anderer Stelle tut man sich gerade schwer mit guten Ideen. Wir haben heute einen Tag nach dem Angriff auf eine Kindergartengruppe in Aschaffenburg. Wie stehen Sie zum Thema Migration, wenn Sie solche Nachrichten hören?
Es ist sehr, sehr schmerzhaft, wenn so etwas passiert. Ich finde es wirklich sehr, sehr traurig, gerade, wenn Kinder betroffen sind. Das Problem ist: Wir sind bei diesem Thema sehr inkonsequent. Migration an sich ist gar nicht das Problem. Wir sollten uns mal fragen, ob wir ein Einwanderungsland sind. Was mich betrifft: Alle meine Mitarbeiter kommen aus dem Ausland und bleiben auch. Sie erzählen zwar immer, sie gehen wieder nach Hause, aber letztlich bleiben sie doch. Wir müssen also wissen, was wollen wir von jemandem, der zu uns kommt als Arbeitsmigrant. Solche Fragen haben wir jahrelang nicht beantwortet. Wir haben es laufen lassen und gemeint, das wird sich schon ergeben. Das ist ein Fehler. Dass man sich beispielsweise am gesellschaftlichen Leben beteiligt, mitgenommen wird, ist wichtig. Und wir müssen klarstellen, wie wir mit Menschen umgehen, die versuchen, unsere Grundwerte oder unsere Grundordnung aufzulösen in Form von Angriffen wie diesen. Im Übrigen ist das auch ein wichtiger Aspekt für Fachkräfte aus dem Ausland: Kann ich in Deutschland sicher leben? Eine diffuse Sicherheitslage können wir uns auch ihretwegen nicht leisten.
Haben wir denn eine diffuse Sicherheitslage?
Sagen wir mal so: Es ist ein latentes Gefühl für viele Menschen. Ich glaube, in Kombination mit der sozialen Unsicherheit, was das Geld und auch Jobs angeht, führt das zu einem sehr diffusen Gefühl. Um dem entgegenzuwirken, wird man um die Konsequenz nicht herumkommen: Wer sich nicht benimmt, für den muss es auch wieder einen anderen Weg geben. Alternative Aufenthaltsorte weltweit sind immer sehr gefragt. Und wer die Scharia möchte, der hat die Chance, in ein anderes Land zu ziehen.
Sehen Sie im Schwarzwald-Baar-Kreis konkrete Brennpunkte, wo in Sachen Sicherheit nachgeschärft werden muss?
Man merkt ja schon, dass die Stadt Villingen-Schwenningen durch mehr Ordnungskräfte zum Beispiel versucht, auch mehr Sauberkeit zu erreichen.
Wir sprechen jetzt aber nicht über Sauberkeit, sondern über Sicherheit.
Ja, aber das ist ein Baustein davon. Wenn ich einen Ort habe, der immer vermüllt oder wo immer irgendwas kaputt ist, dann begünstigt das dieses Unsicherheitsgefühl. Beim Thema Sicherheit werden wir um Ehrlichkeit nicht herumkommen und müssen uns generell Orte, wo die Situation angespannt ist, mehr anschauen.
Und wo sehen Sie diese im Schwarzwald-Baar-Kreis?
Das ist keine statische Sache. Wir sind ja nicht in einer Großstadt wie Frankfurt. Es sind eher einzelne Vorfälle, die immer wieder irgendwo aufkommen und gleichzeitig im Keim erstickt werden müssen. Sonst gerät man in die Situation, dass sich auf einem Platz immer die gleichen Täter treffen und immer Tumult herrscht. Wir haben keine expliziten Problemherde und deshalb wird man um eine verbesserte Abdeckung mit Streifenfahrten und Präsenz nicht herumkommen.
Auf der Straße unterwegs sein ist ein gutes Stichwort – wie machen Sie Wahlkampf und wie verträgt sich das mit Ihrer Tätigkeit im Unternehmen?
(lacht) Ich habe noch Überstunden. Die baue ich jetzt ab. Man muss ein bisschen mit den Terminen jonglieren, dann geht das eigentlich schon.
Und was wollen Sie erreichen – welches Wahlergebnis für sich halten Sie für realistisch?
Hm. Es wäre schön, wenn wir ein zweistelliges Ergebnis erreichen können, hier im Wahlkreis. Wir hatten letztes Mal ein sehr gutes und es würde mich sehr freuen, wenn wir das wieder schaffen. Wir kämpfen auf jeden Fall dafür und würden uns freuen, wenn uns die Leute ihre Stimme geben. Am besten beide.