Der ehemalige VfB-Stürmer Timo Werner feiert nach dem Triumph in der Champions League. Foto: imago//David Klein

Der Triumph des FC Chelsea in der Fußball-Champions-League hat auch etwas mit dem VfB Stuttgart zu tun.

Stuttgart - Angespannter Bizeps nennt sich das Emoji, das kleine Symbol, mit dem man Online-Nachrichten garnieren kann. Oder auch: „Muskel“. Frei übersetzt heißt es so viel wie: „saustark“. Und signalisiert Anerkennung.

 

Beim VfB Stuttgart haben sie das Bizeps-Emoji am Samstagabend genutzt – in folgender Twitter-Nachricht: „Aus unserem Nachwuchsleistungszentrum zum Champions-League-Titel. Herzlichen Glückwunsch Thomas Tuchel, Toni Rüdiger und Timo Werner.“ Der Trainer, der Abwehrspieler und der Stürmer haben am Samstagabend das Finale der Königsklasse 1:0 gegen Manchester City gewonnen. Sie coachen und spielen für den FC Chelsea – haben aber alle drei eine Vergangenheit in der Stuttgarter Talentschmiede.

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„Meine ganze Ansicht über Fußball, alles, was ich als Trainer weiß, hatte seinen Ursprung beim VfB.“ Das sagte Thomas Tuchel einst im Interview mit unserer Redaktion. Das war 2012, und der heute 47-Jährige war gerade Chefcoach beim 1. FSV Mainz 05. Kurz nach der Jahrtausendwende war Tuchel, der als Spieler für die Stuttgarter Kickers und den SSV Ulm am Ball war, auf dem Cannstatter Wasen als Nachwuchscoach eingestiegen. Erst bei der U 14, dann bei der U 15, dann holte ihn Hans-Martin Kleitsch als Co-Trainer zur U 19 – und erinnerte sich unlängst: „Thomas hatte eine herausragend gute Art, mit jungen Spielern umzugehen und sie zu formen. Er war brutal ehrlich und offen.“

Tuchels Lehrjahre in Stuttgart

Das Duo Kleitsch/Tuchel führte die A-Junioren des VfB 2005 zur Meisterschaft. „Ich bin so dankbar, dass es damals in Stuttgart so viele erfahrene Leute gegeben hat, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben“, sagte Tuchel vor dem Halbfinale der Champions League, „jeder Tag in Stuttgart war damals ein großes Geschenk für mich. Ich habe jeden Tag genossen.“ Bei den Weiß-Roten bleiben durfte der damalige Nachwuchscoach dennoch nicht. Tuchel zog weiter – nach Augsburg, nach Mainz, nach Dortmund, nach Paris, nach London. Längst sind es keine Nachwuchsspieler mehr, mit denen er zusammenarbeitet, sondern Topstars. Zu dieser Kategorie gehören spätestens seit Samstagabend auch Antonio Rüdiger und Timo Werner.

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„Steinharter Rüdiger“ – das schrieb am Sonntag die „Sun“ über den Abwehrspieler, der einst aus der Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund zur VfB-Jugend stieß. Wenig später rückte er zu den Profis auf – als talentierter, aber recht ungestümer Innenverteidiger. Seine fußballerische Art war lange ein Vabanquespiel, doch sein Potenzial wurde auch anderswo gesehen.

Nachdem er mit dem VfB 2015 den Klassenverbleib geschafft hatte, ging Rüdiger zum AS Rom, seit vier Jahren spielt er nun für den FC Chelsea. Im vergangenen Winter stand ein Wechsel zwar zur Debatte, weil Rüdiger unter Ex-Coach Frank Lampard wenig spielte. Unter Tuchel aber entwickelte sich der 28-jährige Nationalspieler in kurzer Zeit zum Stabilisator. „The Guardian“ lobte nach dem Finale: „Er ragte in der Defensive heraus.“

Schwierige Saison für Timo Werner

Das konnte man von Timo Werner zwar nicht sagen, da der Stürmer seine beiden Chancen in der Anfangsphase des Endspiels vergeben hatte, aber auch der dritte Ex-Stuttgarter bei den Blues hatte gehörigen Anteil am Titel. Im Halbfinale hatte er gegen Real Madrid getroffen, am Samstag riss er die entscheidende Lücke, die Kai Havertz zum Siegtreffer nutzte. Die „Daily Mail“ analysierte: „Die Stürmer, die sich bei Anlässen wie diesem Spiel nicht zeigen, muss man aufgeben. Aber Timo Werner hat sich gezeigt und bei jeder Gelegenheit den Ball gefordert.“ Er sei daher „kein hoffnungsloser Fall“.

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Als solchen hatte ihn manch ein Anhänger des VfB einst gesehen. Mit 17 hatte er bereits in der Bundesliga debütiert, in den Wirren ständiger Abstiegskämpfe und Trainerwechsel nahm seine Laufbahn aber nicht so richtig Fahrt auf. Das änderte sich nach dem Wechsel zu RB Leipzig – nach zuvor 14 Jahren im VfB-Trikot. Werner, heute 25 Jahre alt, lieferte Tore am Fließband – und ging im Sommer 2020 für über 50 Millionen Euro nach London. Dort erlebte er zwar ein schwieriges erstes Jahr, seit Samstag darf er aber vom genau richtigen Schritt sprechen.

Der VfB will weitere Toptalente ausbilden

Der VfB freut sich mit dem Trio, das auf Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Benjamin Pavard und Sven Ulreich folgt. Dieses Quartett mit Stuttgarter Vergangenheit gewann 2020 die Königsklasse mit dem FC Bayern. Wann die nächsten Ex-VfBler Europas Fußballthron erklimmen? „Es ist unsere Historie und unser Anspruch, Spieler so gut auszubilden, dass sie einmal für die deutsche oder eine andere Nationalmannschaft spielen können“, sagte vergangene Woche der VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. Dann wiederum wären die Talente auch für Europas Topvereine interessant. Hitzlsperger bat aber um Geduld: „Wir brauchen Ausdauer und einen langen Atem.“ Immerhin: An Vorbildern mangelt es nicht.